Reise in die Stille. Zu Gast in Klöstern

Patrick Leigh Fermor


Der Mann, der im Alter als Vorbild der rastlosen Jetset-Reiseliteraten wiederentdeckt wurde, hat selbst vorwiegend Bücher mit verlangsamtem Tempo geschrieben wie jene "Reise in die Stille", die von seinen Erfahrungen in drei Klöstern erzählt. Darunter war das Kloster von La Trappe, in dem die "Zisterzienser von der strengen Observanz", gemeinhin Trappisten genannt, ihr Leben vorwiegend bei schwerer körperlicher Arbeit schweigend auf dem Feld oder im stummen Gebet in finsteren Kirchen zubringen. Es ist eigenartig, mit welch großer Sympathie der Freigeist, Partisan, Ästhet und Lebenskünstler Leigh Fermor ausgerechnet diesem durchaus autoritär geprägten Orden zugetan ist. Täglich nehmen die Klosterbrüder den Spaten für einen symbolischen Stich in die Erde zur Hand - damit sie mitten in einem Leben, das uns allen als kein besonders reizvolles erschiene, ihres Todes gedenken.

Leigh Fermor will nur glückliche Trappisten getroffen haben, und nur solche, denen das Leben wie im Flug vergangen sei. Während sich draußen die Leute von einer Unterhaltung zur anderen hetzen, um sich darüber doch zu langweilen, vergeht die Zeit jenen, die fast keine Ablenkung haben, viel zu rasch: "Die Flüchtigkeit der Zeit ist ein Phänomen, das jeder Mönch kennt: Drei Monate, ein Jahr, fünfzehn Jahre, ein Leben sind schnell vergangen."

Mit fünfzigjähriger Verspätung ist nun der einzige als "Roman" bezeichnete Text Leigh Fermors auf Deutsch zu lesen, wobei es sich bei "Die Violinen von Saint-Jacques" eher um eine Novelle handelt. Ein junger Engländer lernt auf einer griechischen Insel eine alte Dame kennen, eine Fremde gleich ihm, doch längst auf der Insel so bekannt, dass sie von allen verehrt wird. Dem verarmten französischen Landadel entstammend, war sie in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts als Gouvernante auf die kleine Karibikinsel Saint-Jacques gezogen. Von den inneren Dramen, die sich dort in ihren Kreisen binnen Wochen zuspitzten und äußerlich in einem verheerenden, das ganze Eiland vernichtenden Vulkanausbruch entluden, erzählt das schmale Werk. Seine Stärke liegt in der Sinnlichkeit, mit der hier eine exotische Welt in all ihren Farben und Gerüchen evoziert wird. Und in der Dezenz, mit der von großen Leidenschaften erzählt wird, ohne dass diese fortwährend beim Namen genannt oder ausgemalt werden müssen.

In der französischen Kolonie treffen dreierlei Leute aufeinander: die erzreaktionären Grundbesitzer, die aus dem bürgerlichen Frankreich hierher ausgewichen sind; die französischen Verwaltungsbeamten, oberflächlich aufgeklärt, aber ohne Verständnis für die Welt, in die sie versetzt wurden; und das vielfältig abgestufte Heer der Kolonisierten. An einem prächtigen Karnevalsabend, dessen Maskeraden immer auf das Untergründige, Verdrängte, die Gewalt verweisen, endet alles in namenlosem Grauen und vernichtendem Schrecken. Kein Hauptwerk im Ruvre des Autors, aber ein schönes Seitenstück, dessen Motive man wie die auf den Grund des Meeres versunkenen Violinen von Saint-Jacques noch hört, wenn man das Buch längst geschlossen hat.

Karl-Markus Gauß in FALTER 13/2004



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