Die einsame Insel. Texte und Gespräche 1953–1974

Gilles Deleuze, David Lapoujade


Der Philosoph Gilles Deleuze hat dunkle theoretische Bücher wie "Anti-Ödipus" oder "Mille Plateaux" hinterlassen, die nun durch einen Band mit Gesprächen und Kurztexten erhellt werden.

Ähnlich wie im Fall seines Freundes Michel Foucault, der gut ein Jahrzehnt vor ihm gestorben war, erscheinen auch von Gilles Deleuze (1925-1995) posthume Bände mit kleineren Schriften und Gesprächen. In beiden Fällen steckt in diesen kürzeren Texten eine Fülle an Material zum besseren Verständnis ihrer nicht immer ganz transparenten theoretischen Hauptwerke. Der erste der beiden Deleuze-Bände erschien kürzlich unter dem Titel "Die einsame Insel" auf Deutsch.

Deleuze war kein frühreifer Denker. Nach Büchern über Kant, Nietzsche und Proust erschien erst 1969 das umfangreiche Traktat über Differenz und Wiederholung, das ihn als Emphatiker der Differenzierung und als Feind aller Dualismen zeigt. Das Buch, das ihn und seinen Mitautor Félix Guattari weit über den Bereich der französischen Universitäten hinaus bekannt machte, erschien dann drei Jahre später unter dem Titel ,Anti-Ödipus' und war Teil eins des Projekts "Kapitalismus und Schizophrenie".

Deleuze meinte darüber in einem der nun auch auf Deutsch vorliegenden Gespräche: "Weder Guattari noch ich legen besonderen Wert auf eine Fortführung, ja nicht einmal auf die Kohärenz dessen, was wir schreiben. Im Gegenteil, wir wünschen uns, dass die Fortsetzung des ,Anti-Ödipus' ein Bruch mit dem Vergangenen sein wird, mit dem ersten Band, und wenn es Dinge gibt, die im ersten Band schief laufen, sei's drum."

Diese lockere Haltung, dieses Bekenntnis zum Unsauberen und Vorläufigen verströmt den Geist des Pariser Mai 68. Der Psychologe Guattari, mit dem Deleuze zwanzig Jahre lang zusammenarbeitete, ist für ihn so etwas wie die Anschlussstelle an die Welt der Schizophrenen wie auch an die Militanz der linksradikalen Gruppen - Militanz auch im buchstäblichen Sinn: So manche Äußerung dieser Zeit verströmt eine Aggressivität, die in der heutigen gedämpften Atmosphäre undenkbar ist und im Rückblick bisweilen sogar lächerlich erscheint.

Das eigentümliche Denken von Deleuze hat freilich gar nichts Spontaneistisches. Neben dem Einfluss des Zeitgeists zeigt uns dieser Band der kleineren Schriften vor allem, dass er seinen Weg doch sehr früh einschlug und diesen äußerst konsequent verfolgte. Die Beschäftigung mit dem Werk Henri Bergsons setzt in den Fünfzigerjahren ein, und später wird Nietzsche zu einer konstanten Bezugsfigur. Von Nietzsche übernahm er dessen Vitalismus und, wenn man so will, dessen Fröhlichkeit, wobei er das Tragische gern ignorierte: Die ewige Wiederkunft des Gleichen wird in seiner Sicht zu einem unaufhörlichen Fest des Ungleichen.

In einem der Interviews spricht Deleuze sich gegen die Trennung von Krankheit und Symptom aus - man ahnt hier die Antipsychiatrie und die Bewegung zur Öffnung geschlossener Anstalten im Denkhintergrund. Der Arzt unterscheidet sich nicht substanziell vom Kranken. Diese "These" lässt sich auf das Verhältnis von Text und Kommentar übertragen: Die Lektüre der überlieferten philosophischen und literarischen Texte geht nahtlos über in den schöpferischen Prozess der Begriffsbildung. In diesem Sinn gibt es für Deleuze, dessen Bücher sich zumeist einem bekannten Autor widmen (neben den schon Genannten: Spinoza, Kafka, Leibniz, der Maler Francis Bacon), keine Interpretation mehr, nur noch das Fortsetzen eines längst begonnenen, durch die Geschichte pulsierenden Prozesses.

Einer der zentralen Begriffe in seinem theoretischen Werk, das seine Konturen längst vor der Kritik der Psychoanalyse ("Anti-Ödipus") erhielt, sind die "Singularitäten", die eine Zone der reinen Vielheiten, einen surreal anmutenden Pluralismus aufziehen. Deleuze hat diese Zone zunächst als jeder Individuation vorausliegend gedacht. Es ging ihm darum, die traditionellen Subjektphilosophien zu unterlaufen (und nicht zu kritisieren oder zu ersetzen). Dennoch überschneidet sich diese Zone besonders in der Zeit um 1968 mit bestimmten Ereignissen und Akteuren, auch wenn Deleuze immer wieder versuchte, die Aktualisierungen seines Denkens zu verwischen.

In gewisser Weise nähert sich Deleuze sogar der neomarxistischen Praxisphilosophie, wenn er das Begriffeschmieden als eine Tätigkeit darstellt, die sich punktuell an andere Handlungen auf anderen Aktivitätsebenen anschließt. Wie Heidegger, aber auf andere Weise, glaubt auch Deleuze, an der Überwindung der Metaphysik mitzuwirken. Das bedeutet für ihn keine Rückkehr zum Ursprung, sondern, im Gegenteil, so etwas wie eine modernisierte, diverse Anregungen wissenschaftlicher Modelle aufnehmende "Zukunftsphilosophie".

An die Stelle der Metaphysik tritt keine Ontologie, sondern - im Ernst und im Scherz - eine Pataphysik, ein ständiges Unterlaufen metaphysischer Konzepte, ein Durchtauchen durch die von der Geistesgeschichte überlieferten "großen" Widersprüche. Die Begriffswelt, die dabei entsteht, hat etwas Bewegliches und Fantastisches, sie ist ein schillernder Chaosmos oder, wenn man die strenge Brille aufsetzen will, eine bizarre Konstruktion ohne Erkenntniswert.

Mit seinem Drang zur permanenten Revolution war Deleuze einer der letzten philosophischen Vertreter der Moderne. Ein Vorläufer war er, der so feinsinnig zu differenzieren verstand, allenfalls in Hinblick auf die siegreiche Trashkultur: "Je schlechter es ist, umso besser funktioniert es."

Leopold Federmair in FALTER 13/2004



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