Sammlung der Leidenschaften

Natalka Sniadanko, Anja Lutter


Nachsicht mit Normalos

Was ist der Unterschied zwischen einer ukrainischen Pubertät und einer in Utah oder in der Untersteiermark? Die Auswahl libidinös aufgeladener Objekte zur Erzielung von Distinktionsgewinnen im Dienste der Identitätsverfestigung umfasste dort in den Achtzigern nicht nur Michael Jackson und George Michael, sondern auch "den Sänger der damals unionsweit angesagten Popgruppe Süßer Mai".
Natalka Sniadanko war 14 Jahre alt, als Jacksons Album "Bad" erschien; Olessja, die Icherzählerin ihres vor vier Jahren im ukrainischen Original erschienenen Debüts "Sammlung der Leidenschaften", hat mit ihrer Schöpferin einige Gemeinsamkeiten – unter anderem den Herkunftsort (Lemberg) und ein Auslandsstudium (Freiburg), also wird's wohl auch mit dem Alter einigermaßen hinkommen. Wir wollen bloß hoffen, dass die Männer erfunden sind, denn eine derartige Ansammlung anständiger, apathischer und antriebsloser adoleszenter, aber auch adulter Exemplare aus der XY-Abteilung wäre mehr als genug, um einer jungen Frau chronische Selbstzweifel zu bescheren.
Allerdings hat sich Olessja von Anfang an aufs vernachlässigte Fach der allenfalls auf den zweiten oder dritten Blick interessanten Männer verlegt, und da wollen wir ihr doch im Namen aller Normalos auch einmal dankbar sein: Weder in der Literatur noch im richtigen Leben gibt es allzu viele Frauen, die eine derartige Nachsicht mit potenziellen Paarungspartnern an den Tag legen. Gut, der unförmige und kommunikationsfaule Tolja wird, nachdem er alle gereimten Liebesbeteuerungen ignoriert hat, mit dem Gedicht "Du bist es nicht wert" wieder aus der Nichtbeziehung entlassen, aber ansonsten ist die Protagonistin doch von einer erstaunlichen Langmut und Duldsamkeit gegenüber den Vertretern des anderen Geschlechts. Und wenn diese ihr sexuelles Phlegma schon einmal überwinden, stößt Olessja in erster Linie auf eine verbose Verklemmtheit, die tragikomisch weit hinter den eigenen Ankündigungen zurückbleibt: ",Endlich, wiederholte mein Verführer, auf seinem Gesicht erschien ein seliges Lächeln, und ich spürte, wie etwas gegen mein Knie spritzte. (...) Dies war der kürzeste mir bekannte Vergewaltigungsversuch."

Gewiss, man wird nach der Lektüre dieser "Sammlung der Leidenschaften" weder einen völlig neuen Blick auf das Verhältnis der Geschlechter geworfen noch ein wesentlich tieferes Verständnis der Ukraine gewonnen haben (die "Gebrauchsanweisung für eine echte Galizierin" ist in Wirklichkeit – wie alle selbstironische Rede – nur bedingt zu gebrauchen). Natalka Sniadanko, die unter anderem Kafka, Dürrenmatt, Max Goldt und Feridun Zaimoglu ins Ukrainische übersetzt hat, ist selten darum verlegen, das nächstliegende Klischee zu verwenden, aber sie tut dies auf charmante und mitunter ziemlich komische Weise.
Österreichischen, insbesondere ostösterreichischen Stimmungslagen und Ressentiments kommt der Roman jedenfalls stark entgegen, was kein Wunder ist, wenn man in Lemberg "mit Plutzern, Häferln und Prackern" vertraut ist und Deutschland aus ukrainischer Sicht vor allem als einen Exzess an Pünktlichkeit, Reinlichkeit und protestantischer Selbstbeherrschung darstellt. Herr Weiss zum Beispiel lässt sich von Olessja jeden Samstagnachmittag die Hemden bügeln und begleitet sie dabei auf der Heimorgel mit Beatles-Songs:
",Ich fange vielleicht besser mit etwas Fröhlicherem an. Seien Sie vorsichtig mit dem Bügeleisen. Der Stoff dieses Hemdes nimmt sehr leicht Schaden, wenn er zu heiß wird, warnt er mich und fährt nun schon sicherer fort: ,All my loving ...' Mich würde mal interessieren, wie oft Herr Weiss sich einen runterholt.

Klaus Nüchtern in FALTER 50/2007



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