Teil der Lösung. Meridiane, Band 113

Ulrich Peltzer


Die Liebe in Zeiten des Prekariats

Was draußen geschieht, ist zunächst nur auf den Monitoren zu erkennen. Vor den Bildschirmen sitzen die Männer der privaten Sicherheitsfirma mit ihren Wurststullen. Sie werten die Bilder der Überwachungskameras aus. Keine besonderen Vorkommnisse. Bis eine clowneske Performancegruppe auftritt, die sich einen Spaß daraus macht, Passanten und Touristen auf die in den Ecken installierten Kameras hinzuweisen. Die Demonstranten halten Schilder hoch mit Aufschriften wie "Ich will mein Bild" oder "Schöner filmen". Ihre Aktion wird von den Sicherheitsmännern als Bedrohung der Hausordnung eingestuft, was sie zum Eingreifen zwingt. Wortgefechte, Rangeleien. Auch das ist auf den Bildschirmen zu sehen. Ulrich Peltzer führt so sein Thema und zugleich seine Methode vor. Der Mediengesellschaft ist nur beizukommen, wenn die Art und Weise, wie in ihr Wirklichkeit erscheint, literarisch nachgebildet wird.
Der Prolog spielt nicht zufällig am Potsdamer Platz in Berlin, wo das Sony-Center sich als Herrschaftszeichen des schönen, neuen, globalen Kapitalismus erhebt. Im einstigen Brachland des Kalten Krieges entstand eine neue Stadt der Konzerne, wo der öffentliche Raum nur noch eine Sonderform des Privatbesitzes ist und Bürger lediglich als Konsumenten erwünscht sind. Peltzers großer Roman "Teil der Lösung" könnte also auch "Berlin Potsdamer Platz" heißen, knüpft er doch sichtlich an Döblins "Berlin Alexanderplatz" an und übersetzt das historische Vorbild in die Gegenwart. Das ist bis in formale Einzelheiten hin deutlich: die vom Film übernommene Montagetechnik, die rasante Geschwindigkeit, die Gleichzeitigkeit der Ereignisse, die Vielfalt und Vielstimmigkeit der Figuren, die Widersprüchlichkeit der Lebensverhältnisse, die zerklüftete Wahrnehmung. Geändert aber hat sich mit dem repräsentativen Platz der Stadt auch die Gesellschaftsschicht, um die es geht. Proletariat und Kleinbürgertum, die Döblins Berlin der Zwanzigerjahre prägten, sind durch den akademischen Mittelstand ersetzt, der sich zwischen professoraler Bürgerlichkeit, bohemehafter Avantgarde und schlecht bezahlter Selbstständigkeit eingerichtet hat. Das "Prekariat" ist die für die Gegenwart signifikante Klasse.
Als Gelegenheitsverdiener schlägt sich auch der Journalist Christian Eich durchs Leben. Er schreibt Reiseführer fürs Berliner Umland oder kleine Restaurantkritiken, doch sein Interesse liegt auf einem anderen, ökonomisch uneinträglichen Gebiet: Er beschäftigt sich mit der Geschichte der Roten Brigaden Italiens oder vielmehr mit ihrer Gegenwart im Jahr 2003, in dem der Roman spielt. Die einstigen Terroristen Italiens wurden unter Mitterand im französischen Exil aufgenommen und fanden dort in bürgerliche Lebensverhältnisse zurück. Nun droht ihnen unter veränderten politischen Verhältnissen die Auslieferung und damit das erneute Abtauchen in die Illegalität.
Christian hält die ehemaligen Terroristen für "Irrläufer der Geschichte", die auf deren "erdabgewandter Seite" gelandet sind. Da sitzen sie fest, ohne dass die heutige Öffentlichkeit noch einen Begriff davon hätte, worum es ihnen einmal gegangen ist. Diese Ungleichzeitigkeit fasziniert ihn, vielleicht deshalb, weil er, der Mittdreißiger, seinen Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden hat; mit Professoren befreundet, die Bauernhöfe als Landsitz erwerben und ihre Stadtwohnungen mit antiquarischen Kostbarkeiten bestücken, gehört er selbst nicht zu diesem wohlbestallten neuen Bürgertum, lässt sich eher treiben und bewundert deshalb die Konsequenz der Terroristen, die, wie sinnlos auch immer, doch jedenfalls "gehandelt" haben. Der Romantitel spielt darauf an. Er zitiert Holger Meins mit dem keinen Mittelweg duldenden Spruch: "Entweder du bist ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung."
Bei einer Party lernt Christian die Studentin Nele kennen, die, wie man bald ahnt, zu der Performancegruppe im Sony-Center gehörte, einer autonomen Widerstandszelle, die sich zunehmend radikalisiert. Um gegen Fahrpreiserhöhungen zu protestieren, verkleben und zerstören sie Fahrkartenautomaten in einem U-Bahnhof, und bald geht die Gruppe dazu über, Brandanschläge auf Fahrzeuge zu verüben. Dabei werden sie jedoch von V-Leuten ausgespäht und geraten ins Visier des Staatsschutzes. Das Thema der Überwachung ist auf dieser Handlungsebene zentral, und es spielt auch in die sich langsam, dann aber umso heftiger entwickelnde Liebesbeziehung zwischen Nele und Christian hinein. Denn sie verschweigt ihm ihre illegalen Aktionen und setzt damit sein Vertrauen aufs Spiel.

Ulrich Peltzer, 1956 in Krefeld geboren und seit Mitte der Siebzigerjahre in Berlin lebend, zeigt sich in seinem fünften Roman auf der Höhe seiner literarischen Möglichkeiten. Seine Bücher wurden von der Kritik fast immer gelobt, galten aber in ihrer Ambitioniertheit als "schwierig". Peltzer, studierter Diplompsychologe, hatte sich auf die Darstellung des Bewusstseins spezialisiert, versucht, mit seiner Prosa die innere Wirklichkeit in jedem Augenblick mitzustenografieren. Er zeigte, wie aus sich überlagernden Wahrnehmungen, Erinnerungen und Reflexionen so etwas wie Subjektivität entsteht. Auf eine Handlung im konventionellen Sinn kam es ihm dabei bislang nicht an. Das ist in "Teil der Lösung" anders: Die Anstrengung avancierten Schreibens ist zurückgenommen, die Textoberfläche vergleichsweise glatt. Die Wahrnehmungsintensität kommt nun den Charakterzeichnungen und einem atmosphärisch dichten Gesellschaftspanorama zugute. Avantgarde kann auch entspannt und unterhaltsam sein.
Peltzer beweist, dass ein moderner Großstadtroman, der die Frage nach politischer Gewalt und organisiertem Widerstand verhandelt, auch als leidenschaftlicher Liebesroman erzählt werden kann. Intellektualität und Körperlichkeit, Reflexion und Begehren, Wissen und Wahrnehmung verstärken sich gegenseitig. Es gibt derzeit in der deutschen Gegenwartsliteratur keine ergreifendere Liebesgeschichte als die zwischen Nele und Christian, wie sie sich entdecken und zu verpassen drohen. "Teil der Lösung" ist aber auch als spannender politischer Kriminalroman lesbar, der auch die polizeiliche Ermittlungsebene abbildet, ohne dabei in schlichte Freund-Feind-Muster zu verfallen. Auch die Beamten erhalten ihre eigenen Geschichten und werden als lebendige, durchaus sympathische Figuren entwickelt. So entsteht ein breites und lebensechtes Wirklichkeitsbild, ein Berlinroman, der ganz sicher über die Saison hinaus Bestand haben wird.

Jörg Magenau in FALTER 50/2007



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