Chicken Christl

Martin Amanshauser


Martin Amanshauser fährt mit vergessenen US-Präsidenten, bekannten Formel-1-Fahrern und hypochondrischen Helden auf.

Das witzigste Bild begegnet dem Leser etwa in der Mitte des Romans: Der Protagonist erwacht in einem fremden Bett und schaut an sich herab. Er erblickt an der gewohnten Stelle das übliche würstchenförmige Teil plus, darübergerollt, ein (anscheinend auch jetzt noch) passgenaues Produkt der Gummiindustrie. Was ist geschehen? Er rätselt. Einige Stunden Erklärungsarbeit später bilden der physische Niederschlag des Helden, die darauf folgende Ohnmacht und die erst selbstlose und in weiterer Folge selbstsüchtige Hilfe der fixen Nachbarin die Glieder in der Erklärungskette zu diesem außergewöhnlichen Ereignis.

Die freundliche Helferin heißt Susan Andretti, ist 25, nett und die Tochter von Formel-1-Weltmeister Mario Andretti. Behauptet sie zumindest, stimmt aber nicht, ist alles eine Intrige. Egal: Der Leser ist froh, hat doch die gesamthaft doch recht bedächtig dahinschaukelnde Geschichte wieder etwas an Fahrt gewonnen und der Protagonist ein klein wenig an (wenn auch nur - fuck! - unbewusst erlebtem) sexuellem Glück.

Ist insgesamt ja doch ein ziemlicher Langweiler, der Mann: Zählt die Drachenflieger, die vor seinem Fenster überm Hausberg der (US-amerikanischen) Ortschaft herumkurven, in der er mit seiner Freundin lebt. Die möchte im Prinzip schon von Beginn an mit ihm Schluss machen, denn abgesehen von kochen, fernschauen und ein bissi arbeiten ist der Held mit Namen Mika (da scheint wohl irgendjemand gerne Formel 1 zu schauen!) Koegl voll mit diversen zwangsneurotischen und hypochondrischen Verhaltensweisen beschäftigt.

Immerhin ist die familiäre Vorgeschichte der 37-jährigen Zentralfigur nicht unbeeindruckend: Mikas Großvater, Major Koegl, war in den Siebzigerjahren mal US-Präsident und hatte davor als Unternehmer nicht ohne Erfolg in Mastküken gemacht. An skurrilem Romanpersonal des Weiteren mit dabei: die bekloppte Podersdorfer Oma vulgo "Chicken Christl", die zum Suff neigende Heldenmutter Margarethe, deren im Buchhalterischen aufgehender Gatte Zygmunt sowie Teddy Novgor, der ins Mephistophelische spielende Freund und Berater des Majors.

Regelmäßige Rückblenden enthüllen die krude Koegl'sche Familiengeschichte, und dieser Strang gedeiht bis zur Mitte des Romans auch stetig, die Spannung steigernd. Leider schmiert das Suspense-Flugzeug im letzten Drittel etwas ab und setzt final relativ holprig auf. Wie schon in "Nil", dem 2001 erschienenen Roman Amanshausers, sind bei "Chicken Christl" gute Anlagen da, die dann aber letzten Endes doch eher auf mediokre Weise entwickelt werden. Die Geschichte ist brav-lakonisch dahingeplaudert, der Held ist, mit seinen wohltemperierten Macken, so aufregend wie ein C-&-A-Hemd, vielleicht nicht einmal das. Doch, das schon.

Stefan Ender in FALTER 13/2004



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