Pazifik Exil

Michael Lentz


Triptychon des Strandes

Das war die vielleicht größte Überraschung unter den deutschsprachigen Novitäten dieses Jahres: Michael Lentz, ausgewiesener Spezialist für die Sprachexperimente der Avantgarde, die auch in seinen bisherigen Arbeiten durchschienen, legt einen umfangreichen historischen Roman über deutsche und österreichische Autoren im kalifornischen Exil vor.
"Pazifik Exil", so der Titel des Romans, erinnert in seinem Aufbau an ein Triptychon. Auf der linken Tafel sehen wir Heinrich und Nelly Mann, die Feuchtwangers, Franz und Alma Werfel auf der Flucht aus dem besetzten Frankreich über die Pyrenäen nach Spanien. Die Szenerie erinnert an die oft und oft geschilderte Flucht Walter Benjamins: Stadtmenschen ohne jede Erfahrung mit dem Gebirge kämpfen sich am Rande der Erschöpfung auf Schleichwegen zur Grenze vor, getrieben von tödlicher Bedrohung. Wäre da nicht Varian Fry gewesen, jener amerikanische Journalist, der als Fluchthelfer so vielen Intellektuellen das Leben rettete, hätten die Flüchtlinge vermutlich nie das rettende Schiff erreicht. Aus der anderen Richtung, mit der Transsibirischen Eisenbahn, nähert sich Bert Brecht dem amerikanischen Exil.
Der Mittelteil des Triptychons wirkt wie ein Wimmelbild. Er hält den Alltag der Exilanten fest, zwischen denen beklemmende Spannung herrscht. Sie wissen, dass sie davongekommen sind, sie ahnen, dass sie zunächst einmal aufeinander angewiesen sind, aber sie können nicht aus ihrer Haut und einfach über die Konflikte hinwegsehen, die sie schon in Europa ausgetragen haben. Den schnöseligen Thomas Mann kann keiner ausstehen, sein Bruder Heinrich (dessen erotische Obsessionen nerven) nicht und auch nicht Arnold Schönberg, der misstrauisch die Entstehung des "Doktor Faustus" verfolgt, aber doch vor Rührung fast vergeht, als der "Zauberer" ihm seine Wagner-Platten vorspielt. Alma Werfel ist auch bei Lentz einfach nur peinlich, kaum macht sie den Mund auf, kommt dummes Zeug raus.
Und so weiter, und so fort: Liest man Thomas Manns Tagebücher aus der Zeit in Pacific Palisades, dann wundert man sich ja manchmal, auf welch hohem Niveau dort gelitten wurde, denkt man an die Verfolgten, die nicht fliehen konnten. Liest man nun aber Lentz, dann erklärt sich geradezu zwingend, warum hier die Nerven blanklagen: Es war die Kombination sozialer Enge verbunden mit der Angst vor einer Zukunft, in der man von seinen Lesern (oder Hörern) auf unabsehbare Zeit abgeschnitten sein könnte.
Das dritte Bild, der rechte Seitenflügel sozusagen, reicht weit in die Zeit nach dem Ende des Krieges und der Befreiung Europas. Es zerfällt in Sterbeszenen, nach und nach verlassen die alten Herren die Welt. Ein friedlicher, erstaunlich versöhnlicher Schluss, der den Abschied von einer ganzen Epoche inszeniert, die im Grunde schon 1933 zu Ende gegangen war.
Lentz hat für diese Bilder und ihr historisches Sujet eine ungewöhnliche Erzählweise erfunden. Es ist ein Sprachstrom, in dem ein anonymer Erzähler, innerer Monolog und direkte Rede fugenlos ineinanderfließen. Das hält die Geschichte in permanenter Schwebe, und wenn die einzelnen Szenen hart gegeneinandergeschnitten sind, stehen sie befreit von jeder chronologischen Ordnung nebeneinander. Der Text klingt kühl, distanziert sich oft durch trockenen Witz von den Figuren, ohne sie jemals zu diffamieren.

Kann ein Roman gerecht sein? Dieser Roman ist es (sieht man von der Figur der Alma Werfel ab), denn er ergreift für keine Fraktion der Exilanten Partei. Vor gar nicht langer Zeit wäre eine solche Souveränität schwer vorstellbar gewesen. Über Fragen des Exils konnte man nicht sprechen, ohne gleichzeitig mit moralischer Ambition darüber zu streiten, was es bedeutet hat, in Europa, speziell in Deutschland, auszuharren; wem sich überhaupt die Chance bot, zu fliehen; und wie die beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften mit den Exilanten unterschiedlicher Couleur umgingen.
Dass die Zeit über diese Debatten endgültig hinweggegangen ist, macht Lentz' Erzählweise unmissverständlich klar. Was von der Community des kalifornischen Exils überliefert und erforscht ist, dient ihm als höchst ergiebiger Steinbruch. Nur der Autor selbst – und einige Experten – werden unterscheiden können, welche Teile dieses Romans auf gesicherte Quellen und welche auf die literarische Fantasie zurückgehen. Im Grunde verfährt Lentz ähnlich wie Thomas Mann, dessen Romanen ja ebenfalls immense Stoffsammlungen vorausgingen, die sich dann in und mit der Fantasie des Autors vermischten. Dass sich gerade der strenge Schönberg über dieses Verfahren schrecklich aufregt, weil es seinen Ansprüchen an kompromissloses Künstlertum nicht gerecht wird, gehört zu den subtilen Pointen des Romans.
Aber wie kommt eigentlich ein Autor des Jahrgangs 1964 auf diesen Stoff? Dafür gibt es einen äußeren Anlass: Lentz wohnte als Stipendiat eine Zeitlang in Feuchtwangers Villa in Pacific Palisades. Das einstige Exil ist nun ein Fähnlein auf der Landkarte öffentlicher Literaturförderung. "Pazifik Exil" ist die souveräne literarische Reaktion auf alle Ambivalenzen, die diese Neubestimmung nach sich zieht. Indem Lentz seinen Stoff in der Form des Romans radikal enthistorisiert, setzt er den Roman des 21. Jahrhunderts selbstbewusst gegen seine großen Vorläufer im 20. Jahrhundert ab. Pacific Palisades bleibt erst einmal ein bedeutender Außenposten der deutschen Literatur.

Tobias Heyl in FALTER 50/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×