Mani. Reise ins unentdeckte Griechenland

Patrick Leigh Fermor


Der Brite Patrick Leigh Fermor gilt als Patriarch aller schreibenden Nomaden und lebt doch seit über einem halben Jahrhundert in einem Städtchen auf dem rauen Peloponnes, dem er seine wichtigsten Bücher gewidmet hat. Ein Porträt.

Ein junger Mann aus gutem Hause machte sich im europäischen Krisenjahr 1932 auf den Weg, um den Kontinent vom Nordwesten bis in den Südosten zu Fuß zu durchqueren. Er war 17, hatte die Eliteschule in Canterbury wegen einer unstandesgemäßen Liebschaft verlassen müssen und nahm Reißaus aus England, in das er nie mehr für länger zurückkehren sollte und wo er doch bis heute als Legende verehrt wird. Seinen großen Fußmarsch begann er in Rotterdam, und er brauchte vier Jahre, bis er in Konstantinopel eintraf. Erst Jahrzehnte später hat er in zwei gelehrsamen wie eleganten Bänden über diese Wanderschaft berichtet. "A Time of Gifts" und "Between the Woods and the Water" wurden in den Siebzigerjahren zur Bibel jener jungen Reisebuchautoren, die für sich den Begriff des Nomaden in Anspruch nahmen und sich von Bruce Chatwin bis zu Paul Theroux allesamt auf ihn als ihren Patriarchen bezogen: auf Patrick Leigh Fermor, der genau dieser Nomade niemals war.

Während die Nomaden à la mode sich nicht ohne Kreditkarte auf den Weg machen, ruhelos bald da, bald dort auftauchen und doch immer festen Wohnsitz in einem der Zentren der Kulturindustrie bewahren, lebt ihr vermeintliches Vorbild seit über einem halben Jahrhundert am selben Ort: in dem kleinen Städtchen Kardamyli, Provinz Kalamata, auf der Mani, einer erhabenen Landschaft auf dem rauen Peloponnes. Der südliche Peloponnes, schrieb er einmal, sehe auf der Karte aus "wie ein missgestalteter, eben gezogener Zahn mit drei nach Süden vorspringenden, gezackten, zerfressenen Halbinsel-Wurzeln. Die mittlere der Wurzeln heißt Mani"; sie wird vom schroffen Taygetos durchzogen und im Westen vom Messenischen, im Osten vom Lakonischen Meer umflutet.

Dieser Landschaft seines Lebens hat Leigh Fermor wiederum zwei Bücher gewidmet, mit denen unter dem Arm Briten, die ein exquisites Faible für archaische Kultur oder einen Spleen für bizarre Naturerscheinungen haben, alljährlich an Leigh Fermors Haus vorbeidefilieren. "Mani" und "Rumeli" heißen die beiden Bücher in der deutschen Ausgabe, und in ihnen spricht der Autor, der sich auf Flora, Fauna, Geschichte, Legende ebenso versteht wie auf die Begegnung mit einfachen Leuten, die Freundschaft zu seltsamsten Menschen; er erzählt uns von stillen Klöstern, kleinen Dörfer, die wie Schwalbennester an die Klippe gebaut sind, und von Menschen, die aus vielen Richtungen hierher verschlagen wurden und alle zusammen den Schlag der Manioten bildeten.

Auf diesem sah Leigh Fermor, als er sich nach dem Zweiten Weltkrieg hier sesshaft machte, noch den Abglanz antiker Sagenhelden. Begleitet vom Fischer Panyotis, der in seiner Beschreibung selber wie ein antiker Fährmann anmutet, hat er hier eine Grotte erkundet, in der einst der Eingang zum Hades vermutet wurde. Allenthalben führt uns der Wandernde zu Stätten, deren Namen aus der Odyssee bekannt sind, zeigt er uns Fischer, Hirten, Handwerker, die dem Mythos entsprungen scheinen. Die Mani, das war für Leigh Fermor der rätselhafte Nachklang der Antike, aber auch ein Stück gerettetes Byzanz und eine einzigartige Vermischung verschiedener Volksgruppen, die im Laufe von drei Jahrtausenden, auf der Flucht oder zum alsbald vergessenen Zwecke der Eroberung hier zusammengeführt wurden.

Das alles war einmal. Als das Buch im englischen Original 1958 erschien, konnte es nicht anders wirken denn als Legende aus einer nach vormodernen Gesetzen geordneten Welt. Schon für die erste deutsche Auflage von 1975 hat der Autor in einem Vorwort darüber Klage geführt, dass die Moderne, der Tourismus die Mani erreicht und das zu zersetzen begonnen hatte, was ihm schier unwandelbar erschienen war. Als das Buch vor kurzem neuerlich auf Deutsch aufgelegt wurde, hätte der greise Autor noch ganz andere Klagen anstimmen können. Gleichwohl ist die Mani auch heute noch keineswegs ruiniert, sondern eine manchenorts fast menschenverlassene Landschaft geblieben, die von überwiegend respektvollen Touristen besucht wird; und auch Patrick Leigh Fermor, nahe der neunzig, ist ja geblieben und lebt immer noch in seinem Haus in Kardamyli.

Dass er in Griechenland blieb, hat mit einem tragischen Ereignis zu tun. Im Zweiten Weltkrieg war der Mann, der England geflohen hatte, Verbindungsoffizier der Royal Army geworden und nach Kreta gegangen, nachdem dieses von der Wehrmacht besetzt worden war. Seine Aufgabe bestand darin, den Kontakt zu den kretischen Partisanen herzustellen, und in einem kühnen Handstreich - der später in englischen Filmen und griechischen Büchern verklärt werden sollte - setzte er den Befehlshaber von Kreta, General Kreipe, gefangen.

In der heroischen Vita des Kriegshelden findet sich aber auch das düstere Kapitel, dass dieser in einem Versteck beim Putzen seines Gewehres versehentlich dem griechischen Schäfer und Mitkämpfer Yanni Tzangarakis ins Bein schoss; der junge Mann war eine halbe Stunde später verblutet, nicht ohne dem Engländer vor Zeugen das letale Missgeschick verziehen zu haben. Damit es in diesem Gebiet mit seinen archaischen Traditionen nicht zur Blutrache an Leigh Fermor komme, wurde dieser zum Paten von Yannis Nichte bestellt, sodass er in jene Familie aufgenommen wurde, deren Sohn er unabsichtlich getötet hatte. Nach dem Krieg blieb er in dem Land, für dessen Befreiung er gekämpft und in dem er einen Freund getötet hatte.

Fermors Bücher werden in der englischen Literatur verschiedenen Genres zugerechnet - etwa der travel literature oder dem essay -, firmieren aber in jedem Falle als große Literatur, die mit literarischen Preisen bedacht und auch schon einmal von einer ehrwürdigen Institution für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde. Wäre Leigh Fermor ein Autor des deutschsprachigen Raumes, würde der Großteil seines Werkes vermutlich als "Sachbuch" abgetan, weil es weder aus schlechten Versen noch aus vorwiegend fiktionaler Prosa besteht, bei allem Reichtum an Fakten aber nicht darüber hinwegtäuschen möge, dass der Autor seinen Stoff nach kompositorischen Gesichtspunkten organisiert und auf literarisch originelle Weise darbietet.

(...)

Karl-Markus Gauß in FALTER 13/2004



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