Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht

Slavenka Drakulic, Barbara Antkowiak


Slavenka DrakulicŽ widmet sich dem Kriegsverbrechertribunal von Den Haag, philosophiert über Mira MarkovicŽs Frisur und endet mit einer bitteren Farce über Heimat. Ein Buch, das mehr ist, als es scheint.

Fünf Monate verbrachte Slavenka DrakulicŽ als Berichterstatterin am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Sie protokollierte zehn Verfahren gegen Serben, gegen Kroaten, gegen Bosniaken, dokumentierte ihre Aussagen, lauschte Zeugen, sprach mit Bekannten, recherchierte ihre Biografien. DrakulicŽ zeichnete die Morde, Folter, Vergewaltigungen nach. Sie hielt die Aussagen von Tätern und Opfern fest, beobachtete ihre Verhandlungen, analysierte Mimik, Gestik, dokumentierte Reue und Gleichgültigkeit. So weit zum Offensichtlichen, und allein dafür lohnt es sich, "Keiner war dabei" zu lesen.

Doch DrakulicŽs Buch ist mehr, als es vorgibt zu sein. Das zeigt sich nicht nur in einem wunderbaren, subtilen Doppelporträt von Slobodan MilosÇeviŽc und seiner Frau Mira MarkoviŽc, das den bislang wohl intimsten Einblick in das Wesen des Architekten des jugoslawischen Zerfalls gibt. Was sich vordergründig als eine Detailschilderung von Verfahren, Verhören, Zeugenaussagen und Gerichtsszenen präsentiert, erweist sich als ein lautes jugoslawisches "J'accuse" vor dem Hintergrund eines gnadenlosen Verdrängungswettbewerbs und einer abenteuerlichen Rechfertigungsmythologie gegenüber der jüngsten Kriegsgeschichte. Auf allen Seiten werden Kriegsverbrecher zu Landesverteidigern erklärt, Mörder und Mafiosi zu Helden der nationalen Sache. Entscheidungen über Auslieferungen nach Den Haag stellen ganze Regierungen infrage, und die Gerichtsverfahren werden zur Bühne für abenteuerliche Selbstverteidigungen. Die Wahrheit mag das erste Opfer des Krieges sein, sie ist deshalb nicht das erste Kind des Friedens.

Seit seiner Gründung ist das Kriegsverbrechertribunal in allen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien Gegenstand von Kontroversen, es gilt als politisches Instrument zur Abstrafung und Demütigung der Nation. DrakulicŽ stemmt sich gegen diese politische Mystifizierung. Die gebürtige Jugoslawin (Jahrgang 1949) - heute wäre sie Kroatin - spricht jene Fakten der jugoslawischen Katastrophe aus, die nur außerhalb der Nachfolgestaaten konsequenzenlos ausgesprochen werden können: dass Krieg Vorbereitung braucht, dass kroatische Truppen in Bosnien und Herzegowina kämpften, dass die Protagonisten des Krieges keine Helden sind. "Doch das Problem ist", gesteht DrakulicŽ selbst zu, "dass niemand laut und deutlich die Wahrheit sagen will. So wie auch niemand sie hören will." Wer es dennoch tut, gilt im besten Fall als Nestbeschmutzer, im schlechtesten als Verräter.

"Keiner war dabei" ist damit wesentlich ein Buch über die Gegenwart im ehemaligen Jugoslawien. Da die Gegenwart kein Einverständnis über die Wahrheit zulässt, schlägt DrakulicŽ den erzählerischen Umweg über Den Haag ein. Das Gericht wird Vorwand für eine subtile Betrachtung von Geschichten und Geschichte auf dem Balkan. Es dient als Kontrapunkt zu den unzähligen Varianten von öffentlich transportierten Wahrheiten, Verschwörungen und Lügen, welche die Geschichte am Balkan nicht erst seit den Neunzigerjahren heimsuchen. DrakulicŽ: "Die Geschichte, die man uns beigebracht hat - und die das nicht war -, verhalf den Gefühlen zum Sieg über den Verstand."

"Keiner war dabei" fällt nicht unter die Rubrik: Balkan für Anfänger. DrakulicŽs Berichte aus Den Haag heben sich von der Masse der Berichte anderer Beobachter dadurch ab, dass sie sich in ihrem Buch gestattet abzuschweifen: Sie reichert jeden Gerichtsfall um Autobiografisches an, stellt die Normalität ihrer eigenen Erinnerungen an die Vorkriegszeit den Biografien der Täter gegenüber. Sie schildert nicht wie Hannah Arendt die Bürokratie des Schreckens, sie entwirft eine Anatomie - vom obersten Befehlshaber Milosevic bis zum Soldaten eines Erschießungskommandos in Srebrenica.

DrakulicŽ schildert, wie die Protagonisten mit denselben Ambivalenzen aufwachsen wie sie selbst, mit denselben Geschichten über Geschichte und derselben Überfrachtung mit der jugoslawischen Normalität aus Partisanenmythos und Sozialismus. Die Einfachheit der Protagonisten des Schreckens rückt ins Zentrum, und DrakulicŽs Schlussfolgerung ist furchterregend in ihrer Einfachheit: "Zehn Jahre nach Ausbruch des Krieges auf dem Balkan muss man einsehen, dass wir normalen Menschen ihn ermöglicht haben und nicht irgendwelche Irren." Ein Kommentar wie ein Erdbeben auf dem Balkan, wo sich die Menschen ausnahmslos als Schachfiguren auf dem Spielbrett der Politik verstehen.

DrakulicŽ hätte sich ein ausführliches Vorwort zu ihrem, nur auf den ersten Blick leicht zu verstehenden, Text verdient. Etwa darüber, dass ihre Bücher in ihrer Muttersprache erst Monate, manchmal Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung in englischer Sprache erscheinen. Darüber, dass sie zwar im englischen Sprachraum beim Großverlag Penguin verlegt wird, ihre Bücher in ihrer eigenen Sprache nur im Verlag der kleinen kroatischen Wochenzeitung Feral Tribune erscheinen können. Darüber, dass sie selbst, wie viele andere Autoren aus dem ehemaligen Jugoslawien, ihre Heimat dort nicht mehr hat.

Unweigerlich mündet "Keiner war dabei" damit in eine Farce über Heimatlosigkeit und Nostalgie. Das Scheveningen-Gefängnis von Den Haag und seine Insassen werden darin zum letzten Flecken Jugoslawien. Da sitzen die Angeklagten abends alle beisammen und essen. Alle lesen sie die Zeitungen, die sich der Bosniake Sefer HaliloviŽc schicken lässt. Gekocht hat der Kroate Rahim Ademi, und wenn er Slobodan MilosÇeviŽc sein Essen serviert, spricht er ihn als "Herr Präsident" an.

Patrik Volf in FALTER 13/2004



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