Vom Verschwinden der Täter. Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei

Hannes Heer


Drei Neuerscheinungen thematisieren auf höchst unterschiedliche Weise den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg und die Verbrechen der Beteiligten.

Vor knapp fünf Jahren zog Philipp Reemtsma als Leiter des Instituts für Sozialforschung in Hamburg die so genannte Wehrmachtsausstellung zurück - wegen falscher Verwendung des Bildmaterials. Einige wenige Fotos waren falsch untertitelt gewesen, wie sich später herausstellte. Im November 2001 wurde die zweite Wehrmachtsausstellung eröffnet. Sie unterschied sich maßgeblich von ihrer Vorgängerin. Und auch die Verantwortlichen der ersten Ausstellung hat Reemtsma ausgetauscht, allen voran deren wissenschaftlichen Leiter Hannes Heer.

Der meldet sich nun wieder zu Wort. Der jahrelange Konflikt um die alte Wehrmachtsausstellung ist Anlass seines neuen Buches, aber nicht unbedingt dessen Gegenstand. Heers Konflikt mit Reemtsma wird nur im Zuge der Gegenüberstellung von erster und zweiter Ausstellung gestreift. Dem Autor geht es um viel mehr. Während die alte Ausstellung mit der Konfrontation und dem dabei ausgelösten Schock arbeitete, der die Erinnerung von kollektiven Verdrängungsmechanismen befreien sollte, bleibt die neue Ausstellung wissenschaftlich, korrekt und klinisch rein. Sie drückt einen neuen Konsens aus, der sich in den postnationalsozialistischen Ländern Deutschland und Österreich durchgesetzt hat. Und verwendet dabei nur einwandfrei überprüfte Fotografien, die zur Hälfte aus dem Bestand der Goebbels'schen Propagandakompanien stammen, aber das nur nebenbei.

Für Heer geht das entscheidende Motiv einer Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht verloren: der deutschen und österreichischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, in dem die Verdrängung des begangenen Unrechts aufbricht und die Lüge von der sauberen Wehrmacht zerstiebt: "Die erste Wehrmachtsausstellung war solch ein Spiegel, vier Jahre lang. Aber der Schrecken des Vernichtungskrieges und seiner Verbrechen war zu groß." Heer hat nun zwar keine Bilder mehr zur Verfügung, doch er hat die gesammelten Erinnerungen jener, die zwischen 1995 und 1999 tausendfach Zeugnis ablegten.

Detailreich zeigt Heer den Beginn und das Fortschreiten des Krieges in Ost- und Südosteuropa, die Dynamik, die aus Wehrmachtsangehörigen brutale Mörder machte, das Zusammenwirken von Propaganda, Überforderung, gedankenloser Überheblichkeit, insbesondere aber tödlichem Rassismus und zunehmender Abstumpfung. Nur die wenigsten hielten Distanz zu dem, was um sie und mit ihnen geschah. Die meisten machten sich zu Tätern. Heer kann - das liegt in der Natur seiner provokativen These - nur kleine Ausschnitte, nämlich Erzählungen, Tagebucheinträge und Geständnisse Einzelner, präsentieren, die er generalisiert. Doch damit sind sie alles andere als falsch.

Hannes Heer zeigt im letzten Teil seines Buches, wie ab 1945 aus verschiedenen Richtungen die Freisprechung der Deutschen Wehrmacht von aller Schuld lanciert wurde. Ihren Generälen, den rührseligen Landserromanen, gewissen deutschen Historikern - ihnen allen war und ist daran gelegen, "Freispruch für die Täter" zu erwirken. Das Beschweigen und Zurechtreden von Beteiligung an Mord und Vernichtung schreibt sich bis in die dritte Generation fort.

Die Täterforschung hat sich zuletzt bestimmten Einsatzgruppen, Polizeibataillonen und Einheiten im Detail gewidmet. So auch Andrej Angrick in seiner über 700-seitigen Monografie über die "Einsatzgruppe D" in Südrussland. Hier zeigt er detailreich die verschiedenen Facetten eines drei Jahre dauernden Vernichtungswahns und legt dar, wie sich die leidenschaftlichen Täter aus dem Reichssicherheitshauptamt und ihre Untergebenen an geänderte militärische und politische Rahmenbedingungen anpassten.

Bedrückend ist die Erkenntnis, dass es oftmals Zufall war, wer - insbesondere in den unteren Befehlsrängen - in welche Abteilung kam, und damit auch, wie nahe oder fern er dem Vernichtungsprozess stand. Eine Besonderheit stellt in diesem Zusammenhang das Kapitel über das Sozialprofil von Mannschaft und Führungscrew dar. Durch die Auswertung von Strafprozessakten gelingt es Angrick, eine überzeugende Beschreibung der Taten, der Motive dahinter und der handelnden Personen zu liefern.

Nach dem Krieg wurde darüber nicht mehr gesprochen.

Eine sehr persönliche Reflexion über ihre Verwandtschaft zu einem überzeugten Nationalsozialisten haben Claudia Brunner, verwandt mit dem bis heute untergetauchten Alois Brunner, und Uwe von Seltmann geliefert. Bemüht, sich selbst nicht als Opfer darzustellen, erleben sie, wie der offene Umgang mit der Vergangenheit eines Teils ihrer Verwandtschaft ebendort als Tabubruch empfunden wird. So erzielen sie im Kleinen eine ähnliche Schockwirkung wie die erste Wehrmachtsausstellung im großen Maßstab. Letztlich aber krankt ein solcher Erfahrungsbericht - trotz seines Muts und seiner Überwindungskraft - daran, die aktuelle gesamtgesellschaftliche Problematik in den Blick zu rücken.

Thomas König in FALTER 13/2004



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