Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch

Marina Lewycka, Elfie Hartenstein


vohn Hühnern und Menschen

Marina, Tochter ukrainischer, von den Nazis zur Zwangsarbeit vergatterter Eltern, kommt 1946 in einem britisch geführten Flüchtlingslager in Kiel zur Welt und wächst in England auf. Nach dem Tod der Mutter heiratet der Vater, beratend im Bergbau tätig, eine viel jüngere Frau – sehr zum Unmut der Kinder. Marina belegt Schreibkurse an der Universität und verarbeitet das familiäre Drama zu einem gemüt- und humorvollen Roman, der – nachdem 36 Verlage ihre vorangegangenen literarischen Arbeiten abgelehnt hatten – endlich einen Verleger findet und prompt zum Bestseller avanciert: Er wird in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und verkauft allein in England über 800.000 Exemplare. Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches ist die Autorin 58 Jahre alt.
Die Geschichte ist zu gut, um nicht wahr zu sein. Die Autorin heißt Marina Lewycka, ihr Debüt "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch". Es handelt unter anderem von zwei Schwestern, die sich übers Erbe des (noch lebenden) Vaters zerstritten haben und einander nun, angesichts des Zugriffs einer noch recht wenig assimilierten und entschieden weniger gut situierten Landsfrau auf dieselbe Quelle, wieder näherkommen. Der Feind kommt von außen, nötigt aber auch dazu, dieses Außen neu und entschieden zu definieren – wobei die ethnischen Wurzeln gegenüber den Blutsbanden und bestehenden bzw. zu erwartenden Besitzständen dabei ins Hintertreffen geraten: ",Wie kannst du nur so gutgläubig sein, Nadeshda. Dabei berichten die Zeitungen doch täglich über solche Leute. Immigranten, Asylwerber, Wirtschaftsflüchtlinge – nenn sie, wie du willst. Wenn sie es bis zu uns schaffen, sind sie wild entschlossen, und sobald sie merken, dass es nicht so einfach ist, einen guten Job zu finden, werden sie kriminell."
Lewyckas Debüt, das lustvoll mit Stereotypen hantiert, um diese sanft zu demontieren, und über einen mehrheitsfähigen Humor verfügt, wurde nicht nur in England allgemein akklamiert, sondern auch vom unterhaltungsskeptischen deutschen Feuilleton überaus wohlwollend aufgenommen. Mit der Rezeption von Lewyckas zweitem Roman "Caravan" – im englischen Original ("Two Caravans") im Frühjahr erschienen – hat es offenbar trotzdem keine Eile. Das mag auch daran liegen, dass hier die Tendenz zum Trivialen und zur programmatischen Konfektion deutlicher hervortritt.
Vordergründig wird Lewyckas Erzählen in ihrem zweiten Roman durch die Verbreiterung des Personals und die Auffächerung der Perspektiven (sogar ein in Versalien sprechender Hund kommt regelmäßig zu Wort) komplexer; die Geschichte um eine Handvoll, aus drei Kontinenten stammender Emigranten, die als Erdbeerpflücker in Kent den fadenscheinigen Glücksversprechen des Westens und ihrer Profiteure nachjagen, läuft in recht erwartbaren Bahnen und letztendlich auf die von Anfang an angelegte romantische Synthese zu. Irina, das naive und ein wenig dünkelhafte Professorentöchterl aus Kiew, und Andrij, der allenfalls grenzgalante Bergarbeitersohn aus Donezk, stammen nicht nur aus dem Westen respektive dem Osten der Ukraine, sondern repräsentierten auch die entsprechende prowestliche bzw. prorussische Orientierung: ",Irina, wir sind zwei Hälften des Landes', sagte er leise und leidenschaftlich. ,Wir müssen lernen, einander zu lieben.'"
Dass die, teils mit freundlicher Ironie (die polnische Vorarbeiterin in mittleren Jahren), teils mit ironischer Freundlichkeit (Emanuel, ein afrikanischer Teenager) gezeichneten Nebenfiguren im Laufe der aufs anstrengend programmatische Finale zulaufenden Handlung ein bisschen verlorengehen, zählt ebenso zu den Schwächen des Buches wie die mitunter ziemlich krude Mischung aus Kitsch, Kolportage, Klischees und Komik.
Manchmal ist "Caravan" tatsächlich charmant, manchmal nur drollig – etwa wenn die in absurd blumigen Elaborationen verfassten Briefe Emanuels an seine Schwester eingeschoben werden: "Heute Abend haben Andree und Toby Makenzi mir gezeigt, wie ich mich schützen kann gegen Orgasmen, die die tödliche Krankheit verursachen, indem ich meine aufrechte Männlichkeit mit einem Kondom bekleide, und damit kann ich der Fleischeslust frönen, ohne den sterblichen Preis zu zahlen." Und manchmal verschenkt er sein Potenzial auf allzu leichtfertige Weise.
Die mit Abstand stärkste Szene spielt auf einer "Farm", auf der Hühner unter grauenerregenden Bedingungen gehalten und in den industriellen Verwertungsprozess eingespeist werden. Die lakonische Beschreibung der Vorgänge – "Ein Knacken ist zu hören, und eins der Hühner dreht sich um sich selbst und baumelt mit flatternden Flügeln von einem ausgerenkten Schenkel" – hätte ausgereicht, den Leser zu erschüttern. Leider wird dann noch völlig überflüssigerweise eins draufgesetzt: "Er hat Bilder von den Verdammten in der Hölle gesehen, aber das war nichts im Vergleich zu dem hier." Und weil dem Leser eigene Empfindungs- und Erkenntnisfähigkeit nur in geringem Maße zugestanden wird, kriegt er gegen Ende des Romans auch noch in ukrainisch gebrochenem Deutsch serviert, was er wohl schon vor dessen Lektüre irgendwie geahnt hat: "Globalisierung der Wirtschaft ist ernste Sache."

Klaus Nüchtern in FALTER 50/2007



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