Die Selbstmord-Schwestern

Jeffrey Eugenides, Mechthild Sandberg-Ciletti


Jeffrey Eugenides liefert in "Die Selbstmord-Schwestern" ein zartsinniges Protokoll vom Heranwachsen in einer Kleinstadt der Siebzigerjahre.

Erster Satz, alle tot: Cecilia, Lux, Bonnie, Mary und Therese Lisbon; 13, 14, 15, 16 und 17 Jahre alt; Tod durch Sturz und Pfählung, Erhängen und diverse Vergiftunge; in zwei Fällen ist der Suizid erst im wiederholten Anlauf erfolgreich. Wenn die Protagonisten gleich auf der ersten Seite aus ihrem irdischen Dasein verabschiedet werden, liefert der Roman in der Regel Fakten und Motive nach. Im Prinzip ist das auch in "Die Selbstmord-Schwestern" der Fall, aber natürlich hängt alles davon ab, wie und von wem diese Spurensuche erzählt wird.

Dass das im amerikanischen Original bereits 1993 erschienene Debüt von Jeffrey Eugenides (Jahrgang 1960) erst jetzt - im Windschatten der pulitzerpreisgekrönten Erfolgsschwarte "Middlesex" - übersetzt wurde, ist mehr als verwunderlich, wird doch normalerweise jeder sich auch nur irgendwie anbietende US-amerikanische Autor unter vierzig als neuer Shootingstar durch die PR-Maschinerie der Verlage gejagt.

Bei den "Selbstmord-Schwestern" handelt es sich um einen eher durchschnittlich dimensionierten und auch ansonsten - sieht man vom kollektiven Selbstmord der Titelheldinnen ab - recht unspektakulär daherkommenden Roman. In gewisser Weise ist er das zartsinnige Pendant zu Stewart O'Nans ebenfalls in diesem Frühjahr erschienenem "Halloween": Beide spielen in Kleinstädten und handeln von adäquat frustrierten Jugendlichen, die grausam zu Tode kommen. Aber während O'Nan (Jahrgang 1960) im Fundus der Schauerästhetik wühlt und sein Carcrashsplattermelodram sarkastisch-drastisch in Richtung Stephen King steuert, erinnert Eugenides' Seventies-Drama (2000 von Sofia Coppola verfilmt) als eine Art weichgezeichnete Variante von Brian de Palmas Stephen-King-Adaption "Carrie" - eben ohne fliegende Messer und Schweineblutdusche.

Der Highschool-Ball freilich darf nicht fehlen - mit Mädchenklogesprächen, mitgeschmuggeltem Pfirsichlikör, Schmusereien unter der Zuschauertribüne, Wahl des Königspaares, verspäteter Heimkehr im Taxi und kleinen, aber umso nachdrücklicheren Gesten: "Bonnie (...) wandte sich Joe Hill Conley zu. Sie musterte ihn einen Moment aufmerksam, dann zog sie ihm mit ihren Fingern einen neuen Scheitel auf der linken Seite. ,Das sieht besser aus', sagte sie. Beinahe zwei Jahrzehnte später ist das bisschen Haar, das ihm geblieben ist, noch immer von Bonnies unsichtbarer Hand gescheitelt."

Es ist die zeitliche Distanz zwischen der Handlung und ihrer retrospektiven Aneignung, die dem Roman seine pathetische Fallhöhe verleiht. Das ehemalige Knabenkollektiv hat den Fall offenbar aufwendig recherchiert. Mit sensiblem Voyeurismus wird das Schicksal der zusehends dem Regime ihrer puritanischen Eltern unterworfenen Lisbon-Schwestern verfolgt - soweit das möglich ist; denn außer der nymphomanisch aufgelegten Lux und der jungen, den Suizidreigen eröffnenden Cecilia bleiben die Mädchen relativ konturlose Teilmengen eines attraktiven Kollektivs, mit dem die Burschen über geheime Kanäle kommunizieren: "Die Signale der Mädchen erreichten uns und sonst niemand, wie ein Rundfunksender, der nur über unsere Zahnspangen zu empfangen war."

Die Lisbon-Sisters erweisen sich einerseits als ganz normal, bleiben andererseits von der sanft knisternden Aura entrückter Erotik umglänzt, die auch den erwachsenen Männern als Phantomschmerz präsent bleibt. "Die Selbstmord-Schwestern" erscheinen so als eine melancholische Apotheose der Adoleszenz, in der das Leben immer mehr verspricht, als es später wird halten können: "Am Ende spielte es keine Rolle, wie alt sie gewesen oder dass sie Mädchen waren, von Bedeutung war einzig, dass wir sie geliebt hatten und sie uns nicht hatten rufen hören (...)."

Klaus Nüchtern in FALTER 13/2004



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