Ohnehin

Doron Rabinovici


Opfer und Täter, Söhne und Väter, Linke und Rechte, Gute und Schlechte ... In seinem Roman "Ohnehin" will Doron Rabinovici sehr viel und auch wieder zu wenig.

Wem gehört Auschwitz?" - In einem seiner besten Essays findet der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész eine einfache und deswegen radikale Antwort auf diese Frage: Auschwitz gehört uns allen. Es ist ein Besitz, den wir nie wieder loswerden. Denn Auschwitz, so Kertész, stellt den negativen Mythos des 20. Jahrhunderts dar. In ihm ist die Erfahrung absoluter Negativität für alle für immer gespeichert.

Die Überlebenden haben kein Darstellungsmonopol auf Auschwitz, die Erfahrungsberichte sind da, und sie sind, das beweist Kertész' "Roman eines Schicksallosen" auf eindrücklichste Weise, nicht zu überbieten. Die "authentische" Erinnerung, die es nie gegeben hat, da Erinnerung nie authentische Erfahrung ist, sondern immer etwas Nachgetragenes, wird verblassen; an ihre Stelle treten Trivialisierungen wie Spielbergs Hollywoodepos "Schindlers Liste" oder eine märchenhafte Erzählung wie Roberto Benigni melodramatische KZ-Satire "Das Leben ist schön". Was sich mit Auschwitz verbindet, wird als Mythos, als Wahrheit in der Fiktion lebendig bleiben. Es muss bleiben: Das ist Kertész' kategorischer Imperativ des Überlebenden.

"Einmal muss Schluss sein" und "Noch war es nicht vorbei" lauten der erste und der letzte Satz von Doron Rabinovicis neuem Roman. Sein Thema ist die Erinnerung. Es wird durchgespielt am Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern, der Opfer zu den Tätern, der von außen Kommenden zu den Einheimischen. Der Roman ist ein Buch der Nachgeborenen, wie schon Rabinovicis erster Roman "Suche nach M.". Aber im Gegensatz zu dieser raffiniert angelegten, fantastischen Kriminalstory um zwei Kinder von Überlebenden, von denen das eine die zwanghafte Fähigkeit entwickelt, die Schuld anderer Menschen auf sich zu nehmen, während das andere über eine unheimliche Intuition im Aufspüren der Schuldigen verfügt, bürdet der Autor seinem neuen Roman zu viel auf: Werden die verdrängte Schuld der NS-Täter und das Trauma der Opfer doch nicht nur in der Geschichte ihrer Kinder gespiegelt, sondern auch im Verhältnis türkischer und griechischer Arbeitsimmigranten zueinander und ihren Konflikten mit Töchtern und Söhnen. Die Ignoranz vermeintlich Gutmeinender gegenüber dem Balkankrieg entflohenen Künstlern sowie deren fremdenpolizeiliche Verfolgung in einem xenophoben Land wie Österreich bilden einen weiteren Erzählstrang.

"Ohnehin" spielt im Jahr 1995 in Wien, topografischer Fluchtpunkt ist der multiethnische Naschmarkt, politischer Hintergrund der Siegeszug der "Rechtsrechten", wie sie im Roman heißen. Im Mittelpunkt eines Freundeskreises aus jüngeren Künstlern und Intellektuellen steht ein junger Arzt namens Stefan Sandtner. In seiner privaten Geschichte überlagern sich die verschiedenen historischen Hypotheken. Sein Spezialgebiet ist die Neurologie. Er arbeitet an einem Projekt, das Fehlfunktionen des Erinnerungsvermögens erforschen soll. Durch Zufall gerät er an den ehemaligen SS-Mann Herbert Kerber, dessen Kurzzeitgedächtnis den Dienst verweigert; nur die Kriegs- und Nachkriegszeit ist in seinem Gedächtnis lebendig. Kerbers ihn betreuende Tochter sieht nun die Chance, den Schuldigen durch eine inquisitorische Farce - die Tochter erscheint dem Vater als alliierter Verhöroffizier, als strenge Domina oder auch als NS-Charge - zu einem Geständnis seiner Schuld und zur Reue zu zwingen. Das Experiment scheitert, auch wegen des Widerstands ihres Bruders, der als ehemaliger marxistischer Aktivist nun seine Karriere als Ministerialbeamter gefährdet sieht. Hier der Opportunist, der seine eigene revolutionäre Vergangenheit verdrängt, dort die unerbittliche Aufdeckerin, die ihren Vaterkomplex ein für allemal loswerden will: Zu schematisch verfolgt der Roman sein Thema.

Zur Kolportage gerät der Text in der Beschreibung eines von einem Griechen geschwängerten türkischen Mädchens, das am Druck der in der Fremde fortherrschenden patriarchalen Verhältnisse fast zerbricht. Dabei ist die Kolportage als stilistisches Mittel keineswegs verwerflich, wenn sie durch andere Mittel ironisiert und gebrochen wird. Nur unterlaufen Doron Rabinovici zu viele Sätze, die die Anlage seines Buches ernstlich gefährden: Wenn die stumm gemachte Frau des türkischen Händlers ihr Schweigen bricht und in einer dramatischen Szene die Unterdrückung und Frustration von Jahrzehnten aus sich herausschreit, dann ist das schon einmal viel. Wie sie das tut, ist zu viel: "Yelda Ertekin war aufgesprungen, ihr Stuhl dabei mit einem Donner nach hinten gestürzt, und ihre Stimme gellte hoch, die Augen flammten, und sie stampfte auf." Die stilistische Unbeholfenheit ist kein Einzelfall, sie nimmt zu vielen Szenen des Romans die Wirkung: "Stefan schrägte den Blick", "am Herd pfiff die Kanne auf", Stefan "summte auf und rollte dabei die Augen", er "schluckte (...) gierig" ein Spiegelei hinunter.

Zur Charakteristik der Nachgeborenen gehört, dass sie das Leiden und das (verbrecherische) Handeln ihrer Eltern durch Reden kompensieren. Sie leisten Erinnerungsarbeit in der Verständigung mit anderen, in künstlerischen Projekten, in politischer Aufklärung. Geredet wird in "Ohnehin" viel. In wechselnden Liebeskonstellationen dreht sich der Figurenreigen an einschlägigen Orten: im Deli am Naschmarkt, im Café Prückel, im Drechsler, im Amacord und so fort. Dieses kritisch-studentische, meist gutbürgerliche Wiener Milieu und sein Habitus wird vielen Lesern vertraut sein; wenn nicht aus eigener Anschauung, dann vielleicht aus den Romanen Robert Schindels und Robert Menasses oder aus den zum Klischee geronnenen Bildern der Wiener Kaffeehausszene. Auch die Stilisierung des Wiener Naschmarktes zum multikulturellen Gegenmodell dumpf-österreichischer Provinzialität ist zu gut gemeint. Und das ist das Hauptproblem dieses Romans: Allzu vieles ist vertraut, obwohl doch gerade der Umgang mit dem anderen (der eigenen Geschichte) und den anderen (auch jenen in nächster Nähe) dem Roman sein Profil verleihen soll.

Die Botschaft von "Ohnehin" wird in einem Gespräch zwischen dem Griechen Georgios, der in der Auseinandersetzung mit den Türken vor vielen Jahren sein Bein einbüßte, und seinem türkischen Freund Mehmet formuliert: "Aber um Schritte machen zu können, muss ich erinnern, wie es war, und dass es fort ist. Endgültig. Unumgänglich. Nur so kann es gehen, Mehmet." In der Literatur greift dieser psychotherapeutische Ansatz des Durcharbeitens und Bewältigens zu kurz. Hier ist entscheidend, auf welche Weise die traumatischen Erinnerungen im Sinne von Imre Kertész für uns Nichtbeteiligte bleibend gemacht werden; wie wir auf andere Weise als die Opfer zu Beteiligten werden. Diesem Anspruch wird Doron Rabinovicis neuer Roman "Ohnehin" nur an wenigen Stellen gerecht.

Bernhard Fetz in FALTER 13/2004



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