Lila, Lila

Martin Suter


"Lila, Lila" spielt im Milieu von Szenelokalen und Literaturbetrieb. Es ist ein Liebesroman und zugleich eine Kriminalgeschichte, die ohne einen einzigen Kommissar auskommt.

Hieß er Leuenberger? Egal. Wie für viele war es auch für mich sofort klar: Einmal heißt immer. Einmal Suter lesen heißt immer Suter lesen. Mein erstes Mal geschah vor vielen Jahren beim Joseph-Roth-Preis, einem journalistischen Wettlesen in Klagenfurt. Ich saß in der Jury, auf trat ein junger Schweizer (Jahrgang 1948) und begann, seinen Text vorzutragen. Dessen ersten Satz werde ich vermutlich nie mehr vergessen: "Leuenberger geht in sich." Er handelte von der Gewissenserforschung eines Managers, der sein Inneres besichtigt wie eine menschenleere Prunkstraße, gesäumt von den Denkmälern seiner Siege. Suters Miniaturen, Minidramen, Charakterstudien, in denen sich das Wesen der Wirtschaft auf fünfzig Zeilen offenbart, erschienen wöchentlich unter dem Titel "Business Class" in der Schweizer Zeitschrift Weltwoche (dort erscheinen sie noch immer, inzwischen sind sie gesammelt in Buchform erhältlich).

Hieß Leuenberger am Ende Luginbühl? Egal, was sich mir sofort einprägte, war Suters Kunst, in kurzen, undramatischen Sätzen dramatische Spannung und zugleich ironische Distanz entstehen zu lassen. Wenn ich mich falsch an Leuenbühls Namen erinnerte, konnte mich der folgende Erstlingsroman Suters trösten. "Small World" behandelte nicht nur die Welt eines Alzheimerkranken, sondern unser aller Problem, eine andere Welt wahrzunehmen als unser Nachbar, mit dem wir sie angeblich teilen. Mit "Die dunkle Seite des Mondes" führte uns Suter ins Reich psychotroper Substanzen, in dem sich ein Wirtschaftsanwalt verliert. In "Ein perfekter Freund" hatte ein Journalist den Verlust seines Gedächtnisses zu beklagen, und wir konnten an dessen Rekonstruktion teilnehmen.

Kriminalromane waren es alle drei. Auch "Lila, Lila", der vierte, soeben erschienene Roman Martin Suters, dreht sich um eine folgenreiche böse Tat. Wie in allen anderen Romanen steht aber weniger das Verbrechen im Mittelpunkt. Bei Suter geht es vielmehr um die subtilen Verschiebungen im Verhalten der Beteiligten zueinander und um das Milieu, in dem sie sich bewegen. "Lila, Lila" erkundet das Milieu des Literaturbetriebs aus der Perspektive von Leuten, die gleichsam nur zufällig daran teilnehmen. Die Hauptperson, der wirkliche Autor des Bestsellers, ist schon lange tot.

Das Thema von dessen verschollenem, auf merkwürdige Weise wieder auftauchendem Roman ist eine unglückliche Liebe, und genau die spielt sich im Leben der Personen ab, die dem Romanmanuskript zu spätem Leben und kommerziellem Erfolg, den handelnden oder von ihm getriebenen Personen jedoch zum persönlichen Unglück verhelfen. Falls das platt klingen sollte - bei Suter besteht diesbezüglich keine Gefahr. Seine knappe, lakonische Sprache ist so ökonomisch, dass man schon irritiert ist, wenn einer auf dem Balkon steht und nur zusieht. Solche Ablenkungen, von denen Krimispannung lebt, solche falsche Fährten funktionieren nur dann, wenn man als Leser bereit ist, jeden Hinweis aufzunehmen. Wenn der Mann im Lichtkegel seiner Lampe kurz den Kopf hebt, merken auch wir Leser auf. Wenn wir draufkommen, es hatte nichts zu bedeuten, vermuten wir zumindest eine Prise Genreparodie. Ein bisschen mitarbeiten werden wir wohl noch dürfen!

Ein Autor, der diese Bereitschaft erzeugen kann, braucht sich um sein Publikum keine Sorgen mehr zu machen. Suter hat sich zu einer literarischen Trademark hinaufgeschrieben; man erwartet längst nicht mehr ein Buch eines viel versprechenden Schriftstellers. Man will "den neuen Suter" haben. Schon kommt der Erwartungsdruck: Ist der neue Suter so gut wie die alten? Bleibt er beim Krimi, oder geht er woanders hin? Bei "Lila Lila" eher das Zweite. Welches Milieu studieren wir diesmal? Literaturbetrieb, Szenelokale. Solche Fragen stellen nur Süchtige. Die Antwort auf die erste lautet übrigens: Ja.

Soeben habe ich nachgesehen. Der Manager, der in sich ging, hieß Lautenschlager. Er trug ein schiefergraues Flanellgilet, eine grün-schwarz gestreifte Klubkrawatte und ein blaues Baumwollhemd. Am Ende der leeren Prunkstraße mit den Lautenschlager-Siegesmonumenten gelangt er "zu einem kuppelförmigen Gebäude, mit der Aufschrift: ,Kern von Lautenschlager'. Er tritt ein. ,Hallo?' ,Hallo', antwortet ein Mann in schiefergrauem Flanellgilet, blauem Baumwollhemd und grün-schwarz gestreifter Klubkrawatte."

Dieses Muster hat Suter beibehalten. Seine Texte kreisen in sich, seine Figuren gelangen nicht über sich hinaus, eher in sich hinein. Was sie dort finden, treibt sie wieder an den Anfang der Geschichte zurück, und dabei verfangen sie sich im Debakel. Dazwischen liegt immerhin ein Buch von Suter. Und das hat bis jetzt immer großes Vergnügen gemacht.

Armin Thurnher in FALTER 13/2004



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