Strategie

Adam Thirlwell, Clara Drechsler, Harald Hellmann


Der junge englische Schriftsteller Adam Thirlwell holt in seinem hinreißenden Debütroman "Strategie" erotische Fantasien auf den Boden der Realität zurück. Der "Falter" traf den Autor in München.

Achtung: Der Roman, der hier besprochen wird, handelt von Sex. Von lesbisch bis hetero, von Anpinkeln bis Fisting wird so ziemlich alles aufgeboten, was das Thema zu bieten hat. Obwohl: Eigentlich geht es natürlich um Liebe. Der Schauspieler Moshe und die Architekturstudentin Nana verlieben sich ineinander. Weil sie sich lieben, haben sie Sex. Und weil sie Sex haben, werden sie sich wieder trennen. Das Übliche also. Noch ein Roman über Liebe und Sex? Ja, genau: noch ein Roman über Liebe und Sex. Nichts Neues, und doch ganz anders als alles, was Sie bisher darüber gelesen haben. Ein hochkomisches, intelligentes und charmantes Buch. Aber wir greifen vor.

Es fängt damit an, dass Nana mit pinkfarbenen Plüschhandschellen gefesselt auf dem Bett liegt und ihr Liebhaber versucht, sie in den Hintern zu ficken. Das Vorhaben misslingt. "Das war kein Analverkehr", muss sich Moshe schließlich eingestehen. "Es war stinknormaler, heterosexueller, vaginaler Geschlechtsverkehr." Der junge Mann hat das Gefühl, gerade die verkrampfteste Szene "in der Geschichte des Sex" erlebt zu haben, aber das ist natürlich Unsinn. Denn: "Nur wenige Auserwählte sind bei jedem Analverkehr erfolgreich." Das war jetzt der Ich-Erzähler. Er spielt selbst nicht mit, sondern tut so, als wäre er der Autor, der oberschlau seinen eigenen Roman kommentiert. "In diesem Buch geht es nicht um Sex. Nein. Es geht um Integrität, Anstand und Güte." Wenn einem der Autor ständig erklärt, wie man sein Buch lesen muss, kann einem das ziemlich auf den Geist gehen. In diesem Fall ist genau das der Witz daran.

"Die erste Fassung des Romans hatte noch keine Erzählerstimme", erzählt Adam Thirlwell, als er dem Falter vor einer Lesung in München ein Interview gibt. "Der Plot war schon mehr oder weniger da, aber als ich das Manuskript las, dachte ich: Das ist schrecklich, es ist viel zu kompliziert! Ich wollte möglichst subtil sein - wie in den Romanen aus dem 19. Jahrhundert, die ich so mag. Als ich dann den Erzähler mit diesem naiven Tonfall gefunden hatte, ging alles viel leichter." Mit "Strategie" (im Original, deutlich witziger: "Politics") ist dem heute 25-jährigen Londoner voriges Jahr ein Debüt gelungen, von dem wohl jeder junge Autor träumt: Sein Lieblingsverlag, Jonathan Cape, hat das Manuskript innerhalb von 24 Stunden angenommen; Oxford-Absolvent Thirlwell wurde auf die nur alle zehn Jahre erstellte "Granta List" der zwanzig wichtigsten britischen Jungautoren gesetzt; sein Roman ist mittlerweile bereits in 17 Sprachen übersetzt worden.

Der Umstand, dass über Liebe und Sex vermutlich schon alles gesagt wurde, hat Thirlwell nicht wirklich verunsichert. "Die Themen sind ohnedies ziemlich begrenzt. Egal, worüber man schreibt, man begibt sich immer auf ein Terrain, das schon andere bearbeitet haben. Und als ich ein oder zwei Sexszenen geschrieben hatte, dachte ich: Diese Art, über Sex zu schreiben - weder pornografisch noch mondän, sondern möglichst genau, mit allen ganz gewöhnlichen, auch peinlichen Details -, ist ziemlich ungewöhnlich. Und so hatte ich eigentlich nicht das Gefühl, etwas zu schreiben, was andere schon geschrieben haben."

Im Unterschied zu anderen Vertretern der Sexwelle, von der nicht nur die Literatur derzeit überschwemmt wird, bestreitet Thirlwell glaubhaft, provozieren zu wollen. "Ich versuche einfach nur zu sagen: ,Das ist so normal!' Jeder weiß, wie es ist, keine Erektion zu haben. Ich habe da einen sehr realistischen Ansatz, finde ich." Manche Leser werfen ihm vor, er nehme den Sex nicht ernst genug. "Come on!", erwidert der Autor dann. "Manchmal ist es schon ziemlich komisch."

Im Zentrum von "Strategie" steht eine Konstellation, von der wohl jeder (und jede) schon einmal geträumt hat: der "flotte Dreier". Zuerst wird Nana von Moshes lesbischer Kollegin Anjali verführt, dann holen die beiden Frauen ihn zu sich ins Bett. Und natürlich stellt sich bald heraus, dass die wahrscheinlich populärste Sexfantasie in der Realität nichts als Probleme macht. Die ménage à trois ist ziemlich kompliziert und ernüchternd banal zugleich: "Sie hat viel mehr Ähnlichkeit mit einer Zweierbeziehung, als die Leute meinen", schreibt Thirlwell. "Man muss zum Beispiel immer noch Milch kaufen."

Schon zu zweit kann Sex verwirrend genug sein. Man weiß nie so genau, wie's gemeint ist. Was zum Beispiel hat es zu bedeuten, wenn Nana sagt, dass Moshe auf ihr Gesicht ejakulieren soll? Moshe vermutet, dass sie die "Nummer" bloß zu einem schnellen Ende bringen möchte, weil sie eigentlich gar keine Lust hat. Dass Nana tatsächlich gerade davon fantasiert, auf ihrer eigenen Beerdigung missbraucht zu werden, kann er ja nicht wissen. Irgendwie scheint Sex ein einziges Missverständnis zu sein.

Neben den äußerst ambitionierten, wenn auch selten erfolgreichen Sexszenen und der ungewöhnlichen Rolle des Erzählers bezieht "Strategie" seinen Witz nicht zuletzt aus den zahlreichen Analogien, die Thirlwell zwischen Sex und anderen Wissensgebieten herstellt. Hinweise auf Dreiecksfilme ("Jules und Jim", "Casablanca", "Cabaret") oder die Sexgespräche der Surrealisten liegen nahe, die Havel-Kundera-Kontroverse im Prager Frühling schon weniger, und Figuren wie Hitler, Stalin oder Mao würde man in diesem Zusammenhang schon gar nicht erwarten. Für die Scheinfreundlichkeit, mit der Josef Stalin in Ungnade gefallene Genossen am Telefon beruhigte, prägt Thirlwell etwa den schönen Begriff "Telefon-Stalinismus" - um damit eine in Beziehungen weit verbreitete Taktik zu beschreiben: "Telefon-Stalinismus ist der Einsatz von Freundlichkeit als Zwangsmaßnahme. Jeder ist gelegentlich Telefonstalinist."

Wenn Moshe unter der an sich luxuriösen Situation leidet, mit zwei Frauen zusammen zu sein, erinnert Thirlwell das an den Hegemoniebegriff des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci: "Moshes Problem glich amüsanterweise dem Problem des Dissens in einer kapitalistischen Gesellschaft." Wenn er veranschaulichen will, dass es nicht immer einfach ist, Hinweise auf eine Beziehungskrise zu erkennen, zitiert er kryptische Mitschnitte von El-Kaida-Telefonaten, die erst im Nachhinein entschlüsselt werden. Und wenn Nana mit Moshe Schluss macht, verweist der Autor auf den stalinistischen Schauprozess gegen Bucharin: "Es gibt einen generellen Anschein von Gerechtigkeit und Vernunft. Und die Person, die Schluss macht, übernimmt alle Verantwortung. Er oder sie legt ein falsches Geständnis ab."

Adam Thirlwell legt Wert auf die Feststellung, mit seinem neunmalklugen Erzähler nicht identisch zu sein. "Ich wollte damit deutlich machen, was in Romanen normalerweise nur impliziert wird. Auf seine didaktische, beinahe anmaßende Weise macht der Erzähler doch nur, was jeder Roman tut: Er verallgemeinert. Die Ironie liegt darin, dass man solche Generalisierungen natürlich nicht wirklich ernst nehmen kann. Jedenfalls sind das keine Theorien, an die ich persönlich glaube."

Dabei brauchte sich Thirlwell für diese gar nicht unbedingt zu genieren. Die Überlegungen etwa, die im Roman über die Zeitspanne zwischen dem ersten Kuss und dem ersten Sex angestellt werden, sind sehr präzise und überzeugend: Bei "normalen" Paaren, so die Theorie, gilt es eher als unhöflich, wenn zwischen Kuss und Sex nicht einige Zeit verstreicht, während es bei "heimlichen" Paaren umgekehrt ist: "Es wäre unhöflich, keinen Sex zu haben. Man muss beweisen, dass es einem ernst mit dem anderen ist."

Ein Romantiker wird in "Strategie" als ein Mensch definiert, "der aus einer Liebesaffäre immer zugleich auch eine moralische Affäre machen muss". Ist Adam Thirlwell ein Romantiker? "Nicht beim Schreiben", wehrt er ab. "Gute Literatur ist immer antiromantisch, glaube ich. Aber irgendwie sind wir natürlich alle Romantiker. Wir wollen alle ein interessanteres Leben."

Thirwells Leben dürfte derzeit nicht gerade besonders uninteressant verlaufen. Er lernt jede Menge Leute kennen, nach seinen Lesungen wird er hin und wieder sogar von Groupies angesprochen, deren er sich angeblich aber zu erwehren weiß ("Ich hab eine Freundin"). Nur zum Schreiben findet Thirlwell momentan kaum Zeit; er wird wohl erst im Sommer dazukommen, an seinem zweiten Roman weiterzuarbeiten. "Er wird ganz anders werden. Formal etwas straighter, nicht so verspielt. Und kein Sex! Aber ich denke, dass es trotzdem wieder komisch wird."

Wolfgang Kralicek in FALTER 13/2004



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