Ungarn in der Nussschale. Die Geschichte meines Landes

György Dalos


György Dalos hat eine oberlehrerhafte Chronologie unseres Nachbarlandes verfasst, das demnächst der EU beitreten wird.

Der Schriftsteller und Kulturvermittler György Dalos gehört zu den seltenen Exemplaren Mensch, in denen sich geistige Traditionen der Alten Welt und des alten Mitteleuropa so offensichtlich zusammenfinden, dass man in seinem getrost von einem der letzten Kopf-Gentlemen reden kann. Als Direktor des ungarischen Kulturinstituts in Berlin barg er literarische Schätze, die ihren Glanz in der finanziellen Enge seiner Heimat Budapest nicht hatten entfalten können - uneigennützig, die Sache im Blick, den Austausch der Visionen über die noch immer virulente Barriere des ehemaligen Eisernen Vorhangs hinweg. Es war keine Frage, dass Dalos den nun anstehenden Beitritt Ungarns zur Europäischen Union nicht ungenützt verstreichen lassen würde: Das für Ost und West historische Datum verspricht große Aufmerksamkeit für die zehn Kandidaten und damit die Chance auf eine Imagepolitur für die Kulturschmiede zwischen Balaton und Karpaten.

Aufklärung durch Wissen, so lautet ein Credo aus der Alten Welt der Intellektualität. "Ungarn in der Nussschale" von György Dalos ist ein Buch wie eine Geschichtsstunde, in der sich der Leser fühlt, als stünde er kurz vor der Matura: Fakten strebern für den Abschluss der EU-Mündigkeit. Essayistische Ausflüge, in die Tiefe gehende Bezüge und Denkschleifen sucht man darin vergeblich. Dalos beschränkt sich darauf, eine in Prosa abgepackte Chronologie zu veräußern. Er beginnt bei den um 870 datierten Wurzeln des Volkstamms der Magyaren, der weit außerhalb des heutigen Staatsgebiets am Dnjepr sein Zuhause hatte, folgt dem Kalendarium der machtpolitischen Winkelzüge der Stammesfürsten, Könige, des Hauses Habsburg, um schließlich, nach der Unabhängigkeit von 1918 und der faschistischen und der kommunistischen Ära, in der Gegenwart zu enden.

Das Lernziel EU-Mündigkeit scheint für ihn erreicht, wenn der willige Leser im Schlaf auf die Frage: "§ 24 des Dekrets VII von König Wladislaw" antworten kann: "Regelt die Neuordnung nach den Bauernaufständen Anfang des 16. Jahrhunderts" - ohne dass er beim Sprechen aufwacht. Doch das ist noch nicht das eigentlich Ärgerliche. Aus der sturen chronologischen Linearität resultiert, dass sich die Geschichte eines Vielvölkerstaats, der keine durch Jahrhunderte fest definierte Grenze vorweisen kann, auf den rein ungarischen Strang reduziert. Dalos weiß natürlich genau - und gibt es auch zu -, dass es falsch ist, Ungarn von Rumänien, Kroatien, Siebenbürgen und Österreich zu separieren, da sich zentrale Episoden nur verstehen lassen, wenn man sie als Teil der gesamtmitteleuropäischen Entwicklung darstellt.

Mit einem unangenehm autoritären Gestus, einer leblosen Sprache und der quälenden Penetranz eines Oberlehrers bastelt der bekennende Europäer Dalos in "Ungarn in der Nussschale" an einem Mythos, der sich kontraproduktiv zum Fall nationaler Grenzen verhält - dem einer kulturell heterogenen Nation. Vielleicht doch nur ein Versehen? Es ist wohl am besten, an dieser Stelle mit der Empfehlung zu enden, dieses Buch zu vergessen.

Martin Droschke in FALTER 13/2004



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