Das Netz der Korruption. Wie eine weltweite Bewegung gegen Bestechung kämpft

Peter Eigen


Nachhilfe für Bananenrepubliken: Ex-Weltbankmitarbeiter und Korruptionsexperte Peter Eigen hat ein Buch über die Arbeit der von ihm gegründeten Organisation Transparency International vorgelegt.

Die Meldungsübersicht: Der Finanzminister nimmt Geld von der Industriellenvereinigung. Ein österreichisches Bauunternehmen steht im Verdacht, 2,8 Millionen Euro Schmiergeld bezahlt zu haben. Im Wiener Magistrat lässt sich ein Beamter von einer Baufirma bestechen. Ein Fremdenpolizist verkauft Aufenthaltsbewilligungen. Ein Mafiafahnder steckt 6000 Dollar ein. Der Kabinettschef des Infrastrukturministeriums wird wegen Untreue angeklagt. Leben wir in einem korrupten Land? Und was ist das überhaupt, Korruption?

Der Schmiergeldfluss wird heute geschickt getarnt als gut dotierte Nebentätigkeit oder als großzügig honorierter Beratervertrag. 100.000 Schmiergeldfälle soll es allein in Deutschland geben, schätzt die Frankfurter Unternehmensberatung KDM. Abhilfe wird kaum geschaffen. Mit Vehemenz weigert sich die Bürokratie, das Amtsgeheimnis abzuschaffen und damit mehr Transparenz in ihre Arbeit zu bringen. Mit Erfolg verhindert die Wirtschaft ein zentrales Register von Unternehmen, die versucht haben, öffentliche Stellen zu schmieren. Konsequenz: "Korruption zeigt ihr hässliches Gesicht allenthalben. Sie liegt an der Wurzel fast aller wichtigen Probleme - oder verhindert zumindest ihre Lösung - und wirkt besonders verheerend in den armen Regionen der Welt."

Das behauptet zumindest Peter Eigen. Der Mann weiß, wovon er spricht. Er ist einer der prominentesten internationalen Mahner in Sachen Korruption: "Wir brauchen einen neuen Akteur, der als dritte Kraft Staat und Wirtschaft dazu bringt, Rahmenbedingungen zu schaffen, welche die Unternehmen zu ethisch verantwortungsvollem Handeln verpflichten", verkündet er in seinem kürzlich erschienenen Buch "Netz der Korruption". Eigen ist (laut Eigendefinition) kein "langhaariger Weltverbesserer oder Revolutionär in zerrissenen Jeans", sondern ein "gestandener Professioneller". Jahrzehntelang arbeitete der heute 66-Jährige für die Weltbank in Südamerika und Afrika. Er musste dort zur Kenntnis nehmen, wie vor allem westliche Firmen unbehelligt staatliche Würdenträger bestechen konnten. Eigen hatte die Schnauze voll und verließ die Weltbank aus Enttäuschung über ihre Untätigkeit im Bereich der Korruptionsbekämpfung.

Er resignierte jedoch nicht, sondern sagte dem Filz mit anderen Mitteln den Kampf an. 1993 blätterte er in seinen Adressbüchern und mobilisierte alte Bekannte in aller Welt. Zehn Jahre später hat sich die "Horde von weißen, westlichen, älteren Männern mit einer Menge Pragmatismus und umfangreichen Erfahrungen in der Wirtschaft" unter dem Namen "Transparency International" (TI) einen Weltruf erarbeitet. In hundert Ländern gibt es Sektionen, ein Mitglied der Organisation wurde sogar Minister in Kenia. Medial bekannt wurde TI vor allem durch die alljährlich veröffentlichten "Korruptionsindices". In Rankings wird nicht nur festgehalten, wie korrupt ein Land ist (Österreich steht ganz gut da), sondern auch, wie sehr die jeweilige Wirtschaft geneigt ist, in anderen Ländern zu bestechen (da liegt Österreich für gewöhnlich ziemlich weit vorne).

Peter Eigen schildert in seinem Buch die Anfänge, Ideen und Utopien der weltumspannenden Organisation. Er beschreibt den improvisierten Start seiner NGO, er erzählt, wie der "Antikorruptionsindex" im Versuchsstadium versehentlich an die Medien gelangte und die Organisation über Nacht weltberühmt machte. Viel wichtiger als all die Geschichten sind indes die theoretischen Arbeiten von TI, die in dem Buch vorgestellt werden. Die Organisation hat Verhaltenscodices und wissenschaftliche Definitionen ausgearbeitet, die heute von allen anständigen Verwaltungen ehrfurchtsvoll zitiert werden und auch von so manchem Vertreter der Industriellenvereinigung gelesen werden sollten.

TI hat so dafür gesorgt, dass das Thema Korruption von bissigen Staatsanwälten, investigativen Reportern, unbeugsamen Richtern und einer kritischen Zivilgesellschaft im Auge behalten wird. Besonders effektiv war dabei das "TI-Source Book" und der "Werkzeugkasten des Korruptionsbekämpfers" (beide Werke sind unter www.trans parency.org abrufbar). Darin wird mitunter auf die spezifischen Probleme jedes Landes einzeln eingegangen. Im Libanon - wo die Baubranche als der korrupteste Sektor gilt - gibt TI zum Beispiel Anregungen, wie man einen Bauantrag stellt und ohne korrupte Methoden durch alle Instanzen genehmigt bekommt. In Kasachstan versuchen TI-Experten das korrupte Justizsystem zu verbessern, in Bangladesh überprüft TI regelmäßig die Arbeit des Parlaments.

"Die Veränderung der öffentlichen Meinung ist vielleicht der wichtigste Erfolg im Kampf gegen Korruption", schreibt Eigen über die Arbeit von TI und zitiert zum Beweis eine kleine Meldung aus Kenia. Dort betrat unlängst ein schmiergeldverwöhnter Polizist einen Kleinbus und hielt wieder einmal die Hand auf. Die 18 Passagiere indes weigerten sich, umgerechnet 1,20 Euro zu bezahlen. "Das ist eine politische Aktion, um den neuen Präsidenten im Kampf gegen Korruption zu unterstützen", versicherten die Fahrgäste.

Florian Klenk in FALTER 13/2004



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