Leben und Schicksal

Wassili Grossman, Madeleine von Ballestrem, Arkadi Dorfmann,...


Die schmutzige Wahrheit

Der 1905 im ukrainischen Berditschew geborene Wassili Grossman stammte aus einer bürgerlich-jüdischen Familie – der Vater ist Chemiker, die Mutter Französischlehrerin. Auf das Studium der Chemie in Kiew und Moskau folgte ein Arbeitspraktikum im Donbass. Erste literarische Meriten und das Lob Maxim Gorkis erringt er mit "Glückauf", einer Bergarbeitergeschichte ganz im Geist des sozialistischen Aufbaus, und mit der Bürgerkriegserzählung "Die Stadt Berditschew" (als "Die Kommissarin" von Alexander Askolodow verfilmt). Die Arbeit am monumentalen, durchaus systemkonformen Roman "Stepan Koltschugin" wird von Stalins Terror überschattet: Mit einem untertänigen Bittbrief an Nikolaj Jeschow, einen der grausamsten Büttel des Großen Terrors, gelingt es Grossman, seine als "Volksfeind" verhaftete Frau freizubekommen.
Es folgt, was später vielfach als tragisch-paradoxe Erfahrung einer ganzen Generation junger Sowjets beschrieben wurde: Der Krieg gegen den Naziaggressor wird auch als Aussetzung der stalinistischen Diktatur erlebt. Der 36-jährige Grossman meldet sich am 5. August 1941 als Korrespondent der Armeezeitung Krasnaja Swesda an die Front – im Mai 1945 ist er einer der prominentesten sowjetischen Armeereporter. Sein Bericht über die "Hölle von Treblinka" wird beim Nürnberger Prozess als Broschüre verteilt.
Grossmans zentrales schriftstellerisches Thema ist die Schlacht um Stalingrad zwischen September 1942 und Februar 1943. Ein erster Roman "Für die gerechte Sache" (auf deutsch: 1952) wird noch für den Stalin-Preis nominiert. Die Interpretation des Kriegsgeschehens, die er in seinem Opus magnum "Leben und Schicksal" – 1984 erstmals in einer unvollständigen deutschen Fassung erschienen – vorträgt, weicht indessen grundlegend von der Parteilinie ab: "Die Logik der Entwicklung führte dazu, dass der Volkskrieg, der während der Verteidigung Stalingrads sein höchstes Pathos erreicht hatte, eben während dieser Periode Stalin die Möglichkeit gab, die Ideologie des Staatsnationalismus offen zu deklarieren." Grossman fällt in Ungnade.
Mit einem Seitenblick auf Tolstojs "Krieg und Frieden" wird alles vorgeführt, was für ein großes Schlachtengemälde notwendig ist: von den russischen Verteidigern des belagerten "Hauses sechs Strich eins", die schließlich allesamt umkommen, über die Scharfschützen bei ihrer wilden Jagd auf "die Fritzen", den haudegenartigen General Tschujkow inmitten brennender Öltanks am Wolgaufer bis zu den kommandierenden Generälen sowie den Kriegsherrn beider Seiten, Hitler und Stalin.
Ein Erzählstrang handelt von der Familie Schaposchnikow: Der Physiker Wiktor Schtrum wurde samt Institut und Ehefrau Ludmilla Nikolajewna Schaposchnikowa sowie der gemeinsamen Tochter Nadja nach Kazan evakuiert. In den Kellern des Geheimdienstes wird Schtrums Exschwager – gerade noch heldenhaft verwundeter Stalingradkämpfer – als angeblicher Nazispitzel tagelang verhört und gefoltert. Hinter der verwickelten Kriegs- und Familiengeschichte werden die Konturen beider Terrorsysteme sichtbar, die sich für die russischen Insassen der nazistischen Konzentrationslager und des stalinistischen Gulags nicht unterscheiden: Entsprechend werden Stalinismus und Faschismus von ihnen auch in eins gesetzt. Zwischen der Darstellung von Kriegsgeschehen und Lagerhaft taucht als roter Faden immer wieder die Deportation der Ärztin Sonja Lewiton und des Waisenkindes David auf, die mit deren Ermordung in der Gaskammer endet.
Wassili Grossman gelingt in "Leben und Schicksal" nicht nur die literarische Transformation der eigenen Kriegserfahrung, auf beklemmende Weise werden darüber hinaus einerseits die Angst in Schtrums Institut und andererseits – voller Sarkasmus – die alltäglichen Schikanen der Bürokraten im Hinterland und die Eigennützigkeit der militärischen Nomenklatura mit ihren russischen und ukrainischen Chauvinismen beschrieben. Es gibt weitläufige Landschaftsschilderungen zwischen Wolga und dem Moskauer Gorkij-Park, und amouröse Abenteuer.
Minutiös deckt Grossman eines der schmutzigen Geheimnisse der Sowjetmacht im Kampf gegen den Faschismus auf, nämlichen deren eigenen Antisemitismus. Schon als Frontberichterstatter hatte er die Erfahrung der Zensur gemacht: "In der Ukraine gibt es keine Juden mehr. In Poltawa, Charkow, Krementschuk, Borispol oder Jagotin – in keiner dieser Großstädte, in Hunderten kleineren Ortschaften und Tausenden Dörfern (...) Überall Schweigen. Totenstille. Ein ganzes Volk ist brutal ermordet worden." Der Bericht "Ukraine ohne Juden" war nur in der entlegenen jiddischen Zeitung Ejnigkeit erschienen, weil darin auch die massenhafte Kollaboration des "ukrainischen Brudervolkes" mit den Deutschen zur Sprache gekommen war. Das gemeinsam mit Ilja Ehrenburg und dem Jüdischen Antifaschistischen Komitee erstellte "Schwarzbuch" der Verbrechen der Einsatzgruppen war von Stalin während der sogenannten "Antikosmopolitenkampagne" eingestellt worden.
Gegen dieses vielstimmige Schweigen nach dem Motto "Die Opfer dürfen nicht aufgeteilt werden" – alle Völker der Sowjetunion hatten unter Hitlers Vernichtungsfeldzug gelitten, die sowjetischen Juden waren mit eineinhalb Millionen Toten aber mit Abstand die am stärksten betroffene Gruppe – verleiht der allmächtige auktoriale Erzähler bei Grossman den jüdischen Opfern eine Stimme. Nachdem er nach der Befreiung von Berditschew im Herbst 1943 erfahren hatte, dass sich unter den 30.000 ermordeten Juden seiner Heimatstadt auch seine Mutter befand, schreibt er der Toten einen Abschiedsbrief und verleiht ihr in seinem Roman in einer der berührendsten Stellen eine Stimme: "Heute haben wir von einem uns bekannten Bauern, der am Ghettozaun vorbeifuhr, erfahren, dass die Juden, die zum Kartoffelgraben getrieben worden waren, vier Werst außerhalb der Stadt, neben dem Flugplatz an der Straße nach Romanowka, tiefe Gräben ausheben. Präg dir diesen Namen gut ein, Vitja, dort wirst Du das Massengrab finden, in dem Deine Mutter liegen wird."

Gegen das tausendseitige Romanunternehmen mit äußerst komplexer Anordnung der Figuren, den umfangreichen essayistischen Einschüben und geschichtsphilosophischen Exkursen ließen sich gewiss Einwände vorbringen: Alexander Solschenizyn etwa kritisierte den Deus-ex-machina-artigen Auftritt Stalins an zentraler Stelle als unwahrscheinlich. Grossmans zentrale These hat bis heute dennoch nichts an Aktualität verloren, vor allem in Russland nicht: "Mit dem Sieg in Stalingrad wurde die Geschichte Russlands als Geschichte des russischen Ruhms und nicht als Geschichte der Leiden und Erniedrigungen der russischen Bauern und Arbeiter aufgefasst. Das Nationale wurde aus einem Element der Form zu einem Element des Inhalts, zur Basis eines neuen Weltverständnisses." Der "geniale Heerführer" Stalin brachte seine Untertanen um die Früchte des Sieges: Ihre Hoffnung auf ein Ende des Terrors wurde von der uneingeschränkten Machtentfaltung des roten Zaren erdrückt.
Nach 17-jähriger Arbeit wird Grossmans druckfertiges Manuskript 1961 "verhaftet", der Oberideologe der Partei, Michail Suslow, teilt dem mittlerweile erkrankten Autor mit, dass sein Buch vielleicht die Wahrheit über den Krieg enthalte, diese aber erst in 200 bis 300 Jahren dem Publikum zugemutet werden könne. Nach Wassili Grossmans Tod im Jahre 1964 sollte es "nur" noch ein Vierteljahrhundert dauern, bis "Leben und Schicksal" in Moskau, zur Zeit der Perestrojka, dann doch erscheinen konnte. Allerdings nicht, ohne diesem sogleich "Russophobie" vorzuwerfen.

Erich Klein in FALTER 50/2007



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