Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft

Werner Bätzing


Im 20. Jahrhundert ist die Menschheit einem Zerrbild grenzenlosen Wachstums nachgerannt. John McNeill zeigt die Folgen dieses Wahns auf.

Angesichts der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung des Klimaschutzes verwundert es, wie wenig bekannt jener Mann ist, der wohl am meisten dazu beigetragen hat, dass sich das Klima in den letzten Jahrzehnten schneller als je zuvor in der Erdgeschichte verändert hat. Sein Name ist Thomas Midgley. Der 1889 geborene Amerikaner war ein begnadeter Chemiker und Ingenieur. Zwei seiner mehr als hundert Patente sollten langfristig nachwirken.

1921 war noch nicht entschieden, welche Antriebsform sich für die Automobile der folgenden Generationen durchsetzen sollte. Dann entdeckte Midgley, dass sich das damals übliche Stottern durch den Zusatz von Blei von Verbrennungsmotoren unterdrücken ließ. Obwohl schon damals Bedenken laut wurden, dauerte es bis in die Achtzigerjahre, bevor Westeuropa dem verbleiten Erdölprodukt abschwor.

Midgley war von seinem Arbeitgeber General Motors aber auch darauf angesetzt worden, einen universellen Kühlstoff zu entwickeln. 1930 präsentierte er Freon, den ersten Fluorkohlenwasserstoff (FCKW). Erst 1974, drei Jahrzehnte nach Midgleys Tod, kam der Verdacht auf, dass die auf der Erde so stabile Verbindung in der Stratosphäre durch ultraviolette Strahlung aufbricht. Dass FCKW auf diese Weise die Ozonschicht zerstört, wurde sogar erst in den Achtzigerjahren nachgewiesen.

Dass ein Einzelner gleich zwei Erfindungen mit solchen Nachwirkungen auf sich vereint und trotzdem unbekannt geblieben ist, weist allerdings darauf hin, wie wenig wir die weltgeschichtlich wichtigste Lektion des vorigen Jahrhunderts bisher verarbeitet haben. Tom Midgley, der die Folgen seines Eiferns nicht absah, ist repräsentativ für diese Epoche.

Wenn dieser Name in den Schulbüchern dereinst nicht mehr fehlen wird, könnte das auch ein Verdienst von John McNeill sein, der in seiner beeindruckenden Umweltgeschichte des 20. Jahrhunderts neben der Natur auch Menschen, Technologien und politischen Ideen Platz einräumt. Mittlerweile hat die Menschheit so stark in die Dynamik unseres Planeten eingegriffen, dass von einer ewiglichen Natur keine Rede mehr sein kann, namentlich durch die Verschmutzung von Luft, Boden und Wasser, Artensterben, Bodenerosion, Rohstoffraubbau und Klimawandel.

Die Ursachen analysiert der an der Georgetown University in Washington lehrende Welthistoriker auf vielschichtige Weise. Dabei stößt er immer wieder auf das Wachstum und die Wanderungen der Bevölkerung, das Unwissen über und bewusste Ignorieren von Umweltwirkungen und den weltweiten Glauben, durch wirtschaftliches Wachstum - freilich ohne Einberechnung der Umweltschäden und der Entnahme von Bodenschätzen - alle gesellschaftlichen Probleme zu lösen. McNeills Leistung besteht aber nicht in der Einzelanalyse, sondern in der Zusammenschau bereits vorliegender Studien, wie der hundertseitiger Anmerkungs- und Literaturapparat zeigt.

Den Text würzt er mit ironischen Untertönen, die in der soliden, aber zu braven Übersetzung leider manchmal untergehen. Zumal die Umweltpolitik in den letzten Jahrzehnten schon einige Verbesserungen und Trendwenden bewirkt hat, verzichtet McNeill zu Recht darauf, die Belastungen der Natur in die Zukunft fortzuschreiben und auf diese Weise Endzeitängste zu schüren. Das ist nur professionell. Historiker wären schließlich überflüssig, wenn die Menschheit nicht lernfähig wäre.Während die Umweltgeschichte an einigen US-Universitäten seit den Siebzigerjahren regelrecht aufgeblüht ist und auch in Großbritannien im Schatten von Geografie-, Medizin- und Technikgeschichte redlich gedieh, hat das Fach im deutschsprachigen Raum vergleichsweise wenig Wurzeln geschlagen. Auf Abhilfe sinnt die von Wolfram Siemann herausgegebene Einführung in die Grundfragen der "Umweltgeschichte", doch die Breite und Vielfalt der Ansätze und Themen ist darin nur angedeutet.
Längst ein Standardwerk ist Werner Bätzings "Die Alpen", das nun in überarbeiteter Neufassung vorliegt. Bätzing zeigt die großen Unterschiede zwischen den historisch stärker bevölkerten, von Acker- und Weinbau geprägten Süd- und Westalpen und den stärker bewaldeten Nord- und Ostalpen, wo Viehwirtschaft vorherrscht. In den Alpen entstanden zwar sehr unterschiedliche Formen der Bewirtschaftung, jedoch nahezu keine großen Höfe, die von der Industrialisierung und den modernen Agrarförderungen hätten profitieren können.

So büßten weite Teile der Alpen seit dem späten 19. Jahrhundert Wirtschaftskraft und Bevölkerung ein. Der Trend hat sich dort umgekehrt, wo der Fremdenverkehr blüht, sowie in den sich ausweitenden Einzugsbereichen von Städten wie München, Innsbruck oder Grenoble. Bätzing kommt zwar an die Sprachkraft eines John McNeill nicht heran, doch lehrreich und anschaulich ist sein weit über hundert Karten, Tabellen und Fotos fassendes Buch allemal.

Stefan Löffler in FALTER 13/2004



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