Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge. Homo sacer III

Giorgio Agamben


Viel provokanter Stoff zum Nachdenken: Der italienische Philosoph Giorgio Agamben analysiert in seinem groß angelegten Projekt "Homo sacer" die moderne Biopolitik und bezieht sich dabei in nicht unumstrittener Weise auf die Konzentrationslager.

Lange hat die linke Theorie darauf gewartet, nun hat sie endlich wieder einen neuen internationalen Star: Giorgio Agamben. Seit ein paar Jahren gibt es die Schriften des Rechtsphilosophen aus Verona auch in deutscher Übersetzung. In seinen Büchern schafft Agamben theoretische Grundlagen, die Anliegen von Globalisierungsgegnern und Antiamerikanisten, während er in Interviews und Zeitungsartikeln die politische Stoßrichtung seines Denkens verdeutlicht.

Im Pariser Figaro etwa schrieb er unter Bezugnahme auf den Irakkrieg, dass die US-amerikanische Regierung "wohl überlegt ignoriert und mit Füßen getreten hat, was vom internationalen Recht übrig war". In der Süddeutschen Zeitung führte der 62-jährige Denker aus, dass nicht ein global gewordener Terrorismus die eigentliche Herausforderung demokratischen Denkens sei, sondern die Tatsache, dass die US-Amerikaner ihn dazu nutzten, über die Welt einen allumfassenden Ausnahmezustand zu verhängen.

"Ausnahmezustand" ist auch einer von Agambens Kernbegriffen. In einem soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Buch gleichnamigen Titels beschreibt der italienische Professor die lange Geschichte des Begriffes bis hin zu seiner heutigen Stellung in Rechtssystemen westlicher Prägung. Der Clou der Sache, die auf den ersten Blick trocken scheint, besteht darin, dass eben nicht genau gesagt werden kann, ob der Ausnahmezustand außerhalb oder innerhalb des jeweiligen Rechtssystems liegt. Ob er mithin das bestehende Recht als Ganzes außer Kraft setzt oder nur dessen inneren Grenzwert darstellt. Akribisch arbeitet Agamben diese Zone rechtlicher Unbestimmtheit heraus.

Je bodenloser die Sache auf der Ebene des Rechtes wird, desto klarer tritt zutage, dass die Praxis des Ausnahmezustandes letztlich nur noch rein politisch motiviert ist. Wie so oft spannt Agamben auch bezüglich dieses Punktes einen weiten Bogen: Anhand der Staatsrechtslehre von Carl Schmitt zeigt er, wie die permanente Anwendung des Ausnahmezustandes eine Demokratie beinahe selbsttätig in eine Diktatur überführen kann. Auf der anderen Seite tun sich aber unter der Begrifflichkeit des Ausnahmezustandes zentrale Möglichkeiten zu einer Absicherung des individuellen Widerstandsrechts auf.

Das Buch "Ausnahmezustand", das diesen Zustand als eine der heute entscheidenden Anomalien beschreibt, fügt sich in das philosophische Hauptwerk des Autors, von dem mittlerweile der Großteil in deutschsprachigen Übersetzungen zu haben ist. "Homo sacer" nannte sich der erste Band des später mit diesem Gesamttitel bezeichneten Projektes. Das Buch "Ausnahmezustand" firmiert in jenem übergreifenden "Homo sacer"-Zusammenhang als Teil 2.1., die Untersuchung "Was von Auschwitz bleibt" stellt Agamben als Teil 3 in die Reihe.

Das Buch "Ausnahmezustand", das diesen Zustand als eine der heute entscheidenden Anomalien beschreibt, fügt sich in das philosophische Hauptwerk des Autors, von dem mittlerweile der Großteil in deutschsprachigen Übersetzungen zu haben ist. "Homo sacer" nannte sich der erste Band des später mit diesem Gesamttitel bezeichneten Projektes. Das Buch "Ausnahmezustand" firmiert in jenem übergreifenden "Homo sacer"-Zusammenhang als Teil 2.1., die Untersuchung "Was von Auschwitz bleibt" stellt Agamben als Teil 3 in die Reihe.

Ausgangspunkt der Überlegungen Agambens ist die Frage, wie die souveräne Macht das nackte Leben definiert. Hierbei geht der Autor von dem antiken Begriff des homo sacer aus, über den das archaische römische Recht verfügte, dass er zwar straflos getötet, aber nicht geopfert werden dürfe. Diese unentschiedene Stellung zwischen einem weder "verflucht" noch "heilig" schließt den homo sacer aus dem bestehenden Rechtssystem aus, weil die Tatsache, dass seine Opferung sinnlos geworden ist, ihn de facto unberührbar macht.

Der archaische Mechanismus, das nackte Leben als Rechtskörper erst produzieren zu müssen, um es dann umso konsequenter vom eigenen Rechtssystem ausschließen zu können, zeigt für Agamben auch in modernen Gesellschaften Wirkung. Der Ort, an dem diese Manipulation stattfindet, ist das Lager. Egal, ob es sich dabei um Guantanamo-Bay, die Abschiebezonen westlicher Flughäfen oder das Fußballstadion von Bari handelt, in das die italienische Polizei im Jahr 1991 albanischen Flüchtlinge pferchte.

Dass der Ausnahmezustand dabei fast zur Regel geworden ist, zeigt sich auch in dem Maß, in dem die Unterhaltungsindustrie oder die Werbung das Lager als Genre entdeckt: In den "Big Brother"-Containern der Medien formt sich aus zehn bis zwölf Durchschnittsleben ein Star. In der "ersten Hochsicherheitszelle mit Turbo", als die man uns den neuen Smart anzudrehen versucht, sollen wir losdüsen, ohne uns lange um innere Beklemmungen zu kümmern. Vielleicht lässt sich in solch eng gewordenen Räumen nicht mehr allzu gut leben, immerhin kann man in ihnen aber noch fröhlich sein. Schließlich hat der italienische Komiker Roberto Benigni in seinem Film "Das Leben ist schön" vorgezeigt, dass sich diese Art des Vergnügens, die das Vergnügen eines allumfassenden Gewinnspiels ist, auch vor dem Hintergrund eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers in Bilder fassen lässt.

Agamben zeigt keinerlei Scheu, die extreme Verzerrung, die der Nationalsozialismus an der Moderne vorgenommen hat, zur Erklärung heutiger Verhältnisse heranzuziehen. So bezieht er die permanente Inanspruchnahme des Ausnahmezustandes durch Hitler auf das Tun George W. Bushs, und das nationalsozialistische Konzentrationslager wird in das Konzept des Lagers integriert. Fast reflexartig hat man dem italienischen Philosophen vor allem im deutschsprachigen Raum den Vorwurf gemacht, die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen zu leugnen.

Übersehen wurde dabei, dass der Heidegger-Schüler Agamben nicht historiografisch, sondern rein phänomenologisch argumentiert. Den kritischen Impetus nimmt er von Walter Benjamin. Die Erscheinungen werden in ihrer schroffen Widersprüchlichkeit beschrieben. Je besser dies gelingt, desto mehr keimt am Ende auch bei Agamben die messianische Hoffnung auf, dass dies alles doch irgendwann irgendwie auch besser und gerechter einzurichten sei.

Anders als in seinen Interviews ist Agamben in dem, was er in seinen Büchern schreibt, von unmittelbar politischen Statements weit entfernt. In besonderer Weise trifft dies auf jenen Band des Homo-sacer-Projektes zu, der sich mit der Frage beschäftigt, inwiefern die Vernichtung des nackten Lebens durch den Nationalsozialismus überhaupt durch Zeugenschaft zu beglaubigen ist. Im italienischen Original heißt das Buch "Quel che resta di Auschwitz". Damit ist - in einem durchaus theologischen Sinn - die Substanz eines aktiven Restes angesprochen, um deren mögliches Fortleben es Agamben geht.

Wer, so könnte man die Fragestellung paraphrasieren, trägt den Rest von Auschwitz, und was fangen wir heute damit an? Anders als der US-Amerikaner Geoffrey Hartmann, der sich in den letzten Jahren wie kaum ein anderer mit einer Theorie der Holocaust-Zeugenschaft beschäftigt hat, findet Agamben den letzten Rest, der von Auschwitz bleibt, gerade nicht im intellektuellen Zeugen. Dieser berichtet als Überlebender "nur" stellvertretend von der Vernichtung der überwiegenden Mehrzahl der anderen. Die Erfahrung der Vernichtung aber entzieht sich der Sprache und entschwindet der Zeugenschaft.

Den eigentlichen Zeugen der Vernichtung findet Agamben in jenem nackten Leben, das vernichtet worden ist - personifiziert im so genannten "Muselmann". Mit dieser Bezeichnung (in manchen Fällen auch: "Kamel", "Kretiner", "Schwimmer" oder "Krüppel") wurden in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern Gefangene versehen, die sich bis hin zum Verlust ihrer Mitteilungsfähigkeit aufgegeben hatten und gleichsam nur noch als Schatten vorhanden waren. Von den übrigen Gefangenen und damit auch von jenen, die überlebten, wurden die völlig ausgehungerten Gestalten, deren Bewegungen an mohammedanische Gebetsriten erinnerten, mit Verachtung gestraft.

Man wagte nicht, auf das Bild der eigenen Vernichtung zu schauen, auf jenes absolute Bildnis des nackten Lebens, das hier von der absoluten Macht hergestellt worden war. Auch später, in den Bilddokumenten der Befreiung, kamen die wenigen Muselmänner, die bis dahin überlebt hatten, nicht vor: Die Kameras schwenkten ab, und die Fotoapparate suchten sich andere Motive. Für Agamben ist die Sache klar: So wie das Gorgonenhaupt als unbesehenes Antlitz in der Antike steht, steht der Muselmann in der Moderne. Ein Gesicht, auf das man nicht zu blicken, und ein Zeuge, auf den man nicht zu hoffen wagt.

Agamben schaut sich in seinem Buch genau diesen Zeugen an. Er beschreibt, wie sich in ihm das nackte Leben auf die vegetative Substanz des Körpers zurückgezogen hat. In dieser Reduktion des Menschen auf einen "Pflanzenmenschen" (in einigen Lagern wurden die Muselmänner tatsächlich so genannt) hat die souveräne Macht ihre ganze Macht gezeigt, in ausgewählten Werken der Literatur (und auch dies hat ihm Kritik eingebracht) sieht Agamben Vergleichbares vorweggenommen oder umgesetzt. Immer wieder und so auch an dieser Stelle kommt er in seinen Büchern auf Kafka zu sprechen. Neue interpretatorische Ansätze, die in vielen Fällen fortsetzen, was bei Walter Benjamin begann, ergeben sich daraus insbesondere für "Gesetzes"-Texte wie den "Prozess" oder "In der Strafkolonie".

Endgültige Antworten bleibt Agamben schuldig, auch deshalb, weil sie auf dem Feld, auf dem er arbeitet, nicht zu haben sind. Auch in der Frage, was denn nun von Auschwitz bleibt, etabliert sich am Ende des stilistisch brillanten Textes ein stummes Paradox. Einige Muselmänner haben die Konzentrationslager überlebt, manche von ihnen später ihre Sprache wiedergefunden. Agamben überlässt ihnen das letzte Wort: "Ich war einer der ersten Muselmänner, ich irrte wie ein herrenloser Hund durchs Lager, und mir war alles egal, wenn ich nur den heutigen Tag überlebte!"

Klaus Kastberger in FALTER 13/2004



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