Damals. Ein Leben in Deutschland 1929 - 2003

Hildegard Baumgart, Reinhard Baumgart


Die beiden im Vorjahr verstorbenen Literaturkritiker Reinhard Baumgart und Adolf Frisé sind - von Musil bis Handke und Habermas - vielen bedeutenden Zeitgenossen begegnet und versinken doch nicht im Anekdotischen.

Merkwürdige Gattung der Lebenserinnerungen: Niemand mehr traut ihrem Wahrheitsanspruch, am allerwenigsten die Berufsleser, und fast jeder will sie schreiben (lassen). Gelesen wurden und werden sie nach wie vor gern, ungeachtet - oder wegen? - der angelsächsisch-handfesten Maxime: "Everything is non-fiction, except autobiography." Wie das Beispiel Marcel Reich-Ranicki, Fritz J. Raddatz oder jetzt eben Reinhard Baumgart und Adolf Frisé zeigt, sind es gerade die professionell Misstrauischen, die sich in eigener Sache mit allen Kunstgriffen dieser Gattung bemühen, den Vorbehalt gegen das "Lebenschreiben" zu zerstreuen. Es hat den Anschein, dass man nach der zerstreuenden Arbeit am Lebenswerk anderer zumindest schreibend endlich zu einem eigenen Leben kommen möchte.

Auch nach der Postmoderne macht man das immer noch am besten so, dass man die Regeln der Gattung bespricht und anzweifelt. Eine elegante Version lässt sich bei Baumgart (Jahrgang 1929) finden: "Inzwischen weiß ich ohnehin, wie launisch und lückenhaft die Erinnerung arbeitet und wie sich ihre Bestände noch einmal verwandeln, wenn sie aufgeschrieben werden. Aber bald werde auch ich dieses Buch in die Hand nehmen und mir einbilden: das ist es, das war es, mein Leben."

Herrischer, spröder und irritierend häufig lässt der ältere Frisé (Jahrgang 1910) wissen, dass er an irgendetwas, ja an etwas ganz Wichtiges seines Lebens, keine Erinnerung habe. Gerade solche Signale helfen indes, die zu überzeugen, die sich nicht so leicht fangen lassen. Denn Frisé mahnt das Nichtvergessen schon zum Zeitpunkt des Erlebens, wenngleich vergebens, ein: "Nichts vergessen. Ich hatte es mir schon mehrere Male vorgenommen. Festhalten, was, wenn ich nicht zupacke, nicht wirklich geschehen ist, es läuft mir davon."

Der Leser kann (bei einer ersten Lektüre) gegen das Faktische nur wenig ausrichten; es sei denn, er liest die Erinnerungen anderer vor allem deshalb, um zu sehen, ob und wie er selber darin vorkommt. Das erscheint ihm dann glaubwürdig, wenn seine Lieblingsfeinde schlechter wegkommen als nötig. Im vorliegenden Fall bemerkt man schnell, dass beide Autoren darum bemüht sind, ihren Lebensentwurf oder ihre Version eines Ereignisses gegen bereits bestehende Lebenserinnerungen oder (literatur-)historische Beschreibungen durchzusetzen. Lacht, wer zuletzt Memoiren schreibt, am längsten? Wenn einem dazu noch Zeit bleibt!

Schon "damals" konnten die Literaturkritiken und Essays Baumgarts als kompetente, liberale Variante zum populistisch-dogmatischen Urteil Reich-Ranickis wahr- und ernst genommen werden; Baumgarts letzte Frankfurter Poetikvorlesungen vor der 68er-Revolte - in seinen Erinnerungen ist jetzt nachzulesen, wie Adorno in der ersten Reihe saß und sich freute, wenn er zitiert wurde - erschienen vielen noch Jahre später als Quintessenz dessen, was Literatur nach ihrem vermeintlichen Tod noch vermag. Ihrem Verfasser jedoch war, wie er versichert, ihr "Zeitgeschmack" bald lästig, und "sein schwaches Talent für starke Theoriebildung wie seine Unlust daran waren ihm längst klar geworden". Das klingt umso glaubwürdiger, als Baumgart in so vielen Berufsrollen: als Literatur- und Theaterkritiker, als Lektor (des Piper-Verlags) und als Drehbuchautor, als Literaturwissenschaftler und eben auch als Schriftsteller auftritt. Von den Mühen und Grenzen seines Schreibens erzählen seine Erinnerungen, auch von der Aporie, in die er sich mit seiner Poetikvorlesung manövriert hatte: "Denn in der Zukunft, die ich da so entschlossen wie vage entworfen hatte, in diesem selbstreflexiven, postmodernen Schreiben, das sich erst zwei Jahrzehnte später und unter ganz anderen Vorzeichen als Popliteratur durchsetzen sollte, würde mein eigenes, an die Autorenperson und ihre Erfahrungen gebundenes Erzählen nicht mehr heranreichen." Irritiert, im Nachhinein, bemerkt er, dass er 1969 zum ersten Mal das Wort Postmoderne gehört hatte, in einem Vortrag des Amerikaners Leslie M. Fiedler an der Universität Freiburg, wo Baumgart zuvor studiert und mit einer Dissertation über Thomas Mann promoviert hatte. Nicht nur er habe davon keine Notiz genommen; der damals "rabiat radikale Aufklärer" Martin Walser habe wild dagegen polemisiert. "Wir hörten alle das neue Wort und überhörten es, hörten statt Postmoderne immer nur Pop: dabei gewesen und die Neuigkeit verschlafen."

Beispiele wie diese zeigen, dass hier nicht Anekdoten abgestaubt werden oder retrospektive Ich-Blähung angesagt ist. Von Kränkungen ist die Rede und beharrlich-sanfter Widerspruch gegen bereits als beglaubigte Versionen der (Literatur-)Geschichte angesagt: Engagiert stemmt sich Baumgart gegen die immer hässlicher werdenden Bilder von der Gruppe 47 (Antisemitismusvorwurf). Auch vielfach Beschriebenes erhält durch ihn eine andere Nuance, etwa Handkes Auftritt in Princeton: "Da stand ein schmaler Junge in dunkelblauem Anzug auf, den dort niemand kannte, der aber ein paar Tage später auf dem Empire State Building vor den laufenden Kameras von NBC erklärte: I am the new Kafka. Der Autor als Nachricht, Story, Auftrittsereignis, diesseits und jenseits seiner Texte - auch diese Novität des Literaturbetriebs wurde damals von diesem zitternden Jüngling in Princeton erfunden." Baumgart selbst kehrt aus New York als einer zurück, der als Erster, wie er sich lange einbildet, die Platten von Joplin und Dylan nach Deutschland importiert. "Damals" war er 37, ein Fall von nachgeholter Jugend also, wie der Text weiß. Wie Baumgart in dem jetzt nur mehr reflexhaft als zynisch beschriebenen Kulturbetrieb von scheiternden Freundschaften (mit Martin Walser oder, in der Beschreibung des dramatischen Finales noch um den verlorenen Freund werbend, mit Jürgen Habermas) erzählt, nimmt den Leser ein für den Autor und dessen - mit selbstdemütigendem Stolz - verkündete Weltfremdheit. Die bekam er oft als Vorwurf zu hören, von Habermas abwärts.

Mit feinem Takt vermisst Baumgart die Distanz zu seinem auf allen Linien "populäreren" Widerpart Reich-Ranicki. Biografisch gesehen kamen beide aus dem "wilden Osten". Baumgart aus der Nähe der damals deutschen Stadt Breslau. Die Beschreibung seiner Kindheit unter dem Nationalsozialismus, dem sein Vater mit vorauseilendem Idealismus anhing, ist ein Glanzpunkt seiner Autobiografie. Der zunächst pathetisch anmutende Untertitel "Ein Leben in Deutschland" wird so erst verständlich. Denn mit Kriegsende fliehen die Baumgarts in den Westen. Der Vater hat seine Familie - mit Glück und Zufall - in Bayern in Sicherheit bringen können: materiell und ideologisch ein Bankrotteur. Das Psychogramm dieser Kindheit (1929-1945) und des Nichtsprechens über das politische wie familäre Fiasko ist plausibel und zugleich befremdend. Zu schnell huschen die Fünfzigerjahre vorbei, in denen der ehrgeizige Student nach einem Germanistikstudium in München und Freiburg, einem Auslandsstudium in Glasgow schließlich reich und verheiratet in München ansässig wird, das ihm nie zur Heimat wurde.

Die Geschichte dieser Liebe, Ehe und seiner scheu und schüchtern, aber doch praktizierten Untreue bleibt in diesem Text ein unentwickelter Film. In dieser Hinsicht wird alles auf eine soziologische Skizze hin gearbeitet, mit freilich auch überzeugenden Momentaufnahmen einer Münchner Boheme, die sich an Wochenenden gern im neu erbauten Haus des Ehepaars Baumgart mit Kindern einfindet, dessen Lebensstil sie zugleich gering schätzen.

Man ist geneigt, das als Diskretion zu loben.

Nach der Lektüre von Frisés Erinnerungen wird klar, dass in erotischen Dingen Diskretion auch anders, allerdings herber möglich ist. Etwa durch Lakonik: "Sie genoss es, dass es sie gab, das steckte an. Wem sie sich zuwandte, war im selben Augenblick ihr Freund. Nun war ich auf einmal ihr Freund. Es war unverfänglich, dazu angenehm bequem. Sie hatte Energie für drei. Man nahm ihr nichts, wenn man sie sich zunutze machte." Oder diese Nachricht von einer Schönen: "Sie studierte, sah sich um. Ihr war es darum zu tun, nicht allein zu sein. Wir übten uns in Zärtlichkeiten. Sie wie ich kamen zur Ruhe."

Frisé, der dem Alter nach Baumgarts Vater sein könnte, wirkt mit solchen Mitteln der Darstellung frischer. Mitunter fragt man sich beim Lesen dieser beiden Autobiografien, ob die Art des eigenen Schreibens nicht doch davon abhängt, ob man Musil- oder Thomas-Mann-Forscher ist. Frisés Erinnerungen brechen Anfang der Fünfzigerjahre ab, also in der Mitte seines Lebens. Es ist deutlich, dass die Schlusskapitel mit ihrem Stakkato der zitierten Notate von früher eine Rohfassung darstellen (eine editorische Nachbemerkung wäre leser-freundlich gewesen). Deshalb ist wenig vom Betrieb des Nachkriegs zu lesen; lediglich vom Zusammentreffen mit dem jungen Habermas, den Frisé als Mitarbeiter bei "seiner" Zeitung, dem Handelsblatt, anheuert.

Umso eindringlicher erscheint das Sichdurchschlagen als junger Journalist unter den Bedingungen des Nationalsozialismus, das Taktieren, Mittun, Glückhaben. Frisés Lakonismus ist das Moralisieren fremd; derart verfremdet liefert sein Einblick in den Alltag des Dritten Reichs eine aufschlussreiche Besichtigung des Kulturbetriebs und seines Funktionierens, vor allem auch der Wahrnehmung: "Es kam damals mehr denn je auf den ersten Augenblick an. Die so derb proklamierte neue Zeit hatte uns schon trainiert, erst einmal abzuwarten, wie der andere, den man noch nicht kennt, reagiert, zu sondieren, ob er etwas, was von Belang sein könnte, fürs Erste offen lässt, was er verschweigt, nicht sagen will, was er erwartet, was er hören will, was einzuräumen oder zu erkennen zu geben ein Fehler, ja verhängnisvoll wäre. Durchweg blieb es bei der Psychologie für den Hausgebrauch."

Lapidar schreibt Frisé von seinem Bemühen, Musils "Mann ohne Eigenschaften" "in Einklang mit der Zeit zu bringen". Das erste und einzige persönliche Zusammentreffen mit Musil ist das, was man - im Nachhinein - eine entscheidende Lebenswende zu nennen pflegt. Frisé arbeitet dieses Ereignis mit der Kunst des Understatements aus, bezeichnenderweise auch gleich mit seinen eigenen Erinnerungstäuschungen. Der Abschnitt in den "Erinnerungen" ist also auch eine Selbstkorrektur von früheren Beschreibungen dieser Begegnung (am 27. Jänner 1933).

Ein Selbstzitat von früher hält indes der eigenen Überprüfung stand. Es ist ein hinreißendes Musil-Porträt und zugleich eine versteckte Charakteristik dessen, der sich um diesen Schriftsteller so große Verdienste erworben hat. Es ist eine Einladung, Musil und Frisé zu lesen: "Der Mann, vor dem ich saß, war frei von jeder Attitüde, alles andere als ein Großschriftsteller, dem sein Misstrauen, sein Spott gegolten hatten, betont diszipliniert, streng, abgemessen bis in die Bewegung der Hand, ein Mann von natürlicher, beiläufiger Selbstkontrolle, nicht jemand, der für sich beanspruchte, Recht zu haben, es besser zu wissen. Auch nichts von pädagogischer Gestik."

Karl Wagner in FALTER 13/2004



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