Katharina, der Pfau und der Jesuit

Drago Jančar


Jö schau, ein Pfau!

Wird Katharina tatsächlich vergewaltigt, oder ist es eine bloße Fantasie, der die Tochter des krainischen Gutsverwalters Poljanec da in einer Frühlingsnacht des Jahres 1756 nachhängt? Sind es gar Dämonen, die da über Istrien hinwegrasen, Säue quieken, das Vieh ertrinken lassen und die Jungfer heimsuchen? Schließlich ist die 35-Jährige noch virgo intacta. Der aufgeklärte Laibacher Fürstbischof hält das Ganze für apokalyptische Hysterie, die Untertanen brechen dennoch massenhaft zur Pilgerreise zum goldenen Schrein der Heiligen Drei Könige nach Kelmorajn, Köln am Rhein, auf.
Drago Jancˇar, slowenischer Essayist, Theaterautor und Romancier, inszeniert auf 470 Seiten den Siebenjährigen Krieg als farbenfrohes Historienspektakel: Die Dreiecksgeschichte zwischen Katharina, der ehemaligen Schülerin der Ursulinen, dem Artilleriehauptmann Windisch und dem Ex- Jesuiten Simon aus Zapotok ist großes Kino – irgendwo zwischen "Andrej Rubljow" und "Barry Lyndon". Und dafür nimmt sich der Autor alle Zeit der Welt: Seitenlang beobachtet Katharina "den Pfau" Windisch unten im Hof, der Geck ignoriert sie. Das erste Zusammentreffen der männlichen Gegenspieler Windisch und Simon wird rasanter inszeniert: "Heb dich von der Straße, du Hammel!"
Als Simon Katharina auf der gemeinsamen Pilgerreise vor dem Hochwasser rettet, besiegelt ein Blick ihr weiteres Schicksal. Und: "Der Kuss ist schon das Feuer selbst." Das Glück in einem Salzburger Dorf ist kurz. Ein Eremit taucht auf, es folgen ausführliche Rückblenden auf das kommunistische Jesuitenexperiment, an dem Simon in Paraguay teilgenommen hat. Die beiden entkommen einem höchst skurrilen Prozess wegen Ehebrecherei, dann aber bringt ein wilder Tumult im benachbarten Bayern, wo Pilger und Ratsherrn im Streit darüber, wer das grausamere Weltuntergangszenario zu erzählen hat, in eine wilde Keilerei geraten sind, Windisch auf den Plan. Der träumt zwar schon davon, gegen die Preußen in die Schlacht zu ziehen – jetzt aber wirft er vorerst Simon in den Kerker und bekommt Katharina: "Er stand neben ihr und lüpfte mit dem Säbel den Rock. (...) sie fühlte die kalte Klinge, die am Bein emporglitt, die heiße Hand, die die Klinge ablöste und ihren Rock hob, hastig das Leibchen auf ihrer Brust aufknöpfte und aufschnürte."

Altertümelnd zu erzählen hat seinen Preis, und Jancˇar tut es aber ohnehin mit merklichem Schmunzeln. Die folgende nächtliche Tirade der "Soldatenhure" gegen den schnarchenden "Bock im Seidentuch" hält dem Vergleich mit dem Molly-Bloom-Monolog aus dem "Ulysses" allerdings tatsächlich stand: diese durch ein vielfaches Ja skandierte Liebeshymne verkehrt Jancˇar ins Gegenteil.
Windisch wird in der Schlacht verletzt – Simon findet das Paar am Starnberger See und landet mit Katharina sogleich im Bett. Nur der erste Mordversuch – "erstich ihn, erstich du ihn, schneid ihm den Hals durch" – misslingt. Schließlich kommen Simon und Katharina nach Köln, das Buch aber kommt noch immer zu keinem Ende – die Stadt wird umgebaut. "Jetzt hat sie schon Zweifel, ob es den goldenen Schrein überhaupt gibt."
Drago Jancˇar hat tief in den Fundus der europäischen Kultur und der literarischen Formen gegriffen. Für dieses Amalgam aus Rabelais, Kleist, Broch und noch einigen anderen eine eigene Sprache zu finden, ist große Kunst. Sie in eine fremde Sprache zu übertragen, ebenfalls. Jancˇar selbst wurde vor kurzem mit dem Jean-Amery-Preis für Essayistik ausgezeichnet. Für den Übersetzer Klaus Detlef Olof sollte man jetzt schon einen bereithalten.

Erich Klein in FALTER 50/2007



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