Die Muschel auf dem Berg. Über Nicolaus Steno und die Anfänge der Geologie

Alan Cutler, Harald Stadler


Dass das geflügelte Wesen im Solnhofener Kalkstein Millionen von Jahren alt war, stellte um 1861 kein Wissenschaftler mehr infrage. Zwei Jahrhunderte zuvor ging die geologische Uhr noch anders. 1655 hatte der irische Bischof James Ussher die Entstehung der Welt auf den 23. Oktober 4004 v. Chr. datiert. Zur selben Zeit begann der kometenhafte Aufstieg des dänischen Naturforschers Nicolaus Steno (1636-1686), der zunächst als Anatom die Pariser Ärzte staunen machte, um danach im erlauchten Kreis der Accademia del Cimento am Hofe der Medici in Florenz zu brillieren. Dort richtete Steno seinen anatomischen Blick vom menschlichen Körper auf die zahlreichen Steinbrüche der Toskana und deren geologische Vielfalt.

"Die Muschel auf dem Berg", so der Titel von Alan Cutlers Buch, war eines der ungelösten Rätsel der Zeit. Hatte die Sintflut die geringelten Versteinerungen hochgespült? Oder hatte Gott sie dort geschaffen? Aber zu welchem Zweck? Wuchsen Steine, wie vielfach geglaubt wurde? Für Steno waren es echte Muscheln, "Sedimente eines schlammigen Meeres", die Zeugnis ablegten von der bewegten Geschichte der Erde. Er begriff als Erster, dass die übereinander liegenden Schichten eine zeitliche Abfolge darstellten.

Das Hauptargument gegen Stenos Theorie lautete, dass die im Kalkstein gefundenen Muscheln nicht zu den bekannten Arten gehörten. Und die Idee einer ausgestorbenen Art lag noch jenseits des Denkhorizonts des 17. Jahrhunderts. Die weitreichenden Schlüsse, gerade was das Alter der Erde anging, zog auch Steno nicht. Einen Widerspruch zwischen seiner Wissenschaft und der offenbarten Religion suchte er zu vermeiden.

Mit 35 Jahren beendete Steno seine wissenschaftliche Karriere und konvertierte zum Katholizismus. Er wurde bald zum Bischof ernannt und ins protestantische Norddeutschland geschickt. 1988 wurde der Begründer der modernen Geologie von Johannes Paul II. selig gesprochen, passenderweise am 23. Oktober - laut Ussher exakt 5992 Jahre nach der Erschaffung der Welt.Fossilien haben viel zu erzählen. Nur, was genau wollen sie uns sagen? Ein Buch über den Urvogel Archaeopteryx zeigt, dass Kontroversen in der Paläontologie nichts Neues sind.

Fußballgroße Dinosauriereier in Indien, neuer Riesensaurier in Mexiko. Kaum eine Woche vergeht ohne mehr oder weniger spektakuläre Funde an der Dino-Front. Dass ein Asteroideneinschlag vor 65 Millionen Jahren allein für das plötzliche Verschwinden von Tyrannosaurus Rex und Co verantwortlich sei, wie man uns seit zwanzig Jahren erzählt, bezweifeln mittlerweile immer mehr Paläontologen. Und fügen augenzwinkernd hinzu, dass die Dinosaurier überhaupt nicht ausgestorben seien - es gebe ja noch die Vögel.

Die Vergangenheit ist in Bewegung, aber auch das ist nichts Neues. Die erste Welle von Dinomania schwappte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts über Wissenschaft und Öffentlichkeit herein. Kaum hatte Richard Owen, Direktor des Natural History Museums in London, den Begriff "Dinosaurier" kreiert, wurde mehr oder weniger fantasievoll über das Aussehen dieser Urtiere spekuliert.

Als Charles Darwin 1859 seine "Origin of Species" veröffentlichte, avancierte Owen schnell zu seinem mächtigsten Gegenspieler. Die Gegner der Evolutionstheorie argumentierten, dass es an Belegen für den Übergang von einer Art zu nächsten fehlte. Als im Frühjahr 1861 im bayrischen Steinbruch Solnhofen ein Reptil mit Federn gefunden wurde, ließ der Streit um dessen Interpretation nicht lange auf sich warten. War der Archaeopteryx das Missing Link zwischen Sauriern und Vögeln? Owen musste das Fossil in die Hände bekommen, um eine verbindliche, selbstredend antidarwinistische Interpretation vorlegen zu können. Mit viel Verhandlungsgeschick und noch mehr Geld gelang es ihm, die weniger als einen halben Meter breite Steinplatte zu ersteigern.

Paul Chambers' "Archaeopteryx-Saga" vereinigt alle Ingredienzien für einen packenden Wissenschaftsthriller: aufregende Entdeckungen, dunkle Machenschaften, Medienkampagnen und Schlammschlachten zwischen angesehenen Wissenschaftlern, gleichermaßen beflügelt von Forscherdrang und Karrierismus. Darum entsteht ein Tableau der Naturwissenschaft der Zeit im Spannungsfeld von weltanschaulichen und politischen Konflikten. Als im Herbst 1876 der zweite Archaeopteryx in Solnhofen gefunden wurde, warnte die deutsche Presse vor einer zweiten nationalen Schande. Werner von Siemens machte schließlich 20.000 Reichsmark locker, um den gierigen Engländern diesmal zuvorzukommen.

"Das Rätsel des Urvogels", so der Untertitel, beschäftigt die Paläontologen auch im 20. Jahrhundert. Regelrechte Glaubenskriege spielen sich zwischen der Missing-Link-Fraktion und der BAND-Sekte (Birds are not dinosaurs) ab, die für die Vögel eine eigene Linie reklamieren - während gewiefte Fossilienhändler und -fälscher gute Geschäfte machen.

Oliver Hochadel in FALTER 13/2004



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