Nach den Utopien. Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Helmut Böttiger


Mit "Nach den Utopien" unternimmt Helmut Böttiger den Versuch, eine Geschichte zeitgenössischer Literatur zu schreiben, verliert aber über inspirierten Einzelporträts ein bisschen den Faden.

Wer eine Literaturgeschichte schreibt, kann es nur falsch machen, und wer sich an eine "Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" heranwagt, erst recht. Nach dem einst so renommierten Genre besteht zwar immer noch ein gewisse Nachfrage, sich aber konkret darauf einzulassen, mindert das Ansehen in Fachkreisen, und wenn jemand einen solchen Versuch vorlegt, dann wird dies schon als eine Provokation der Kritik verstanden - die sich auch gerne provozieren lässt, nicht zuletzt, um zu zeigen, dass sie es besser weiß.

Nicht nur die Auswahl ist strittig, vor allem der methodische Ansatz verfällt sofort dem Verdikt der Kritiker: Wie wird der Zusammenhang erstellt, den wohl jede Geschichte, und sei's auch die der Literatur, haben muss? Von dem Projekt einer Sozialgeschichte der Literatur hat man sich stillschweigend verabschiedet, ohne es je richtig angegangen zu sein: Schließlich sind die genauen Recherchen nach den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Literatur sehr mühselig, fast unlösbar ist das Problem, diese Voraussetzungen auch mit der Qualität der Texte zu verrechnen. Wer einen historischen Überblick riskiert, muss zudem auch wohl oder übel die Prämissen klären, von denen aus er die Sichtung und Anordnung des Materials vornimmt. Doch ist der Stoff offenkundig so gewaltig, dass sich jeder Verfasser einer Literaturgeschichte davon dispensiert, und da die Objekte der Literaturgeschichte bekanntlich Subjektivität verwalten, erhebt man die eigene Subjektivität auch zum Ordnungsprinzip.

So geschehen auch in dem Buch Helmut Böttigers, dessen Titel "Nach den Utopien" nahe legt, dass es eine Zeit der Utopien und auch eine Zeit vor diesen Utopien gegeben haben muss, aber so genau will der Autor das offenkundig selbst nicht wissen, und wir erfahren auch gar nicht, wann diese Epoche "nach den Utopien" wirklich begonnen hat. So ein fernes Ahnen genügt, und man kann sich 1989 als das Jahr denken, in dem das, was heute Gegenwartsliteratur ist, einsetzt.

Einfacher stellt sich die Frage nach der Funktion der Kritik, die, so Böttiger, an die Stelle der Literatur getreten sei und die sich in drei Phasen gliedern lässt: die Gruppe 47, der Bachmann-Wettbewerb und das "Literarische Quartett". Mit dem Ende des "Literarischen Quartetts" habe sich auch die Kritik selbst abgeschafft. Auch die Literaturhistoriker haben es leichter, denn wie Böttiger verkündet: "Historisches Denken, die Lust, Bezüge herzustellen, verschwinden hinter dem Fixiertsein auf den Augenblick."

Damit hat sich auch Böttiger den Weg freigeschaufelt, und er bekennt: "Hier wird eine Bestandsaufnahme versucht: Welche Schreibweisen sind zu erkennen, die etwas über die Zeit aussagen, ohne dass sie in dieser Zeit befangen bleiben?" Und: "Es soll in dieser Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur um - mit einer Ausnahme - lebende Autoren gehen, deren Werk bereits erkennbar ist und deren Namen man auch in zwanzig Jahren noch kennt."

Die eine Ausnahme heißt Thomas Strittmatter, eine andere könnte Werner Schwab heißen, aber offenkundig ist sich Böttiger in seiner Prognose nicht so sicher, ob man diesen Namen auch 2024 noch kennen wird. Die Autorinnen und Autoren, die man nach Böttiger noch in zwanzig Jahren kennen wird, heißen in der Reihenfolge ihres Auftretens: Günter Grass, Christa Wolf, Martin Walser, Peter Handke, Wilhelm Genazino, Markus Werner, Thomas Strittmatter, Wolfgang Hilbig, Reinhard Jirgl, Durs Grünbein, Kathrin Schmidt, Herta Müller, Fritz Rudolf Fries, Botho Strauß, Ulrich Peltzer, Marcel Beyer, Ernst-Wilhelm Händler, Robert Menasse, Ingo Schulze, Elfriede Jelinek, Thomas Kling, Thomas Meinecke, Thomas Lehr, Brigitte Kronauer, Hans Magnus Enzensberger und Judith Hermann.

Über die Auswahl könnte man streiten, aber man kommt hier in den Genuss von kurzen, oft brillant geschriebenen Porträts zu jedem einzelnen Namen; die Abschnitte zu Genazino, Hilbig, Fries, Händler und Kling seien besonders hervorgehoben: Hier spricht sich durchwegs ein sympathisches Engagement aus, und in manchem Urteil sieht man sich bestätigt. Die Informationen sind übersichtlich arrangiert, und man wird Böttiger auch dankbar dafür sein müssen, dass er trotz der durch die Auswahl implizit erfolgten Empfehlung uns indirekt von der Lektüre abzuraten vermag: Selbst wenn in zwanzig Jahren der Name Judith Hermanns noch in aller Munde sein wird, so weiß ich doch aufgrund vorliegender Charakteristik, dass ich mir die Lektüre ihrer Bücher ersparen kann.

Böttiger hat die Autoren ausgewählt, die aus seiner (Berliner) Sicht relevant sind, und sich mit niemandem geplagt, der offenkundig nicht nach seinem Geschmack ist. So verzichten wir eben auf Ransmayr und Streeruwitz, auf Josef Winkler und Adolf Muschg, auf Friederike Mayröcker und Marianne Fritz und viele andere. Er schreckt vor Anekdotischem nicht zurück, verzichtet auf jede Sekundärliteratur und auf jeden bibliografischen Apparat, der den Verdacht der Literaturwissenschaftlichkeit erwecken könnte.

Man hat es mit der Causerie eines belesenen Kritikers zu tun, der über ausgezeichnete Kenntnisse des Literaturbetriebs verfügt, aber kaum bereit ist, zwischen den einzelnen Phänomenen Zusammenhänge herzustellen. Manches salopp Dahingesagte klingt außerordentlich fragwürdig: "Um das Phänomen Christa Wolf zu verstehen, sind kulturpolitische Daten zweitrangig." Die darauf folgende Charakteristik der Autorin besagt das Gegenteil. Bei Kathrin Schmidt findet sich in andrer Hinsicht Dubioses: "Und die männlichen Vorstöße, so ahnen wir, spielen auch in weiblichen Erkundungen eine gewisse Rolle." Ei, der Schelm, wird man da sagen; solche Zweideutigkeiten wären wohl auch besser unterblieben, wie folgende Plattitüde deutlich macht: "Das weibliche Territorium ist zwar unsicher, noch lange nicht genügend erforscht; die männlichen Anstrengungen jedoch erscheinen von vornherein eher als klägliche Zappelbewegungen."

Da macht einer in der Kür unnötige Pirouetten, weil ihm die Pflicht, sich auf Texte genau einzulassen, lästig geworden ist. Lästig müssen dem Autor auch die Bemühungen um die Kontextualisierung der einzelnen Werke gewesen sein, und wenn in ferner Zukunft jemand aus Böttigers Buch etwas über die historischen Voraussetzungen dieser Literatur wird erfahren wollen, so wird ihm zwar Kunde von einem Land, das DDR geheißen ward und in dem es einigermaßen ungemütlich zugegangen sein muss, das aber irgendwie verschwunden ist wie einst Atlantis. Dass anderswo als in Deutschland auch deutsch geschrieben wurde, bekümmert den Autor wenig. Von der Schweiz erfährt man so gut wie nichts. Österreich hat es etwas besser: "In Wien türmt sich die Sprache immer haushoch", heißt es, und überhaupt ist es dort unheimlich: "Was nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Wiener Gruppe begann, setzte sich in vielen Labyrinthen fort." In diesen haben sich schon viele Germanisten und Kritiker verirrt, und vielleicht findet sich einmal eine Ariadne, die den Autor mit dem nötigen Faden ausstattet.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 13/2004



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