Engel und Dämonen der Peripherie. Essays

Juri Andruchowytsch


Gestank nach Gas

Europa, das als die alte Welt gilt, ist und bleibt in Wirklichkeit der jüngste aller Kontinente. Es entwickelt sich noch. Es weiß noch nicht, wo seine Grenzen sind, wo es beginnt." So sinniert, so hofft der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch in seinem neuen Essayband "Engel und Dämonen der Peripherie". Oder er zwingt sich zumindest, diese Hoffnung noch nicht aufzugeben.
Das gelingt ihm mit dem Verfassen immer neuer und, wie er selbst eingesteht, seit Anfang der Neunzigerjahre um ähnliche Themen kreisender Essays. Ihr Tenor: Auch wenn Europa, repräsentiert durch die Europäische Union, uns, die Ukrainer, nicht dabeihaben will: Wir sind Europa, genauer genommen Ostmitteleuropa, "eine Weltgegend, wo man völlig grundlos auf etwas stolz ist, worüber man sich grämen sollte – die Existenz zwischen Osten und Westen." Und, fügt er durchaus gekränkt hinzu: Wir haben unsere Tauglichkeit für die Demokratie mehr als bewiesen mit der friedlich verlaufenen orangen Revolution im Jahr 2004. Nun, drei Jahre später, fühlt er sich verraten und verkauft. "Was für eine Revolution braucht es denn, um zu beweisen, dass wir bereit sind?"
Auch wenn der locker bedruckte, 200 Seiten umfassende Band anfangs nicht so richtig in die Gänge kommen will: Dem leidenschaftlichen Plädoyer für einen EU-Beitritt der Ukraine zollt man immer mehr Respekt. Hauptverantwortlich für die Distanziertheit gegenüber der Ukraine ist Andruchowytsch zufolge der Kniefall vor den "Interessen" Russlands, das zwischen sich und dem nächsten "Imperium" gerne eine Pufferzone haben möchte: "Der Europäischen Union, einem in erster Linie bürokratischen, dem europäischen Idealismus fernstehenden Gebilde, kommt eine stagnierende und isolierte Ukraine sehr gelegen. Mehr noch: Sie scheint eine unabdingbare Voraussetzung für ,Stabilität in der EU' zu sein. Stabilität in jeder Hinsicht – demografisch, kulturell und auch energiepolitisch, wenngleich mit spürbarem Gasgestank." Die solcherart nivellierte Ukraine, "eine Mischung aus Sisyphos und Sacher-Masoch", beklagt Andruchowytsch, sei nach der gelungenen, aber letztendlich wirkungslos gebliebenen Revolution gezwungen, wieder ganz von vorne zu beginnen.
Die Ukraine – gibt es die überhaupt? In Madonnas Videoclip "American Life" zumindest taucht die ukrainische Flagge auf und gibt dem Autor Anlass, über seinen entgegen allen Vermutungen doch nicht vorhandenen Patriotismus nachzudenken. Über seine Russophobie, die nicht nur aus Sowjetzeiten resultiert, sondern auch den Versuch darstellt, die eigene Identität zu wahren – zum Beispiel gegen wohlmeinende westliche Kollegen, die in seiner Gegenwart stets das russische Ballett loben, bezweifeln, dass das Ukrainische überhaupt eine Sprache ist, und meinen, Dostojewskij müsse ihm auf jeden Fall näherstehen als Hesse.

Texte über den immer kürzer werdenden Zug 76, der einst die Ostsee mit dem Schwarzen Meer verband, über seine Liebe zu Polen, über Landkarten und Flüsse, den "Flirt mit dem Kosmos" in den Sechziger- und Siebzigerjahren, über die damals "intakte" Warenwelt und über ukrainische Autoren wie Ihor Kalynez oder Lina Kostenko vervollständigen die Weltsicht des Autors, der allerdings als Romancier überzeugender, komplexer und authentischer ist denn als Theoretiker. Erinnert sei etwa an seinen an einem imaginären Ort in den Karpaten spielenden Roman "Zwölf Ringe" (deutsch: 2005), der zugleich fantastisch, grotesk und zynisch ist, der aber auch eine zärtliche Liebeserklärung an die Ukraine, ihre Sprache und ihre Tragödien darstellt.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 50/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×