Galizien-Bukowina-Express. Eine Geschichte der Eisenbahn am Rande Europas

Jurko Prochasko, Taras Prochasko, Magdalena Blaszczuk


Es herrscht Chaos

Eine leere Muschel, die übriggeblieben ist" nannte der ukrainische Essayist und Übersetzer Jurko Prochasko seine Heimatstadt in einem Interview mit der Zeit. Wer die Geschichte von Lemberg kennt, weiß, was der studierte Germanist damit meint: Früher lebten in der einstigen Hauptstadt Galizien-Lodomeriens Polen, Deutschsprachige, Juden, Rumänen, Armenier und jene Volksgruppen, die die Habsburger unter dem Begriff "Ruthenen" zusammenfassten (Russen, Ukrainer und Weißrussen). Joseph Roth hat hier studiert, Stanislaw Lem ist hier aufgewachsen. Dann kamen Nationalsozialisten und Sowjets.
Heute leben überwiegend Ukrainer und Russen in Lviv, wie Lemberg auf Ukrainisch heißt. Die Stadt ist eine der schönsten und meistunterschätzten in ganz Osteuropa. Ihr literarisches Erbe ist lebendig geblieben und wird heute von einer Reihe westukrainischer Schriftsteller aufgegriffen und verarbeitet. Jurko Prochasko, 37, entstammt dieser Generation. Er übersetzte Werke von Joseph Roth, Franz Kafka und Sigmund Freud. Zurzeit arbeitet er gerade an einer ukrainischen Übersetzung von Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften": "Ich bin jetzt ungefähr bei Seite 1200. Ich wünsche mir nichts mehr, als damit fertig zu werden." Darüber hinaus verfasst er Novellen und Essays. Vor kurzem hat er gemeinsam mit seinem Bruder Taras Prochasko und der Wiener Fotografin Magdalena Blasczcuk den Bild- und Essayband "Galizien-Bukowina-Express" publiziert.

Falter: Herr Prochasko, können Sie einige Bücher für jemanden empfehlen, der die Ukraine und Galizien literarisch kennen lernen möchte?
Jurko Prochasko: Gerne. Ich empfehle auf jeden Fall die Bücher von Bruno Schulz. Weiters Juri Andruchowytsch, am besten die Essaybände und "Zwölf Ringe". Oksana Sabuschkos "Feldstudien über ukrainischen Sex" würde ich auch lesen. Und Andrzej Stasiuks "Unterwegs nach Babadag".
Die Ukraine erlebt derzeit ein kleines Literaturwunder. Lesungen im In- und Ausland sind gutbesucht, ukrainische Autoren publizieren im deutschen Suhrkamp-Verlag. Wie ist es dazu gekommen?
Das ist ganz klar mit einem Namen verbunden: Juri Andruchowytsch. Andruchowytsch ist der bekannteste Schriftsteller der Ukraine und publizierte als Erster bei Suhrkamp. Er spricht Deutsch und reiste schon früh in den Westen, um Lesungen zu halten. Als er berühmt geworden war, empfahl und protegierte er dort seine ukrainischen Schriftstellerkollegen. Auf diese Art sind auch sie bekannt geworden.
War es auch Andruchowytsch, der die Brücke zu Suhrkamp legte?
Ja. Dazwischen lag eine fruchtbare Kooperation mit dem polnischen Czarne-Verlag. Dessen Leiterin, Monika Schneidermann, ist die Frau des Schriftstellers Andrzej Stasiuk. Abgesehen davon steht der Suhrkamp Verlag mittel- und osteuropäischer Literatur generell offen gegenüber. Für uns wurde er so zu einer Art Tür zur Weltliteratur.
Immer mehr Menschen aus dem Westen lesen Bücher aus dem Osten. Ist die Ukraine, die hier besonders prominent vertreten zu sein scheint, Teil eines allgemeinen Booms?
Eigentlich erlebt den zurzeit ganz Osteuropa. Es gibt aber zwei Unterschiede zwischen der Ukraine und den anderen Ländern: Zum einen hat die Ukraine für viele westliche Leser noch wenig Konturen, was sie interessant macht, denn im Gegensatz zu Russland oder Polen gilt sie als eine Art Entdeckung. Zum anderen ist die Orange Revolution ein Grund für das westliche Interesse an der Ukraine. Als sie stattfand, empfanden Menschen aus ganz Europa plötzlich ein Gefühl, das sie aus der Zeit der Wende kannten, und begannen sich aus einer Wendenostalgie heraus für die Ukraine zu interessieren. Und die Jüngeren sind ein bisschen neidig, dass es noch ein europäisches Land gibt, in dem so etwas möglich ist.
Die in Österreich bekannte ukrainische Literatur ist fast ausschließlich westlich-liberal, proeuropäisch und tendenziell antirussisch. Gibt es
andere Richtungen, die im Westen nicht bekannt sind?
Große Teile unserer Literatur sind zwar russlandkritisch, aber die Autoren stehen den ukrainischen Nationalisten genauso distanziert gegenüber wie Russland. Es gibt außerdem Schriftsteller, die das Thema gar nicht streifen. Und es gibt ukrainische Autoren, die in russischer Sprache schreiben. Manche von ihnen kennt man im Westen, beispielsweise Andrej Kurkow. Österreicher und Deutsche stehen der sogenannten Spaltung der Ukraine in einen ukrainischen Westen und einen russischen Osten zu schematisch und einseitig gegenüber. In Wahrheit stellt sich das Land die Frage nach einer kulturellen Identität, die nicht an ein bestimmtes Land oder eine nationale Zugehörigkeit gekoppelt sein muss. Es gibt in der Ukraine Menschen, die ukrainisch- oder russischsprachig sozialisiert wurden, ohne dass das mit einer staatsbürgerlichen Identität verbunden wäre. Russisch war hierzulande immer Sprache der Hochkultur. Und so fragen sich ukrainische Autoren: Soll das so bleiben? Oder ist die Ukraine ein kulturell bilinguales Land? Oder werden sich die Russischsprachigen langfristig für das Ukrainische als Hochkultursprache entscheiden?
Die meisten bekannten ukrainischen Autoren stammen aus dem westukrainischen Galizien. Die Region ist Heimstätte des ukrainischen Nationalismus und wird auch als "ukrainisches Piemont" bezeichnet. Vertreten diese Autoren damit nicht eine
dezidiert ukrainische Haltung?
Das stimmt zwar im Großen und Ganzen. Aber Serhji Zhadan beispielsweise stammt aus Luhansk und lebt in Charkiw in der Ostukraine. Oksana Sabuschko lebt in Kiew. Es werden neue Autoren kommen, die nicht aus dem Westen stammen. Es ist jedoch richtig, dass die erste Welle von Autoren aus Galizien stammt und in ihrem Werk diese Herkunft auch häufig thematisierte, indem sie sich mit Mitteleuropa beschäftigen. Bei den Österreichern oder Deutschen entsteht so eine Art kultureller Wiedererkennungseffekt. Das macht die ukrainische Literatur zusätzlich populär.
Sucht die Ukraine eine neue Identität in Mitteleuropa?
Ein Teil der Ukrainer schon. In Galizien oder der Bukowina fällt es leicht, sich mit diesem Mitteleuropakonzept zu identifizieren. In Kiew ist das schon deutlich schwerer. Generell glaube ich aber, dass dieses Thema in den Neunzigerjahren wichtiger war.
Warum hat es an Bedeutung
verloren?
Die Orange Revolution war eine Zäsur. Unter Präsident Kutschma wollten die Intellektuellen Galiziens mit diesem peinlichen Staat nichts zu tun haben. Das Mitteleuropakonzept diente als Schutz und Absonderung. Die Orange Revolution hat dann gezeigt, dass es viel mehr gesamtukrainische Gemeinsamkeiten gibt als angenommen. Jetzt sucht man eine neue Identität für die ganze Ukraine, statt sich mit Mitteleuropa zu beschäftigen.
Und wo sucht man?
Manche suchen sie in der ukrainisch-nationalen Vergangenheit – mit oder ohne Europa –, andere in der russisch-sowjetischen. Eine dritte Fraktion definiert sich über keines der beiden Konzepte: also weder über das neo-autoritäre Russland noch über die EU, zu der die Ukraine ohnehin keinen Zugang hat.
Kann es einen Kompromiss zwischen diesen beiden Polen geben?
Es gibt eine Schule des dritten Wegs. Ihre Vertreter bezeichnen sich als "Nativisten". Überspitzt gesagt ist das eine Blut-und-Boden-Ideologie, die nach den Wurzeln sucht, ihr Heil in der Isolation sucht und Autarkie predigt. Das liegt gefährlich nah am Totalitarismus.
In Westeuropa beschäftigen sich nur
wenige Autoren mit ihrer
nationalen Identität.
In der Ukraine auch immer weniger. Autoren der Generation Zhadan beispielsweise setzen sich gar nicht mehr damit auseinander. Falls doch, dann keinesfalls mit einer nationalen. Der Schwerpunkt verlagert sich immer mehr auf das Individuum. Deswegen unterscheiden sich die nationalen Literaturen in Europa auch immer weniger voneinander. Ich bin ganz und gar kein Fürsprecher des Verschwindens von Unterschieden, aber sie sollten nicht entlang nationaler Grenzen verlaufen. Es gibt genügend andere.
Eine Kehrseite dieser Hinwendung zum Individuum ist die gesellschaftliche Desillusionierung – etwa bei dem von Ihnen erwähnten Serhji Zhadan.
Ein gesellschaftlicher Umstand, der dennoch in sein Werk hineinspielt, ist der große Schock für den postsowjetischen Menschen, plötzlich nicht mehr um- und versorgt zu werden – das ist eine fundamentale Erfahrung.
Trauern die Ukrainer dem Kommunismus hinterher?
Das mag sein. Ich persönlich kenne zwar niemanden, der das tut, aber die Statistik behauptet, dass sich eine große Zahl an Menschen die Sowjetunion zurückwünscht. Sie reden aber immer nur von Teilaspekten, die im Nachhinein verklärt werden. Ich glaube nicht, dass jemand im Ernst die Wiederherstellung dieser vergangenen Welt in ihrer Totalität möchte. Man will sich nur das herauspicken, was man gern hatte.
Würden Sie sagen, dass die Orange Revolution ihr Ziel erreicht hat?
Nein. Überhaupt nicht. Sie hat Wichtiges bewirkt. Die Menschen, die sich daran beteiligt haben, sind anders geworden, als sie vorher waren. Mit ihnen ist etwas passiert, das man ihnen nie wieder wegnehmen kann.
Was ist das?
Ich weiß es nicht genau. Vielleicht die Erfahrung, dass man große Veränderungen durch kleine persönliche Teilnahme bewirken kann – eine kleine Verantwortung, die sich zur großen formiert. Für viele war das ein Abschied von der Minderwertigkeit. Es war die Möglichkeit des Unmöglichen. Trotzdem: Politisch hat die Orange Revolution alle Ziele verfehlt.
Aber zumindest auf der Ebene der Spitzenpolitik ist die Ukraine heute demokratischer als vor der
Revolution.
Eine Spur vielleicht. Aber es ist weit von dem entfernt, was man sich von einer Demokratie wünscht und vorstellt. Die letzten beiden Jahrzehnte in der Geschichte der Ukraine waren ein Übergang von einem Scheinsystem ins andere. Wobei es sich um zwei unterschiedliche Scheinsysteme handelt: Das sowjetische System war ein Scheinsystem, weil es systematisch Schein produzierte; und das ukrainische System ist ein Scheinsystem, weil es nur vorgibt, ein System zu sein.
Also herrscht heute die Anarchie in der Ukraine?
Es herrscht zumindest Chaos: Das Alte ist weg und das Neue noch nicht da.

Josef Gepp in FALTER 50/2007



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