Die Spur ins Schattenland

Jonathan Stroud, Bernadette Ott


Harry und die Morgenlatte

Ja, er hat sie gelesen. Bis zum vierten Band. Mehr geht aber zurzeit nicht. Jonathan Stroud ist einer der Autoren, die im Windschatten des britischen Zauberlehrlings groß geworden sind. Für seine Trilogie um den zynischen Dschinn "Bartimäus", der sich nichts mehr wünscht, als seinem "Meister" zu entkommen, hat er einige Preise bekommen – zuletzt in Wien von der "Jury der jungen Leser". Müde sitzt Stroud im Café Prückel und stützt seinen Kopf in die Hand: "Ich lese fast nichts mehr. Ich habe seit April einen kleinen Sohn. Und ich habe ein Buch zu finalisieren. Drei Kapitel noch."
Vor seiner Karriere als Schriftsteller war Stroud Verlagslektor. Natürlich ist ihm aufgefallen, dass die Verlage auf das Ende der Mission des Harry P. reagiert haben. Jeder hat seine All-Age-Fantasy-Serie im Programm – mindestens eine. Und in weniger als drei Bänden wird heute offenbar keine Geschichte mehr erzählt – ein klassisches Zeichen dafür, dass der Scheitelpunkt des Booms erreicht, ja überschritten ist.
Was von der Pottermania wirklich bleibt, sind Buben und Mädchen, die das Lesen entdeckt haben. Angefixt von der Potter-Serie, wollen sie weiterlesen. Hier sind vier Titel, die sie auch weiterbringen – hin zu anderen Genres, zu anderen Erzählweisen.
Jonathan Stroud ist da eine Fundgrube. Dass er schon seit über zwei Jahren an seinem neuen Buch schreibt, fällt vorerst nicht auf, denn unterdessen ist sein Frühwerk auf Deutsch erschienen, zuletzt der Psychothriller "Die Spur ins Schattenland". Die zehnjährige Charlie spielt mit ihrem Freund Max am Wasser. Er fällt vom Baum und ertrinkt. Charlie sieht ganz genau, dass ihn jemand ins Wasser zieht. Jemand, der aus dem Wasser kommt. Aber niemand glaubt ihr.
Stroud macht es sich nicht leicht: Schon auf den ersten Seiten serviert er ein einfühlsames psychiatrisches Gutachten, das Charlies Geschichte überzeugend auf ihren Ausnahmezustand zurückführt – um dann 300 Seiten lang Zweifel zu schüren. Charlie driftet in eine andere Welt ab, sie ist auf der Suche nach Max, sie wird ihn finden. Und der Leser findet sich, Gutachten hin, Logik her, auf ihrer Seite. Zwingender kann man die menschliche Vorstellungskraft nicht übersetzen. Und wer die später geschriebene "Bartimäus"-Reihe kennt, weiß erst recht nicht, woran er ist: Man traut Stroud und diesem Buch alles zu, und das gibt der "Spur ins Schattenland" noch einmal Auftrieb.
Den Weg in eine andere Wirklichkeit findet auch Wieland Freund. Sein Held Jonas Nichts ist zwölf Jahre alt. Er weiß nicht, dass er zur Rettung der Welt auserkoren ist. Sein Abenteuer beginnt mit einem Kleiderschrank, der in ein anderes Land führt, und mit sprechenden Spielzeugfiguren. Zutaten, die an klassische Kindergeschichten erinnern, und in der Tat: "Die unwahrscheinliche Reise des Jonas Nichts" ist eine zeitlose, fantastische Geschichte mit Königen und Köchinnen, mit Soldaten und Advokaten, ein Buch, das offen einbekennt: Ich will ein Klassiker sein.

Was wäre, wenn Harry Potter an Sex denken würde? Während Mrs. Rowlings Figuren höchstens mal zwischendurch knutschen durften, geht es beim Tschechen Jaromir Konecny ganz anders zur Sache. Es beginnt damit, dass Thomas' Mutter verschwindet und der 15-Jährige von einem betrunkenen Sandler abgeholt wird, der sich als sein Vater ausgibt. In Thomas' Verzweiflung steckt so viel Witz, dass man dieser kranken Geschichte schon nach wenigen Seiten verfällt. Die Potter-Parallelen: Es gibt eine Zauberwelt, Zaubern kann man lernen. Zwei Buben und ein Mädchen können verhindern, dass das Böse obsiegt. Allerdings hat Konecny seine "Jäger des verlorenen Glücks" im ganz realen München angesiedelt. Und dort wachen 15-Jährige mit einer Morgenlatte auf und denken beim Anblick einer Frau zuerst einmal an Sex. Auch Glöckchen, Thomas' gleichaltrige Partnerin beim Weltretten, ist keine brave Streberin à la Hermine, sondern ein von Zweifeln geplagtes Gothic Girl.
Wichtige, aber haarige Prämisse: Um die Welt zu retten, muss Thomas unschuldig bleiben – nur Masturbieren ist erlaubt. Freilich versuchen allerlei "krasse" Feen, den Buben zu verführen: "Ich stierte die langhaarige Sexbombe an. Mann! Eine nackte Frau! Und das in unserer Wohnung? Ich wusste nicht, wo sie herkam, ich wusste fast gar nix, ich wusste nur eins: Es gab Geister, und ich hatte einen beschworen, einen ganz nackten dazu, mit Möpsen wie vom Zuckerbäcker." Schließlich die Herausforderung: Thomas und Glöckchen müssen miteinander schlafen, um ihre Mission zu erfüllen – endlich! Doch hier entpuppt sich der Autor trotz superexpliziter Sprache als hoffnungsloser Moralist – in dem vielleicht originellsten Jugendbuch dieses Jahres.

Konecnys große Stärke ist es, Jugendsprache glaubwürdig nachzustellen und einzusetzen, eine Qualität, die Mirjam Presslers "Golem stiller Bruder" fehlt – allerdings spielt der Roman auch 500 Jahre vor unserer Zeit. Es geht um die Prager Judenstadt und um die Legende von Rabbi Löw, der einen superstarken stummen Mann aus Lehm erschuf, um die jüdische Gemeinde vor den christlichen Übergriffen zu retten. Pressler, Spezialistin für "korrekte" Geschichten mit sozialem Gewissen und Verantwortung, schildert die Legende aus der Sicht des jungen Jankel, eng verknüpft mit den tatsächlichen politischen Ereignissen dieser Zeit.
Fantasy-Fans kennen die Figur des Golem spätestens seit Jonathan Strouds zweitem "Bartimäus"-Band "Das Auge des Golem", und auch Pressler kommt nicht ohne fantastische Übergriffe aus. Doch stellt sie darüber hinaus auch Fragen wie: Warum hilft Juden kein Weglaufen? Warum lässt Gott zu, dass wir Gutes wollen und Böses tun? Darf das Leben eines Einzelnen für die Rettung Tausender geopfert werden? Für die Antworten darauf braucht es mehr als Fantasie￿.Ja, er hat sie gelesen. Bis zum vierten Band. Mehr geht aber zurzeit nicht. Jonathan Stroud ist einer der Autoren, die im Windschatten des britischen Zauberlehrlings groß geworden sind. Für seine Trilogie um den zynischen Dschinn "Bartimäus", der sich nichts mehr wünscht, als seinem "Meister" zu entkommen, hat er einige Preise bekommen – zuletzt in Wien von der "Jury der jungen Leser". Müde sitzt Stroud im Café Prückel und stützt seinen Kopf in die Hand: "Ich lese fast nichts mehr. Ich habe seit April einen kleinen Sohn. Und ich habe ein Buch zu finalisieren. Drei Kapitel noch."
Vor seiner Karriere als Schriftsteller war Stroud Verlagslektor. Natürlich ist ihm aufgefallen, dass die Verlage auf das Ende der Mission des Harry P. reagiert haben. Jeder hat seine All-Age-Fantasy-Serie im Programm – mindestens eine. Und in weniger als drei Bänden wird heute offenbar keine Geschichte mehr erzählt – ein klassisches Zeichen dafür, dass der Scheitelpunkt des Booms erreicht, ja überschritten ist.
Was von der Pottermania wirklich bleibt, sind Buben und Mädchen, die das Lesen entdeckt haben. Angefixt von der Potter-Serie, wollen sie weiterlesen. Hier sind vier Titel, die sie auch weiterbringen – hin zu anderen Genres, zu anderen Erzählweisen.
Jonathan Stroud ist da eine Fundgrube. Dass er schon seit über zwei Jahren an seinem neuen Buch schreibt, fällt vorerst nicht auf, denn unterdessen ist sein Frühwerk auf Deutsch erschienen, zuletzt der Psychothriller "Die Spur ins Schattenland". Die zehnjährige Charlie spielt mit ihrem Freund Max am Wasser. Er fällt vom Baum und ertrinkt. Charlie sieht ganz genau, dass ihn jemand ins Wasser zieht. Jemand, der aus dem Wasser kommt. Aber niemand glaubt ihr.
Stroud macht es sich nicht leicht: Schon auf den ersten Seiten serviert er ein einfühlsames psychiatrisches Gutachten, das Charlies Geschichte überzeugend auf ihren Ausnahmezustand zurückführt – um dann 300 Seiten lang Zweifel zu schüren. Charlie driftet in eine andere Welt ab, sie ist auf der Suche nach Max, sie wird ihn finden. Und der Leser findet sich, Gutachten hin, Logik her, auf ihrer Seite. Zwingender kann man die menschliche Vorstellungskraft nicht übersetzen. Und wer die später geschriebene "Bartimäus"-Reihe kennt, weiß erst recht nicht, woran er ist: Man traut Stroud und diesem Buch alles zu, und das gibt der "Spur ins Schattenland" noch einmal Auftrieb.
Den Weg in eine andere Wirklichkeit findet auch Wieland Freund. Sein Held Jonas Nichts ist zwölf Jahre alt. Er weiß nicht, dass er zur Rettung der Welt auserkoren ist. Sein Abenteuer beginnt mit einem Kleiderschrank, der in ein anderes Land führt, und mit sprechenden Spielzeugfiguren. Zutaten, die an klassische Kindergeschichten erinnern, und in der Tat: "Die unwahrscheinliche Reise des Jonas Nichts" ist eine zeitlose, fantastische Geschichte mit Königen und Köchinnen, mit Soldaten und Advokaten, ein Buch, das offen einbekennt: Ich will ein Klassiker sein.

Was wäre, wenn Harry Potter an Sex denken würde? Während Mrs. Rowlings Figuren höchstens mal zwischendurch knutschen durften, geht es beim Tschechen Jaromir Konecny ganz anders zur Sache. Es beginnt damit, dass Thomas' Mutter verschwindet und der 15-Jährige von einem betrunkenen Sandler abgeholt wird, der sich als sein Vater ausgibt. In Thomas' Verzweiflung steckt so viel Witz, dass man dieser kranken Geschichte schon nach wenigen Seiten verfällt. Die Potter-Parallelen: Es gibt eine Zauberwelt, Zaubern kann man lernen. Zwei Buben und ein Mädchen können verhindern, dass das Böse obsiegt. Allerdings hat Konecny seine "Jäger des verlorenen Glücks" im ganz realen München angesiedelt. Und dort wachen 15-Jährige mit einer Morgenlatte auf und denken beim Anblick einer Frau zuerst einmal an Sex. Auch Glöckchen, Thomas' gleichaltrige Partnerin beim Weltretten, ist keine brave Streberin à la Hermine, sondern ein von Zweifeln geplagtes Gothic Girl.
Wichtige, aber haarige Prämisse: Um die Welt zu retten, muss Thomas unschuldig bleiben – nur Masturbieren ist erlaubt. Freilich versuchen allerlei "krasse" Feen, den Buben zu verführen: "Ich stierte die langhaarige Sexbombe an. Mann! Eine nackte Frau! Und das in unserer Wohnung? Ich wusste nicht, wo sie herkam, ich wusste fast gar nix, ich wusste nur eins: Es gab Geister, und ich hatte einen beschworen, einen ganz nackten dazu, mit Möpsen wie vom Zuckerbäcker." Schließlich die Herausforderung: Thomas und Glöckchen müssen miteinander schlafen, um ihre Mission zu erfüllen – endlich! Doch hier entpuppt sich der Autor trotz superexpliziter Sprache als hoffnungsloser Moralist – in dem vielleicht originellsten Jugendbuch dieses Jahres.

Konecnys große Stärke ist es, Jugendsprache glaubwürdig nachzustellen und einzusetzen, eine Qualität, die Mirjam Presslers "Golem stiller Bruder" fehlt – allerdings spielt der Roman auch 500 Jahre vor unserer Zeit. Es geht um die Prager Judenstadt und um die Legende von Rabbi Löw, der einen superstarken stummen Mann aus Lehm erschuf, um die jüdische Gemeinde vor den christlichen Übergriffen zu retten. Pressler, Spezialistin für "korrekte" Geschichten mit sozialem Gewissen und Verantwortung, schildert die Legende aus der Sicht des jungen Jankel, eng verknüpft mit den tatsächlichen politischen Ereignissen dieser Zeit.
Fantasy-Fans kennen die Figur des Golem spätestens seit Jonathan Strouds zweitem "Bartimäus"-Band "Das Auge des Golem", und auch Pressler kommt nicht ohne fantastische Übergriffe aus. Doch stellt sie darüber hinaus auch Fragen wie: Warum hilft Juden kein Weglaufen? Warum lässt Gott zu, dass wir Gutes wollen und Böses tun? Darf das Leben eines Einzelnen für die Rettung Tausender geopfert werden? Für die Antworten darauf braucht es mehr als Fantasie.

Thomas Aistleitner in FALTER 50/2007



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