Wien. Eine literarische Einladung

Klaus Wagenbach


Wer intelligente gegenwartsrelevante Bücher bevorzugt, informiert sich in der Buchhandlung traditionell nach den neuen Titeln von Wagenbach. Als Klaus Wagenbach 1964 sein Konzept des Verlegens "nach bestem Wissen und Gewissen" realisierte, schuf er das, was man in der Ökonomie eine Marke nennt: Qualität + homogenes Produktprogramm + Corporate Identity = hoher Vertrauens- und Wiedererkennungsfaktor = langfristige Leserbindung. Das war damals so neu wie die Idee von einer antiautoritären Gesellschaft, die Wagenbach in eine literarisch wertvolle Form gießen wollte: "Freier als gesetzlich vorgeschrieben, liberaler als die Polizei erlaubt", formulierte er 1979 sein Credo; das fände er nämlich "viel lustiger", als dem Kommerz zu dienen. Freilich: Beschlagnahmungen gibt es im Hause Wagenbach schon lange nicht mehr, denn statt für Sympathie mit der RAF wirbt man heute lieber für die meditative Kraft der Toskana - oder lädt zu einem Bummel durch "Wien" ein: mit Robert Menasse über den Naschmarkt, mit Ernst Jandl zum Heldenplatz, mit Ingeborg Bachmann in den dritten Bezirk. Im vierzigsten Jahr ist Wagenbach nicht mehr ein Guerillero des Wortes, sondern steht auf der Höhe einer Zeit, in der sich "Anspruch" nur noch in der "Nische" realisieren lässt und Bücher, die abseits vom Main- und Meanstream liegen, schwer zu finden sind. Der Gegner der Gegenwart ist die Uniformität des Buchhandelssortiments, die Vielfalt das neue Credo bei Wagenbach. Warum es sich so schwer machen, "Warum so verlegen?", fragt sich Klaus Wagenbach in einem Almanach über vier Jahrzehnte Verlagsgeschichte. Weil allein Perlen wie Pasolini, Natalia Ginzburg oder Ulrike Meinhof, die zwischen Aufsätzen "Über die Lust an Büchern" aneinandergereiht sind, den Beweis liefern, dass des wahren Verlegers Leidenschaft die Selbstausbeutung am Rand des finanziellen Fiaskos ist. Bitte: Weiter so. Stur bleiben! Und: Glückwunsch zum Vierziger aus der Stadt des jüngsten Wagenbach-Reisebands.

Martin Droschke in FALTER 13/2004



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