Wie man leben soll

Thomas Glavinic


Thomas Glavinic unterwirft seinen jüngsten Helden dem Regime von Lebensregeln und seine Sprache dem Konditionalsatz: "Wie man leben soll."

Sein Generationskollege Vladimir Vertlib hält Thomas Glavinic "für den besten Stilisten überhaupt, den es in dieser Generation gibt". Und Glavinics vier bislang erschienene Bücher sind dazu angetan, dieses Urteil zu bestätigen. Der jüngste Roman ist jedenfalls wieder ein ästhetischer Handstreich. Erzählt wird das Leben von Charlie Kolostrum (das ist wohl: Koloss + Monstrum), der in den Achtzigerjahren pubertierte und in unseren Tagen erwachsen ist. Charlie lebt, "wie man leben soll". Also gibt es für ihn kein persönliches Fürwort (das "Ich" eines Ich-Erzählers oder das "Er" eines auktorialen Autors), sondern nur das unbestimmte Fürwort "man". Zudem erzählt der Roman dieses Leben in der haarsträubend inadäquaten Form von Lebensregeln; vor allem in der konditionalen Periode "Wenn - dann", die Erlebnisse und Verhalten mit der Logik von Bedingung und Folgerung schulmeistert.

Charlie ist kein Ich, nicht einmal ein Er, und leben darf er auch nicht, weil sein Leben zum Lehrbeispiel gemacht wird. Aber auch ohne sprachliche Enteignung ist er ein Jammer, die Form bestätigt den Inhalt: Charlie fühlt schmerzlich seinen Identitätsmangel und versucht ihn durch exzessive Lektüre von Lebensberatungsbüchern auszugleichen. Seine Persönlichkeitsmerkmale sind mit den Grundtrieben Sexualität und Nahrungsaufnahme nahezu vollständig aufgezählt.

Charlie hat 120 Kilogramm und landet trotzdem manchmal bei Frauen, die ihm seine Frauenträume aber auch nicht abstellen können. Er ist ein habitueller Nichtstuer (Kunststudium!), dem gleichwohl beiläufig, unabsichtlich und folgenlos die Tötung von drei ihm nahe stehenden Menschen gelingt. Vater hat er keinen, die Mutter ist Alkoholikerin, aber er hat Tanten: Die eine liebt er, die andere löst seine Probleme. Laut Test (in: "Die Persönlichkeit") ist Charlie ein 87%iger Sitzer, 82%iger Mitläufer, 56%iger Trickser, 10%iger Schulterzucker und nur 3%iger Draufgänger.

Mit so einem Persönlichkeitsprofil schafft man die Gestaltung des eigenen Lebens nicht. "Freunde" besorgen das für ihn, indem sie ihn in verschiedene Berufe ebenso wie in die Arme eines Swingerpärchens nötigen. Wir verlassen Charlie in der Gegenwart und in Umständen, die gemeinhin das Leben heißen, in "fester" Beziehung und mit "festem" Beruf. Seine Substanzlosigkeit macht sogar Karriere. Dafür stehen Medien und Unterhaltungsindustrie allemal zur Verfügung.

Das Individuum in der "Man"-Form ergibt Gesellschaft. Glavinics Buch lässt sich als Generations- und Gesellschaftssatire lesen, die wesentlich über die Sprachform akut gemacht wird. Auf der Bühne des "Man" und des "Merke" wird das Leben zur Farce, und (fast) alles Heiße wird kalt.

"Wenn man kurz vor Weihnachten zum Friseur geht, wird man von einer dominanten Blondine bedient" (die einem die Frisur dann so zurichtet, dass man sich zu Hause eine Glatze schneidet). Aber eine blonde und noch dazu dominante Friseurin ist mitnichten die zwingende Folge eines vorweihnachtlichen Friseurbesuchs. Sie ist das zufällige Erlebnis Charlies und führt die Syntax der konditionalen Periode ad absurdum. Charlies Erlebnis mit der dominanten Blondine steckt in der falschen Sprache. Und in der Absurdheit dieser falschen Sprache steckt dann das ganze Buch, und zwar mit steigendem Irrwitz.

Wie bringt Sprache ihren Gegenstand zu Kenntlichkeit und Wirksamkeit? Glavinics Buch ist jedenfalls Beleg auch dafür, dass falsche Sprache oft richtiger handelt als richtige Sprache (sofern sie nur nach der Kongruenz mit dem Gegenstand strebt): "Wenn man allein in einer fremden Stadt unterwegs ist und beschimpft wird, sucht man eine einsame Ecke auf, um ein bisschen zu weinen." Wenn man allein in einer fremden Stadt ist und zudem von der Sprache seines Autors im Stich gelassen wird, ist das Weinen womöglich noch trauriger, als wenn sich wenigstens die Sätze des Autors um einen annehmen. Womöglich ist es dann gerade die Leblosigkeit der Sprache, die ihrem Inhalt zu blühendem Leben verhilft. Eine Qualität des Romans besteht zweifellos darin, dass seine Sprachstrategie nicht nur eindimensional reüssiert. Das Sprachmieder nimmt dem Protagonisten zwar die Luft, presst ihm zuweilen aber auch echte Seufzer ab.

Eine Frage an den Text bleibt noch: Hat der eindrucksvolle bis furiose Kunstgriff der Entindividualisierung gelohnt? Eine Gesellschaftssatire hat immer einen Hang zur Adrettheit. Sie frisiert ihr Thema zwar gegen den Strich, aber sie frisiert. Glavinic ist nicht der Typ des Friseurs, und sein böses Sprachgrinsen, sein Irrwitz und die authentische Verzweiflung seiner Figur behindern den Einsatz von Kamm und Schere. Aber auch eine im Dienst von Zeit- und Typdiagnose stehende Satire ist immer noch eine Plattform, die Autor und Leser zum Verlachen von Menschen legitimiert. Das kann die Begeisterung über das Sprachkunststück dann ein bisschen dämpfen, wenn einem im Verlauf des Buches ungekämmte Menschen abzugehen beginnen.

Helmut Gollner in FALTER 13/2004



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