Schneeweiss und Russenrot

Dorota Maslowska


"Trainspotting" in Polen und Dänemark: Dorota Maslowska tischt in "Schneeweiß und Russenrot" harten Stoff auf, über Jakob Ejersbos "Nordkraft" schwebt eine süßliche Rauchwolke.

Dass die Literaturgeschichte ohne bewusstseinsverändernde Substanzen anders verlaufen und ganz sicher um einige Höhepunkte ärmer wäre, ist kein Geheimnis. Während es eine alte Tradition ist, unter Drogen zu dichten, wurde es im Zuge der Technobewegung in den Neunzigerjahren wieder chic, über Drogen zu schreiben. Für Irvine Welsh ("Trainspotting") oder Rainald Goetz ("Rave") herrschte dabei im Gegensatz zu den Beatniks kein Zwang mehr, selbst under influence zu stehen, um davon erzählen zu können. Aus der Sofa-Perspektive mehr oder weniger Entwöhnter ging es den Autoren in ihren Texten vielmehr um Momentaufnahmen einer Generation zwischen 15 und 45, die sich nicht unmaßgeblich über ihren Drogenkonsum definiert.

Wie es Dorota Maslowska und Jakob Ejersbo da halten, ist mangels einschlägiger biografischer Informationen über die beiden Romandebütanten nicht zu sagen. Es ist auch unerheblich. Denn in einer Zeit, in der zum Thema längst alles gesagt scheint, ist es ihnen gelungen, Romane darüber zu schreiben, welche vor allem durch ihre Kunstfertigkeit bestechen.

In besonderem Maße trifft das auf Maslowskas Buch "Schneeweiß und Russenrot" zu. Im zarten Alter von 18 Jahren verfasst, wurde ihr Erstling in Polen zu einer literarischen Sensation und in der Folge zu einem europäischen Phänomen, das inzwischen in zehn Sprachen übersetzt wurde. Der Grund für diese Begeisterung, in die auch das Feuilleton von der Frankfurter Allgemeinen bis zur Neuen Zürcher Zeitung mit einstimmt, dürfte vor allem in Maslowskas virtuoser Sprachhandhabung zu suchen sein. Nicht genug damit, dass sie Irvine Welshs Romane wie harmlose Idyllen aussehen lässt, erweist sich die Polin schon in jungen Jahren als stilistisch ungemein versiert. Knapp und präzise sind ihre Schilderungen, stark und treffend die Bilder. Die Endzeitstimmung des Texts gemahnt ans Fin de Siècle, der düstere Ton streckenweise an Thomas Bernhard, und die Postmoderne lässt grüßen, wenn im letzten Drittel des Buches plötzlich eine gewisse Dorota Maslowska auftaucht, um als Protokollarin (!) im Gefängnis die Aussage ihres Antihelden aufzunehmen - und damit gleichzeitig deren von Speed beeinflussten Bewusstseinsstrom ironisch zu brechen.

Ob wir die haarsträubenden Geschehnisse um Andrzej, genannt der Starke, alle für bare Münze nehmen dürfen, ist auch angesichts des halluzinatorischen Anstrichs der Erzählung fraglich. Sicher scheint nur so viel: Der junge Mann, der sich vorwiegend in Clubs herumtreibt und wahllos Drogen konsumiert, ist am Boden zerstört, weil ihn seine Freundin Magda verlassen hat. Die eingenommenen Substanzen steigern seinen Liebeskummer zur Raserei, die in einem tage- und nächtelangen Höllentrip kulminiert. Vor der Kulisse einer namenlosen Stadt und am Anfang eines polnisch-russischen Krieges erlebt Andrzej gemeinsam mit anderen jungen Frauen reichlich bizarre Dinge, die mit Sex eher nur am Rande zu tun haben, und taumelt im Rausch immer mehr Richtung Abgrund. Einige Male erscheint ihm noch Magda, doch dürfte es sich bei diesen Begegnungen bereits um Illusionen handeln. Und am Ende verschwindet auch der Protagonist selbst in immer rätselhafteren Bildern.

Während Maslowskas atemloser Text jegliche Moral geflissentlich ausspart, kommt Jakob Ejersbos Monumentalroman "Nordkraft" nicht ganz ohne didaktisch erhobenen Zeigefinger aus - und die Liebe darf am Ende über die Drogensucht triumphieren. In seinem im direkten Vergleich fast behäbig realistischen Buch erzählt der Mittdreißiger die Geschichte einer Jugendclique, die ausschließlich durch den gemeinsamen Konsum von Haschisch und Pilzen zusammengehalten wird. In drei Teilen, die 1990, 1992 und 1994 spielen, fokussiert der Autor jeweils auf einzelne Personen und Subcliquen.

Was im ersten Drittel mit dem Scheidungskind Maria, die eine triste Liaison mit einem Kleindealer eingeht, ein wenig bieder einsetzt, gewinnt mit dem zweiten Teil deutlich an Qualität und Eindringlichkeit. Hier kehrt ein ehemaliger böser Bube nach jahrelangem Exil auf einem Öltanker in die Heimat zurück, um einen Neuanfang zu wagen. Doch sein ehemaliger bester Kumpel, der sich zu einem ungemütlichen Gesellen entwickelt hat, möchte ihn zu krummen Touren verleiten.

Wie die Hauptfigur hier zwischen guten Vorsätzen und verlockenden Angeboten, einer jungen Liebe und alten Gewohnheiten hin und her gerissen wird, das katapultiert Ejersbo volley in eine Liga mit Erzählern wie Jonathan Franzen - und hat in seinem mitfühlenden Ton nichts mit Michel Houellebecq zu tun, als dessen dänische Ausgabe der Verlag den Autor irreführenderweise vermarktet. Im Schlussteil wird es zwar gar gefühlig, und Hollywood winkt, wenn sich am Grab des Gruppen-Junkies noch einmal alle Figuren zu Resümee und Ausblick zusammenfinden. Nichtsdestotrotz ist dem dänischen Debütanten mehr als eine ordentliche Talentprobe gelungen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 13/2004



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