Erfassung, Selektion und. Das Wiener Gesundheitsamt und die Umsetzung der...

Herwig Czech


In Auschwitz gab es eine agrarische Versuchsstation, die mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung zusammenarbeitete. Ziel war es, im Sinne der nationalsozialistischen Autarkiepolitik, Kautschukpflanzen für die Herstellung von Gummi zu züchten. Das "Gärtnerei- und Pflanzenzuchtkommando" befand sich etwas abseits vom Stammlager in Rajsko. Da dort die Überlebenschancen vergleichsweise gut waren, war die Versuchsstation bislang nur selten Gegenstand der historischen Auseinandersetzung. Das traf bis vor kurzem auch auf die Pflanzenzucht und Agrarwissenschaft im Nationalsozialismus zu, die trotz ihrer großen Bedeutung für das Autarkiekonzept ein Stiefkind der Forschung waren.

Die Beiträge im Sammelband "Autarkie und Ostexpansion" sowie Susanne Heim in ihrer Monografie "Kalorien, Kautschuk, Karrieren" untersuchen nun den Boom einer Wissenschaft, der auch auf Kosten ihrer Eigenständigkeit ging. Und sie zeigen einen - wenn auch nicht repräsentativen - Teil von Auschwitz, in dem die Häftlinge saubere Kleidung, ausreichend zu essen und sogar ein kulturelles Leben hatten.Die Wissenschaft rekonstruiert ihre NS-Vergangenheit, als verbrecherische Menschenversuche Teil ihrer inneren Logik waren.

Der jüdisch-ungarische Pathologe Miklós Nyiszli war Häftlingsarzt in Auschwitz und dort dem Lagerarzt Josef Mengele unterstellt. Einmal musste er vier Zwillingspaare sezieren, drei von ihnen hatten verschiedenfarbige Augen. Danach sollte er sie nach Berlin-Dahlem schicken, wo sich das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik befand. Dessen Leiter, Otmar von Verschuer, war ein anerkannter Zwillingsforscher und Doktorvater von Josef Mengele; Institutsmitarbeiterin Karin Magnussen war auf Irisheterochromie spezialisiert. Die Zwillinge waren durch eine Injektion von Chloroform oder Phenol ins Herz getötet worden, berichtet Nyiszli. Am Institut will man im Nachhinein von nichts gewusst haben. Weder die ungewöhnliche Häufung von Zwillingen mit unterschiedlichen Augenfarben noch ihr nahezu zeitgleiches Ableben will aufgefallen sein.

Seit mehreren Jahren durchleuchtet die Max-Planck-Gesellschaft das Verhältnis ihrer Vorgängerorganisation, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, zum Nationalsozialismus. Aus diesen Forschungen ging auch der Sammelband "Die Verbindung nach Auschwitz" hervor, der von Carola Sachse herausgegeben wurde, die das Gesamtprojekt leitete und zurzeit Gastprofessorin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien ist. Der Sammelband dokumentiert die verbrecherischen Versuche an Menschen im Rahmen der Wehrmedizin bzw. der erb- und rassenhygienischen Forschung. Und er zeigt, wie die "Dahlem-Auschwitz-Connection" Verschuer und seinen Kollegen den skrupellosen Zugriff auf schwer aufzutreibendes "Menschenmaterial" aller Art ermöglichte. Auch das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung machte sich die neuen Möglichkeiten zunutze. Die Hirnforschung braucht frische Gehirne, und die NS-Tötungsmaschinerie sorgte dafür, dass der Nachschub nicht versiegte. Die Gehirne kamen von Kindern und Jugendlichen, die im Rahmen des "Euthanasie"-Programms des NS-Regimes ermordet wurden. Für Wien zeichnet nun der Historiker Herwig Czech in seinem Buch "Erfassung, Selektion und ,Ausmerze'" die Praxis der nationalsozialistischen "Erb- und Rassenpflege" nach. Auch hier profitierten die Forscher von der Ermordung behinderter Kinder in der Anstalt "Am Spiegelgrund". Heinrich Gross leitete dort die "Säuglingsabteilung"- intern auch als "Reichsausschussabteilung" bezeichnet -, in der die Euthanasiemorde stattfanden. Nach ihrem Tod wurden den Kindern die Gehirne und andere Organe entnommen und für neuropathologische Forschungen konserviert. Am lebenden "Objekt" wurde ebenfalls geforscht. So infizierte Elmar Türk von der Universitätsklinik ausgewählte Kinder mit Tuberkuloseerregern. Danach wurden sie getötet und ihre Leichen wissenschaftlich ausgewertet.

Was an beiden Bänden besonders verstört, ist die kalte Berechnung, mit der manche Wissenschaftler Verbrechen des Nationalsozialismus für ihre Zwecke nutzbar machten - und die Tatsache, dass eine wissenschaftliche Logik konsequent zu den grausamen Menschenversuchen eines Josef Mengele führte. Beide Bücher rekonstruieren die Realität einer Vergangenheit, die mehr als nur eine Warnung für die Zukunft enthält.

Martina Gröschl in FALTER 13/2004



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