Flammender Hass. Ethnische Säuberung im 20. Jahrhundert

Norman M. Naimark, Martin Richter


Für das politische Europa war der Zerfall Jugoslawiens ein Schock, von dem es sich bis heute nicht hat erholen können. Nur ein paar Autostunden von Österreich und Italien entfernt geschah, was man dank vierzig Jahren Pakt- und Unionspolitik auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs nur noch in Staaten der Dritten Welt für möglich hielt. Die Brutalität, mit der Serben, Kroaten, Bosnier, Kosovaren und schließlich Albaner ihre Gebiets-, Rechts- und Besitzansprüche mithilfe so genannter "ethnischer Säuberungen" durchsetzten, zeigte eine nie da gewesene Brutalität.

Die systematische Vergewaltigung und Schwängerung muslimischer Frauen, so der Historiker Norman M. Naimark, stellte eine neue Qualität des Völkermordens im 20. Jahrhundert dar und hat, so das Schusswort seiner zeithistorischen Studie "Flammender Hass", für künftige Konflikte neue Maßstäbe des Grauens gesetzt. Naimark, Professor für Geschichte an der Stanford University, ist davon überzeugt, dass Bosnien nicht der letzte Versuch war, auf europäischem Boden die fixe Idee eines Staatsgebildes, das nur von einer Ethnie bewohnt wird, durch Vertreibung und Vernichtung durchzusetzen. Trotz der realen Erweiterung des Europa ohne Grenzen hält er das Denken in völkischen Kategorien für nach wie vor weit verbreitet - speziell bei den Bewohnern von Ländern, die von Multikulturalität geprägt sind. Warum das so ist, erklärt Naimark, indem er beschreibt, wie sich ethnische Säuberung als feste Größe im politischen Instrumentarium des 20. Jahrhunderts etablieren konnte.

Den ersten Völkermord und damit das Vorbild für alle weiteren groß angelegten Gräueltaten des 20. Jahrhunderts datiert Naimark auf das Jahr 1915: Um die in den Balkankriegen erlittenen territorialen Verluste auszugleichen, beschloss die nationalistische türkische Regierung, der islamischen Bevölkerung im Inneren des Landes neuen Entfaltungsraum zu erschließen. Der musste anderen genommen werden. Speziell von der Vertreibung der Armenier versprach man sich zudem ein Mehr an innerer Stabilität, weil dadurch den immer wieder ausbrechenden rassistischen Konflikten der Nährboden entzogen wurde. Eine Zahl soll stellvertretend für die Brutalität der damaligen Deportationen stehen: Nur 15 Prozent der nach Syrien verschickten Armenier überlebten die Zwangsmärsche.

Leider droht in der Fülle von Naimarks Fakten der zentrale Schritt unterzugehen, mit dem die "ethnische Säuberung" auf das Parkett der internationalen Politik gelangte. In den Verträgen von Versailles und Lausanne folgen die Diplomaten der nationaltürkischen Devise, dass nur die strenge Trennung von Volksgruppen und "Rassen" den Frieden langfristig sichern kann. Der Holocaust, die stalinistischen Umsiedlungen, die Vertreibung der Deutschen und schließlich Bosnien sind - so zynisch das klingen mag - lediglich ideologisch verschiedene Varianten dieser obszönen Friedenstheorie - einmal ungeachtet der jeweils individuellen Mechanik und der Dimension des von den Mehrheiten verursachten Leids: Hitler sah in den Juden eine Bedrohung des Großdeutschlands seiner Träume; Stalin in den Tschetschenen eine Gefahr für die Sicherheit an einer der Außengrenzen der kommunistischen Hemisphäre. Und das territorial nach Westen verschobene Polen ging 1945 davon aus, dass die Deutschen das ausgeblutete Land niemals freiwillig an die polnischen Vertriebenen abtreten würden.

Es ist schade, dass Norman M. Naimark die großen Zusammenhänge hinter einem Berg aus Wissen versteckt. Man muss gut kombinieren können, um sie nicht zu verpassen, und sich parallel nach inspirierenden Büchern journalistisch versierter Historiker umsehen. Aber man kann von ihm dennoch eine Menge über die Kälte der Weltpolitik lernen.

Martin Droschke in FALTER 13/2004



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×