Terror und Liberalismus

Paul Berman, Hans-Joachim Maass


Angesichts des Terroranschlags von Madrid nun auch in Europa brandaktuell: die wuchtige Streitschrift von Paul Berman. Der linke US-Intellektuelle fordert, die totalitäre Bedrohung durch den Islamismus ernst zu nehmen.

Dieser Tage dürfte sich Paul Berman gefreut haben. Es wurde nämlich verlautbart, dass die USA und Europa nun eine Greater Middle East Initiative starten wollen, eine ganze Reihe von Tagungen, Debatten, Überzeugungs- und Werbungsbemühungen mit dem Ziel, die arabische Welt zu demokratisieren und zu modernisieren. Endlich soll der "Krieg gegen den Terror", bisher nur polizeilich-militärisch geführt, zu einem "Krieg um die Köpfe" werden. Paul Berman muss das deshalb gefreut haben, weil er von einem heiligen Drang beseelt ist, in diesen Krieg zu ziehen, der nämlich "weitgehend von Schriftstellern und Denkern" entschieden werden müsse, wie er selbst bekundete. Und dazu möchte er einen Beitrag leisten.

Vorweggenommen sei: Paul Berman ist, um im Bild zu bleiben, in dieser Schlacht eine smart weapon. Er ist einer der profiliertesten Essayisten der USA, ein hellsichtiger Denker und unorthodoxer Linker, der heute in den meisten Fragen den Neokonservativen im Pentagon und im Weißen Haus ziemlich nahe steht. In seinem Buch "Terror und Liberalismus", das jetzt auch auf Deutsch erschien, in den USA aber schon vor der Invasion im Irak, vertritt er seine Position leidenschaftlich und durchaus beeindruckend.

Berman geht zunächst von der alten Frage aus, wie eine freie Gesellschaft überleben kann. Freiheit, Liberalität, Weltoffenheit, Marktwirtschaft, die Grundlagen der westlichen Kultur, bringen schließlich das eminent Unheroische hervor: Toleranz, wenn nicht gar Indifferenz gegenüber allen möglichen Meinungen, eine Leidenschaftslosigkeit in politischen Fragen, Konsumismus, die Orientierung der Individuen an ihren eigenen Interessen. Niemand hat mehr Lust, in Kriegen zu sterben. Was aber, wenn diese liberale Gesellschaft herausgefordert wird und wenn die Herausforderung von Kräften kommt, die gerade all das an der westlichen Kultur verachten? Dann muss, so Berman in Anlehnung an Abraham Lincoln, eine "freiheitliche Gesellschaft eine kriegerische Gesellschaft" werden.

Berman steht in der Tradition des linken US-amerikanischen "Liberalism", der in etwa mit der europäischen Sozialdemokratie vergleichbar ist, aber den kompromisslosen Antitotalitarismus noch deutlicher auf seine Fahnen geschrieben hat - was wohl auch mit der amerikanischen politischen Kultur zu tun hat. Die nämlich verfügt seit dem Aufstand gegen das Mutterland England über ein besonders waches Sensorium für echte (und auch nur eingebildete) Freiheitseinschränkungen, denen der Einzelne ausgesetzt ist.

Der 1949 geborene Berman sieht sich als Erbe jenes Häufleins von Linken, die nie isolationistisch waren, die für den Krieg gegen Hitler plädierten und auch gegenüber dem totalitären Charakter der Sowjetunion nicht blind waren. Seine Helden sind Intellektuelle wie der pragmatische Philosoph John Dewey oder der Schriftsteller Arthur Koestler, seine Anti-Helden bzw. Todfeinde sind Adolf Hitler, Josef Stalin, Saddam Hussein und Osama bin Laden.

Für Berman sind, und da lässt er nicht locker, islamischer Nationalismus und Islamismus (die sich für ihn nur oberflächlich unterscheiden) die totalitäre Herausforderung unserer Zeit. Sie macht aus, was alle totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts auszeichnete: Hass auf den Liberalismus, Hass auf den Westen, Antisemitismus, Todeskult, die Idee eines reinigenden Armageddon, einer apokalyptischen Säuberung, eines Gewaltexzesses, nach dem die neue Welt und der neue Mensch erst erstehen können; der Gestus moralischer Strenge und die, wenn auch leicht wahnhafte, Vorstellung einer Ursprünglichkeit, die es wiederherzustellen gelte, wenngleich mit modernen Mitteln.

El Kaida ist damit, so eine von Bermans Kernthesen, ein Produkt der westlichen Moderne. Diese These veranschaulicht er unter anderem am Beispiel Sayyid Qutbs, des ägyptischen Moslembruders, der 1966 gehängt wurde. Sayyid Qutbs war der erste große Theoretiker des militanten Islamismus und hat heute noch entscheidenden Einfluss auf die Dschihad-Zirkel, aber auch auf Teile des "gemäßigteren" Islam (siehe auch "Philosophie des Terrors" im Falter 3/2004). Der Islamismus-Vordenker war ein Produkt des Zusammenpralls von Tradition und Moderne, und seine Theorie sei ohne westlichen Nihilismus, ohne Lenins Konzept der Avantgardepartei nicht zu verstehen - um nur zwei Einflüsse zu nennen.

Dieses "Westliche" im Islamismus ist bis heute leicht auszumachen: Die Suizidbomber erinnern Berman an das "Viva la muerte" linker Guerilleros, der Dresscode der Hamas an Mussolinis Schwarzhemden. Alle möglichen Sitten, Ideen und Waren habe Europa in den vergangenen 500 Jahren exportiert - "Warum sollte es Europa unmöglich gewesen sein, auch seinen Geist der Selbstzerstörung zu exportieren?", fragt Berman.

Damit unterstellt er aber auch, dass die Moslems nicht fähig wären, ihren eigenen Faschismus auszuprägen. Dafür musste sich Berman auch von US-amerikanischen Rezensenten schelten lassen, die kritisierten, er benutze den Islamismus bloß als Folie für die Abrechnung mit der eigenen linken Geschichte. Zudem, so die Kritik, habe ihm paradoxerweise auch noch sein alter Linksradikalismus die Feder geführt: der Reflex nämlich, der Westen sei an allem schuld, einschließlich seiner eigenen Bedrohungen. Die Kritik ist hart, aber gerecht, denn sie folgt der Logik des höhnischen Generalverdachts gegen Haltungen des linken Justemilieus, die Berman selbst wie kaum ein anderer verkörpert.

Die allermeisten Linken sind für Berman hingegen - obzwar er sich selbst noch immer emphatisch der Linken zurechnet - Verbündete der Verbrecher, weil sie schon am Afghanistankrieg herumnörgelten und den Irakkrieg ablehnten. Sie sind moralische Würmer, so wie die Pazifisten der Dreißigerjahre, die gegen den Krieg gegen Hitler argumentierten und von einem Appeasement der Nazis träumten; so wie die Trittbrettfahrer des Kommunismus, die im Kalten Krieg die Sache der Freiheit verraten haben; und so wie die liberalen europäischen Warmduscher der Neunzigerjahre, die nicht einmal daran dachten, die bosnischen Muslime zu retten. Er schreibt das alles in dem schneidig-spöttisch-verachtenden Tonfall, wie man ihn nicht selten bei Konvertiten findet, die die Abkehr von ihren bisherigen Glaubensbrüdern besonders scharf erscheinen lassen müssen - ein Tonfall, der auch richtigen Argumenten oft diesen unangenehmen Beiklang verleiht.

In diesen Passagen ist Berman grell und schrill. Zwar gibt es ohne Zweifel einen linken Hang zur Denkfaulheit und zum Antiamerikanismus, eine linke Tendenz, mörderischen Irrationalismus zu verniedlichen oder zu rationalisieren, wenn er aufseiten irgendwie "Unterdrückter" auftaucht. Und es gibt gewiss auch Kriege, die notwendig sind, um das Äußerste zu verhindern oder zu stoppen, und die, wenngleich mit ungeheuren Kosten verbunden, produktiv sein können in Hinblick auf das Ziel, mehr Freiheit, mehr Demokratie, den Respekt vor Menschenrechten zu verbreiten.

Aber es gibt Handlungen (kriegerische und nicht kriegerische), die kontraproduktiv wirken können in Hinblick auf diese Ziele, selbst dann, wenn sie aus den besten Motiven geführt werden. Warum gab es kaum Kritik am Kosovokrieg, kaum Kritik am Afghanistankrieg, dafür jedoch weltweit massive Mobilisierungen gegen den Irakkrieg? Vielleicht, weil es doch einen scharfen Instinkt für Differenzen gibt? Auf solche Fragen kann Bermans Buch keine Antworten geben, eben weil er seine linken Pappenheimer in zu grelle Farben taucht.

Das tut dem Buch nicht gut, es sollte ihm aber auch nicht zu viel schaden. Über weite Strecken ist es tiefsinnig und klug, und durchwegs ist es kenntnisreich. Die "Welt" hat es schon zum "wichtigsten politischen Sachbuch dieses Jahres" erklärt. Das war zwar vorschnell, könnte sich aber auch angesichts des Terrors von Madrid als richtig erweisen. Und dass Bermans Buch polemisch ist, ist auch ein Vorteil, behandelt es doch eine brennende Schlüsselfrage, auch wenn eine klare Antwort nicht so leicht zu finden ist: Wie kann sich eine modernisierte Linke einer der großen globalen Herausforderungen stellen, jenseits von pazifistischem Sanftmut und rechtem Haudrauf-Bellizismus?

Mag Berman auch eine Spur zu sehr der Hoffnung verfallen sein, die Freiheit könne auf den Bajonetten der US Army verbreitet werden: Mit einer flotten Handbewegung kann man seine Argumente nicht abtun.

Robert Misik in FALTER 13/2004



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