Die Geliebte des Duce. Das Leben der Margherita Sarfatti und die Erfindung des...

Karin Wieland


Anhand der Biografie von Mussolinis Geliebter Margherita Sarfatti versucht die Politologin Karin Wieland, die Geschichte Italiens im frühen 20. Jahrhundert zu rekonstruieren.

Am 30. Oktober 1961 endet in einem Landhaus in der Nähe von Como das exemplarische Leben der Margherita Sarfatti. In ihrer Biografie - Tochter einer begüterten jüdischen Familie aus Venedig, Salon-Sozialistin, Journalistin, faschistische Kunstpolitikerin und zuletzt Vertriebene und Verfemte - trafen sich die Bruchlinien des 20. Jahrhunderts: Staatsterrorismus, eliminatorischer Rassismus, Geschlechterkonflikte und das Ende der Kunstutopien.

Als Mentorin der Futuristen, die sie ab 1909 im sozialistischen Avanti! publizistisch fördert, führt sie deren kulturelles Kapital nach dem Krieg der faschistischen Bewegung zu; als Bildungsbürgerin erzieht sie ihren proletarischen Geliebten Benito Mussolini zum hybriden Soldaten-Dandy um und führt ihn in die bürgerliche Gesellschaft ein; als Staatsbeauftragte für Kunstankäufe reguliert sie in den Zwanzigerjahren den italienischen Kunstmarkt; als Jüdin ist ihr Sturz aus der italienischen Nomenklatura (trotz Konvertierung) unvermeidlich.

Mit "Die Geliebte des Duce" legt die Politologin Karin Wieland nun eine Tour de Force durch die Ideologie-, Ästhetik- und Sexgeschichte der italienischen Moderne vor. Ob Bauhaus, Konstruktivismus oder Futurismus: Die aktive Involvierung in die Politik der jeweiligen repressiven Systeme rückt heute, nach intensiver archivalischer Rekonstruktion, die Frage nach der Komplizenschaft von ästhetischer Avantgarde und totalitärer Herrschaft in den Vordergrund. Für den italienischen Futurismus kann das in etwa folgendermaßen formuliert werden: Wie weit stimulierten die Manifeste für den technoiden Prothesen-Menschen den faschistischen Posthumanismus und dessen Gewalt- und Todeskult? Oder, als Gegenthese: Wie weit zähmte die Erbschaft des Futurismus den italienischen Faschismus?

Die Tätigkeiten Margherita Sarfattis - u.a. Juryvorsitzende Italiens für die Kunstgewerbeausstellung in Paris 1925 oder Organisatorin der Ausstellung "Kunst des 20. Jahrhunderts" in Mailand (1926) - führen gewissermaßen ins empirische Zentrum solcher Überlegungen. Die Nachzeichnung ihrer wechselvollen Karriere macht jedenfalls deutlich, wie viel eine machtorientierte Kulturgeschichte in die Debatte einzubringen vermag. Als These formuliert: Der verblüffende Modernismus und Pluralismus des italienischen Faschismus in Architektur und Malerei waren das Resultat eines fragilen Kräfteverhältnisses rivalisierender Machtgruppen. Solange "Italianismo" noch meinte, die Führungsposition innerhalb internationaler Tendenzen zu erobern und damit den Faschismus als zeitgemäße Herrschaftstechnik zu repräsentieren, konnten sich Margherita Sarfatti und ihre modernistische Künstlerklientel behaupten. Mit dem Machtzuwachs völkisch-rassistischer Ideologen bekam auch sie große Probleme.

1933 eröffnet der faschistische Parteisekretär Roberto Farinacci den Angriff auf Sarfatti, auf die "jüdisch-modernistische" Verunstaltung der italienischen Tradition. Von Mussolini fallen gelassen, geht Margherita Sarfatti ins Exil in die USA, wo sie dennoch ungebrochen den Faschismus propagiert. Vorübergehend remigriert, flüchtet sie nach Erlass der italienischen "Rassengesetze" 1938 nach Südamerika. Im November 1938 wird sie als Jüdin aus der faschistischen Partei ausgeschlossen - ein paradoxes Leben, zumindest aus der Perspektive jenes manichäischen Geschichtsbildes, das mit den populären Erzählungen zum Nationalsozialismus dominant geworden ist. Und es ist auch ein schlecht dokumentiertes Leben, trotz oder wegen Margherita Sarfattis Autobiografie aus dem Jahr 1955, in der Mussolini nicht einmal erwähnt wird.

Zweifellos ist Wielands Buch dort am überzeugendsten, wo sie die labilen und prekären Strategien Sarfattis rekonstruiert, ihre Rolle als Erzieherin, Propagandistin, Chauffeuse, Biografin und Lebensberaterin des "Duce", als Sammlerin, Kuratorin, Kritikerin und Händlerin. Und zweifellos macht es das Surplus von Biografien aus, dass anekdotischen Begebenheiten erhebliche Effekte zugestanden werden dürfen, etwa der taktischen Rückbesinnung Mussolinis auf seine Familie als Geste gegenüber dem Vatikan - danach (um 1929) verlor Sarfatti sukzessive an Einfluss.

Andrerseits gerät Wieland mitunter in die Nähe allzu spekulativer Psychologismen. So mangelt es leider auch der Pointe ihrer Erzählung - die "Erfindung des Faschismus" durch die mystische Vereinigung von Sarfatti und Mussolini im Gedenken an Sarfattis im Krieg gefallenen Sohn Roberto - an Überzeugungskraft. Das an anderer Stelle beschriebene Zusammenspiel von futuristischer Gewaltsemantik und Sturmtruppenmentalität, das die faschistischen Aktionsgruppen beflügelte, würde für sich schon genügen. Und so sieht man es dem vorliegenden Buch auch nach, wenn es sich zu Beginn stellenweise wie ein reader's digest zur Geschichte Italiens liest und mitunter Charakterisierungen der politischen Landschaft vornimmt, die man eher in Schulbüchern vermuten würde.

Siegfried Mattl in FALTER 13/2004



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