Der Kreis

Sabina Naber


Wien als Mordstadt hat wieder Saison: Melancholische Kommissare zieht es in Mariahilfer Absturzlokale, Psychoanalytiker residieren in der Innenstadt, und Ortsunkundige werden mit Anreiseplänen zum Café Europa ausgestattet.

Als Tatort besitzt Wien samt seinen Klischees eine gewisse Attraktivität, deren sich die aktuelle deutschsprachige Krimiliteratur wieder zu besinnen scheint. Gleich fünf aktuelle Romane spielen in Wien und zeichnen ein höchst unterschiedliches Bild der Stadt.

Sabina Naber schickt in ihrem Krimi "Der Kreis" ihre Kommissarin bereits zum zweiten Mal auf Tour. Der Wienerwald brennt, eine dilettantisch angezündete Leiche hat einen Waldbrand ausgelöst. Die Spur führt nach Mauerbach, in den seltsamen Kreis einer erzkonservativen katholischen Elitegruppe und schließlich (wie könnte es anders sein beim Thema Katholizismus?) über Prostituierte in Brünn in die Wiener SM-Szene, wobei Maria nicht bloß beobachtende Ermittlerin bleibt, sondern zufällig auch privat ihre ersten Erfahrungen in Sachen Bondage macht.

War es in Nabers Vorgängerroman "Die Namensvetterin" ein Swingerclub, in dem sich Maria und ihr schwer durchschaubarer Macho-Kollege Phillip sexuell näher gekommen waren, bleibt auch im Nachfolgekrimi die erotische Spannung zwischen der Kommissarin und ihrem Kollegen aufrecht - ein Motor, der ja vor allem Fernsehserien gerne am Laufen hält: die beiden Ermittler, von denen man glaubt, dass sie in der nächsten Folge bestimmt zueinander finden Naber hält wenig von Andeutungen, wenn schon Sex, dann explizit: "Er holte den Finger heraus und leckte ihn ab. Marias Herz pochte schlagartig wieder so rasend wie vergangene Nacht. Hirn an Körper: Er ist ein Vollidiot. Körper an Hirn: Aber ein geiler." Und das, obwohl Maria durch ihre Eskapaden mehr als einmal in peinliche Situationen gerät (ihre Sexualpartner sind nämlich vorzugsweise Kollegen). Über weite Strecken liest sich das Buch, das literarisch keine allzu großen Ansprüche anmeldet und Hochdeutsch neben tiefstes Wienerisch setzt, wie "Aus dem Sexleben einer Singlefrau", was fürs Genre Krimi nicht unoriginell sein mag, aber ein bisschen ratgebermäßig rüberkommt. Wien ist bei Naber vor allem ein Verkehrschaos, immer wenn es schnell gehen muss, gibt es einen Stau.

Martin Prinz geht in seinem Anspruch, die Konventionen des Genres nicht bloß reibungslos zu bedienen, einen beachtlichen Schritt weiter. In "Puppenstille" begegnen wir dem schwer melancholischen Inspektor Starek, der den letzten Sommertagen nachsinnt, eine schlimme Mutterbeziehung hat und eine Freundin, die er kaum sieht. Außerdem bewahrt ihn seine nahezu buddhistische Grundeinstellung nicht davor, mit seinem Leben gerade ziemlich unzufrieden zu sein: "Vielleicht musste man sich doch wie ein Inspektor immer wieder erst selbst auf die Spur kommen, um aus dem sonst aussichtslosen Gebäude der eigenen Angewohnheiten wieder in den Alltag hineinzublicken, als wäre darin alles fremd oder geträumt." Seltsame Morde an jungen Frauen, die nackt und erhängt auf Dachböden gefunden werden, lösen Starek aus seiner momentanen Erstarrung (er ist ins Büro verdammt, vermisst die Straße) und führen dazu, dass er wieder zu seinem "Inspektorengefühl" findet. Die Fälle selbst sind freilich ziemlich konstruiert, was zunächst in die SM-Szene (schon wieder!) führt und auf "Atemkontrollspiele" (Intensivierung des Orgasmus durch Sauerstoffentzug) hindeutet und die Pornobranche streift und in einem radikalen Kunstprojekt endet.

Prinz' knapper und rastloser Sprache, die schon seinen Debütroman "Der Räuber" auszeichnete, begegnet man auch in "Puppenstille" wieder, einem mitunter etwas prätentiösen Buch, das aber durch genaue Alltagserforschung glänzt, die sich vor allem dem 9. Bezirk widmet und Ausflüge ins legendäre Nachtasyl in der Stumpergasse unternimmt. Angenehmerweise bedient Prinz nicht die Mainstream-Wien-Topologie: wenn schon das Café Ritter, dann nicht das auf der Mariahilfer Straße, sondern das in Ottakring.

"Die Notizen des Doktor Freud" von Hans-Otto Thomashoff hingegen sind ein Innenstadtroman mit Innenstadtproblemen - und einem Inspektor, der mehr Zeit bei seinem Analytiker im 1. Bezirk zu verbringen scheint als im Büro. Als Georg Federer eines Morgens jedoch seinen Seelenarzt ermordet auffindet, gerät er selbst ins Fadenkreuz der Ermittlungen, erfährt von Machtkämpfen (Freudianer gegen die Pragmatiker) innerhalb der Wiener Gesellschaft für Psychoanalyse und schwankt (ganz freudianisch?) zwischen der abwesenden idealisierten Freundin und einer geheimnisvollen Sexpartnerin.

Das alles hat einen gewissen Witz, schrammt aber nicht nur sprachlich hart am Schundroman vorbei: "War er denn wirklich nur an ihrem Äußeren interessiert? Hatte sie Recht, dass es ihm nur um die Befriedigung seiner Lust ging? Wie er sich danach verzehrte, seinen Körper von diesem schmerzhaft lustvollen Ziehen in jeder Faser zu befreien." Ziemlich unterhaltsam hingegen sind die Therapiesitzungen, schließlich weiß Thomashoff, wovon er redet: Er arbeitet als Psychoanalytiker in Wien.

Bernhard Salomon ist Wirtschaftsjournalist, und sein recht gelungenes Krimidebüt hat den verhunzten Titel: "Rot Weiß Tot" wirklich nicht verdient. Obwohl man mitunter den Eindruck nicht loswird, dass das Buch trotz origineller Konstruktion nach einem Krimilehrbuch geschrieben ist, gelingt es Salomon mühelos, Figuren zu entwerfen, die so komplex und sympathisch sind, dass man ihnen in neuen Fällen gerne wieder begegnen möchte. Albin, 26 und Pauschalist in einer Wirtschaftsredaktion, macht mit seiner besten Freundin Sarah einen nächtlichen Ausflug in die Römersiedlung Carnuntum, wo sie auf einen frisch Erhängten stoßen, der auf eine Weise zu Tode gekommen ist, die Selbstmord ausschließt. Albin ermittelt auf eigene Faust (die Spur führt ins Werbemilieu), begegnet einem Kommissar, den er schwer einschätzen kann, und muss erfahren, dass genau dieser Mord bereits protokolliert wurde - vor zwei Jahren; was die Geschichte überzeugend unheimlich macht.

Was das Lokalkolorit anbelangt, erinnert "Rot Weiß Tot" an eine Art Kaffeehausführer. Für einen Artikel ermittelt Albin über die amerikanische Kaffeehauskette "Franks Coffee-Corner", die in Wien Fuß fassen will und nur unschwer als Starbucks zu entschlüsseln ist. Die Alternativen dazu stellt das Buch auch vor: Die Treffen finden im kaum bekannten Domcafé oder in Klassikern wie dem Sperl oder dem Europa statt. Wer sie noch nicht kennt, dem wird der Anreiseplan gleich mitgeliefert: "Albin bummelte mit dem 43er bis zum Schottentor, fuhr mit der U2 bis zum Volkstheater und von dort mit der U3 zum Stephansplatz." Während seine Figuren genau gezeichnet sind, laboriert der Plot wie bei Prinz daran, dass er ziemlich konstruiert und wenig plausibel ist. Auch diese Morde haben mit Kunst zu tun. Geht denn in Wien gar nix ohne Kunst? Nicht mal das Morden?

Das wahrscheinlich ambitionierteste, auf jeden Fall aber umfangreichste Buch stammt von Susanne Ayoub, deren "Engelsgift" im Grunde gar nicht so richtig ins Krimigenre passt. Die angeklagte Giftmörderin ist längst tot, und die Ermittlungen werden nicht von der Polizei, sondern von einer Autorin durchgeführt, die auf der Suche nach einem Drehbuch ist. Der Fall, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts tatsächlich ereignet hat und für einen ziemlichen Skandal sorgte, wird neu aufgerollt, der mittlerweile in die Jahre gekommene Sohn der vermeintlichen Mörderin kommt ins Spiel, und über weite Strecken folgen wir seiner Schilderung der Dinge.

Engelsgift" ist die Psychostudie einer verhängnisvollen Mutter-Sohn-Beziehung, eines ungeliebten Kindes, die in Sachen Krimispannung entsprechend unergiebig ist und drei Emanzipationsversuche zum Thema hat: den der verurteilten Mutter von ihren Männern, die der tatkräftigen Frau nicht geben können, was sie braucht; den des verstoßenen Sohnes von seiner dominanten Mutter und den der Autorin von einer alten Liebesgeschichte und einer Schreibhemmung.

Das hört sich ziemlich siebzigerjahremäßig an (aufarbeiten, aufarbeiten, aufarbeiten) und ist es auch - mit all dem dazugehörigen Pathos. Der Sohn beschreibt seine Geburt: "Dann war kein Atem mehr da, nur eine wütende Sonne in ihren Eingeweiden, die ein großes Feuer entzündete, sie versengte, verbrannte. Das Hindernis, die Höllenqual, das Kind. Ihren Sohn. Mich."

Ayoubs Romandebüt merkt man die Drehbücher und Hörspiele, die die Autorin vorher geschrieben hat, insofern positiv an, als dass ihre Sprache ausgesprochen bilderstark ist. Durch die Multiperspektivität der Erzählung gelingt es Ayoub zudem, doch einige Spannung aufzubauen und am Ende auch gebührend zu lösen. Und wo bleibt Wien? In Ottakring, zwischen den Schrebergärten im Liebhartsthal.

Karin Cerny in FALTER 13/2004



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