Zenos Gewissen. Zweisprachige Ausgabe

Italo Svevo, Barbara Kleiner


Sprechen sie Triestinisch?

Zu Italo Svevo habe ich eine etwas kuriose, persönliche Beziehung. Das ist nun schon eine Weile her, da kam ich auf die Idee, seinen Roman "La coscienza di Zeno" zu übersetzen. Nicht professionell. Einfach zur Übung. Ich wollte mein Italienisch, das in den Intervallen zwischen meinen Italienaufenthalten immer deutlich nachließ, auch in
der deutschsprachigen Umgebung in Schwung halten.
Vielleicht eine etwas abwegige Idee. Andere Leute machen Italienischkurse. Ich übersetzte lieber. Und nicht irgendwas, sondern Svevo. Svevo, dessen Italienisch nicht gerade als jenes gilt, das man in Kursen lehren würde. Aber warum sollte ich etwas übersetzen, das mich weniger interessierte: Den Zeno-Roman, ein Buch, das einen gewissen Ruf und auch etwas Geheimnisvolles hatte – wegen seiner zwar da und dort behaupteten, aber nie ganz durchgesetzten Position als Meilenstein der Moderne – hatte ich ohnehin schon lang lesen wollen. Also machte ich mich an die Arbeit – jeden Tag ein, zwei Absätze. Anfangs ging das ganz gut, aber dann war die Zeit durch andere Arbeiten okkupiert. Eigene Texte, ein neuer Roman. Da geriet das ehrgeizige Übungsprogramm in Vergessenheit.
Ein paar Jahre später hatte ich das Bedürfnis, Ordnung in meinen Papieren zu schaffen. Ich stieß dabei auf einen Text, der mich, kaum begann ich die ersten paar Zeilen zu lesen, frappierte. Leider ging er nur über ein paar Seiten und riss dann unversehens ab. Das ist doch gut, dachte ich, ja, verdammt noch einmal, das ist doch gut! Wann hab ich das bloß geschrieben? Und warum hab ich daran nicht weitergearbeitet? Es dauerte eine Weile, bis der Groschen fiel.
Schon ein Jammer, dass dieser Text nicht von mir war. Das ging mir auf, als ich begriff, dass sich der Protagonist das Rauchen nicht abgewöhnen konnte. Ich hatte eine Weile Pfeife geraucht, aber als ich bemerkt hatte, dass ich es nicht schaffte, beim Schreiben gleichzeitig zu tippen und die Pfeife zu putzen, was auf die Dauer weder meinen Pfeifen noch meinen Bronchien guttat, ließ ich es wieder bleiben.
Zeno Cosini hingegen ist Zigarettenraucher. Auf den ersten Seiten des Romans erinnert er sich an seine jeweils letzte Zigarette. Wiederholt hat er den guten Vorsatz, zu einem besonderen Anlass oder an einem Tag mit signifikantem Datum seine letzte Zigarette zu rauchen. Nie ist es wirklich die letzte. Mit diesen Zigaretten und den mit ihrem Rauch verwehenden guten Vorsätzen verbindet er frei steigende Erinnerungen.
In diesem Roman geht es also um Erinnerung. Das ist keineswegs ungewöhnlich, und doch ist der Umgang mit dieser Erinnerung hier ein spezieller. Es geht um Rekonstruktion von Erinnerung, es geht um Dekonstruktion von Erinnerung, womöglich geht es sogar um ihre Neuerfindung. Vielleicht war das schon immer so, man könnte quer durch die Literaturgeschichte Indizien dafür finden, aber Svevo ist einer der ersten Autoren, die das thematisieren.
Auf feinste ironische und melancholische Art: Vielleicht war alles ganz anders, heißt es gegen Ende, vielleicht hat sich der Icherzähler mit den nun schriftlich festgehaltenen Erinnerungen etwas vorgemacht. Oder dem Psychoanalytiker, der ihn, so der als Vorwort des Herausgebers getarnte Anfang, zur Niederschrift seiner Erinnerungen anregt. Der Patient hat sich der Kur entzogen, also der psychoanalytischen Behandlung sein Misstrauen ausgesprochen, nun publiziert der Herr Doktor den Text "aus Rache" und hofft, dass ihn, den Patienten, "das ärgern wird".
"Der glaubt nicht an den Kometen", heißt es bei Nestroy, "na der wird Augen machen." Der glaubt nicht an die Psychoanalyse, könnte es hier heißen, der wird schon sehen, wozu das führt. Im Fall Zeno, im Fall Svevo, ist das Ergebnis ein Roman, der heute als einer der großen Romane des 20. Jahrhunderts gilt. Gläubig oder nicht, Svevo ist der Erste, der sich literarisch mit der Psychoanalyse auseinandersetzt.
Seine Herkunft aus dem 19. Jahrhundert ist dem Roman indes anzumerken. Allerdings eine sehr respektable Herkunft. Der entscheidungsschwache, seiner selbst nie ganz sichere, hypochondrische Zeno hat seine literarische Verwandtschaft eher in den Büchern von Tolstoi, Dostojewski und Gontscharow als in denen von Joyce oder Proust. In der Szene, in der er zu einer spiritistischen Soirée im Haus seines potenziellen Schwiegervaters geht und von den drei Töchtern, die zur Auswahl stehen, im Dunkel der Seance just mit der zärtelt, die ihm am wenigsten gefällt – versehentlich natürlich, aber damit fällt eine Entscheidung fürs Leben –, kann man sich an seiner Stelle ebenso gut Pierre Besuchow, den Fürsten Myschkin oder Oblomow vorstellen.
Oder auch Woody Allen. Und zwar nicht nur den aus "Die letzte Nacht des Boris Gruschenko." Da ist also doch etwas an Svevos "Zeno", das über das 19. Jahrhundert hinausreicht. Ein bisschen Slapstick. Ein bisschen Psychodrama. Den Zeno Cosini könnte man auch als Triestiner Stadtneurotiker interpretieren.

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass in diesem Roman ein etwas anderes Bewusstsein von Zeit herrscht. Dass sie nicht der klassischen Chronologie entsprechend, nicht kontinuierlich erlebt wird. Es wurde behauptet, dass sich das in Svevos Grammatik widerspiegelt. Einer Grammatik, die manchmal vom "richtigen" Italienisch abweicht. Nun mag das daran liegen, dass Ettore Schmitz, wie Svevo eigentlich hieß, eher deutsch oder triestinisch dachte als toskanisch. Wodurch ihm vom Standpunkt der Hochsprache aus Fehler unterliefen. (Im Verhältnis zum Italienisch war er damit, nebenbei bemerkt, in einer ähnlichen Situation wie viele österreichische Autoren im Verhältnis zum Deutschen.) Vielleicht liegt es aber auch wirklich daran, dass er sich mehr dabei gedacht hat, als sich die italienische Schulweisheit träumen ließ.
Ob es deshalb angemessen ist, Svevos Sprache eher sperrig wiederzugeben, wie es Barbara Kleiner in ihrer Übersetzung versucht hat, oder ob es doch etwas für sich hat, ihm ein eher elegantes, altösterreichisches Flair zu lassen, wie es in der "klassischen" Übertragung von Piero Rismondo der Fall war, ist schwer zu sagen. Wer gut Italienisch kann, mag sich selbst ein Urteil bilden. Die nun vorliegende zweisprachige Ausgabe gibt jedenfalls die Möglichkeit, Kleiners Text mit dem Original zu vergleichen. Was mich betrifft, so habe ich auch den guten, alten Rismondo daneben liegen.

Peter Henisch in FALTER 50/2007



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