Das große Buch der österreichischen...

Andreas Tröscher, Matthias Marschik, Edgar Schütz


Gugl, Gruabn und Schnablholz

Was ist ein Schnabelholz? Wer war Franz Horr? Und wo erhebt sich der Rudolfshügel? Wer sich diese oder ähnliche Fragen jemals gestellt hat, gehört zur engeren Zielgruppe für das im einschlägigen deutschen Fachverlag Die Werkstatt unlängst erschienene "Große Buch der österreichischen Fußballstadien". Aber der von den Apa-Journalisten Andreas Tröscher und Edgar Schütz und dem Historiker Matthias Marschik herausgegebene Band ist nicht nur für Fußballfreaks eine Fundgrube. Natürlich sind Stadien zunächst aus Beton gegossene Erinnerungsspeicher für das an sich so flüchtige Fußballspiel. Aber so wie antike Ruinen von Glanz und Elend untergegangener Kulturen künden, lassen sich auch am Beispiel der heimischen Fußballstadien mehr als hundert Jahre österreichischer Sozialgeschichte, Politik, Architektur und Stadtentwicklung ablesen.
Obwohl gleich zu Beginn des großformatigen, reich bebilderten Bandes die vier österreichischen EM-Stadien behandelt werden, haben wir es nicht mit Euro-Propaganda zu tun. Eher im Gegenteil. Die anlässlich der EM in Innsbruck, Klagenfurt und Salzburg errichteten "Arenen" sind die mit Abstand uninteressantesten Stadien des Buchs: geschichts- und gesichtslose Zweckbauten, die aussehen, als wären sie im Fertigteilstadienhandel erworben worden. Die meisten der 73 (!) weiteren Stadien, die in dem Buch dokumentiert werden, sind zwar – wenn sie nicht überhaupt längst abgerissen wurden – weit davon entfernt, den modernen Sicherheitsbestimmungen der Uefa zu entsprechen; dafür aber hat jeder dieser Orte seinen ganz eigenen Charakter und eine Geschichte, die über den Fußball hinausreicht.
Das Buch behandelt alle Stadien und Plätze (in vielen Fällen ist das Wort "Stadion" nicht wirklich angebracht), die jemals Austragungsorte von Meisterschaftsspielen der obersten Spielklasse waren: vom Lindenstadion in Eisenstadt bis zur Birkenwiese in Dornbirn, von der Grazer "Gruabn" bis zur Linzer "Gugl". Weil die österreichische Meisterschaft bis in die Fünfzigerjahre eine rein Wiener Angelegenheit war, stellt die Hauptstadt auch beinahe die Hälfte der Stadien: Auf 32 Plätzen wurde oder wird in Wien erstklassiger Fußball gespielt, nur 13 davon existieren heute noch. Unter den "Überlebenden" befinden sich neben dem 1931 eröffneten und seither mehrmals umgebauten Ernst-Happel-Stadion (früher: Praterstadion), wo bei der Euro unter anderem das Finale ausgetragen wird, auch einige Stadien, die eine Renovierung dringend nötig hätten, dafür aber umso mehr Atmosphäre bieten.
Da ist zum Beispiel der WAC-Platz im Prater. Die Anlage an der Rustenschacher Allee, wo 1902 das erste Länderspiel (offiziell ein "Städtekampf" Wien-Budapest) stattfand, ist das älteste noch existierende Fußballstadion Wiens. Die Fußballsektion des Wiener Athletiksport Clubs (WAC) ist zwar seit der Fusion mit der Austria in den Siebzigerjahren nicht mehr existent, und auf dem WAC-Platz wird schon seit Jahrzehnten nur noch Hockey und Tennis gespielt. Aber die vom Unkraut überwucherte Stehplatztribüne aus den Zwanzigerjahren steht noch da und lädt den Flaneur zu einem Spaziergang in die Fußballsteinzeit.
Das größte Stadion nicht nur Wiens, sondern ganz Kontinentaleuropas war lange Zeit die Hohe Warte in Döbling. Das 1921 in den Hang unterhalb der Wetterstation gebaute Stadion ist nicht nur bis heute die Heimstätte der Vienna, des ältesten Wiener Fußballvereins ("First Vienna Football Club"), hier bestritt Anfang der Dreißigerjahre auch das legendäre "Wunderteam" seine Heimspiele. Dass sich in der riesigen Naturarena einst bis zu 85.000 Zuschauer drängten, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Aber die verwilderte Anlage, auf die sich heute nur selten mehr als ein paar Hundert Fans verirren, ist ein Ort von pittoresker Schönheit. Und beim Betrachten der historischen Aufnahmen von der einzigartig angelegten Arena kommt einem der Gedanke, dass die Hohe Warte der ideale EM-Schauplatz gewesen wäre. Der Aufwand wäre vermutlich gigantisch gewesen, aber Fußballeuropa hätte Augen gemacht. Obwohl, vielleicht ist es besser so. Mit dem romantischen Dornröschendasein wäre es dann nämlich vorbei gewesen.
Das älteste noch bespielte Stadion Wiens ist der Sportclub-Platz in Hernals: Die seit 1904 bestehende Anlage ist noch älter als der erst drei Jahre später gegründete Verein. Nicht nur der Sportclub, der heute in der drittklassigen Regionalliga spielt, auch das Stadion hat bessere Zeiten gesehen. Eine der beiden Stehplatztribünen ist seit längerem baupolizeilich gesperrt, auf der urigen Sitzplatztribüne ist das Dach undicht, und sogar die erst 1980 errichtete "Friedhofstribüne" (benannt nach dem an diese Stadionseite grenzenden Dornbacher Friedhof) müsste saniert werden. Den Fans, die den Sportclub-Platz zahlreich besuchen – die Zuschauerzahlen bewegen sich konstant im vierstelligen Bereich –, ist's nicht nur egal, sie lieben die Patina und schätzen die Enge eines Platzes, an dem man den Fußballern so nahe kommt, dass man sogar hört, wie sie schimpfen. (Der Autor dieser Zeilen wurde in den Achtzigern Ohrenzeuge des Dialogs zwischen einem Zuschauer und dem Sportclub-Stürmer Peter Pacult, der die Aufforderung, mehr zu laufen, mit einem saloppen "Renn söba, Deppata!" quittierte.)
Dabei sollte es den intimen Sportclub-Platz eigentlich längst nicht mehr geben. Anfang der Zwanzigerjahre wollte der Sportclub übersiedeln und ums Eck – auf dem Gelände des heutigen Kongressbads – ein neues, größeres Stadion errichten; das Projekt scheiterte aus finanziellen Gründen. Zur selben Zeit kursierten in Wien auch Pläne für eine gigantische Stadionanlage in Schönbrunn. Nach dem Vorbild des Londoner Wembleystadions sollte oberhalb der Gloriette ein Stadion für 100.000 Zuschauer samt Pferderennbahn errichtet werden. Auch dieses Vorhaben erwies sich als unfinanzierbar. "Die Sache ist und bleibt unrentabel, und wenn jeder Besucher des Stadions zehn Krügel trinken müsste", fasste das Illustrierte Sportblatt zusammen. Stattdessen wurde später das Praterstadion gebaut, während sich an dem für das Schönbrunner Stadion vorgesehenen Platz heute die Maria-Theresien-Kaserne befindet.
Die größte Faszination geht von jenen Plätzen aus, die es nicht mehr gibt. Zahlreiche solcher lost grounds werden in dem Buch noch einmal heraufbeschworen. In einigen Fällen sind nicht nur die Stadien, sondern auch die dort einst beheimateten Vereine längst Geschichte. Aber auch die ursprünglichen Spielstätten der Wiener Großclubs Rapid und Austria sind vom Erdboden verschwunden. Auf der gefürchteten Pfarrwiese in Hütteldorf, wo Rapid zwischen 1912 und 1976 seine Heimspiele austrug, befindet sich heute eine Tennisanlage. Der "Roar", den die Fans von der Pfarrwiese verbreiteten, hatte Elias Canetti in der Zwischenkriegszeit zu seinem philosophischen Hauptwerk "Masse und Macht" inspiriert. 1976 übersiedelte Rapid ins ein paar Hundert Meter weiter errichtete Weststadion; das vom früheren Rapidspieler Gerhard Hanappi entworfene Stadion musste wegen Baumängeln allerdings kurz nach der Eröffnung wieder geschlossen werden, und Rapid kehrte für sechs allerletzte Spiele auf die Pfarrwiese zurück.
Die Austria wiederum war von 1912 bis 1928 – der Verein hieß damals noch Amateure – in Ober St. Veit zuhause; seit den Siebzigerjahren befindet sich auf dem Areal an der Auhofstraße eine Wohnhausanlage. Übrigens stammt auch das Horr-Stadion, wo die notorisch heimatlose Austria in den Achtzigern sesshaft wurde, aus den Zwanzigerjahren. Es wurde von tschechischen Einwanderern, den sogenannten "Ziegelböhmen", 1925 als Ceské-Srdce-Platz (Tschechisches-Herz-Platz) eröffnet. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich die Geschichte der Stadt in der Geschichte der Stadien abbildet.

Noch Fragen? Ach ja: Schnabelholz heißt jener Ortsteil der Vorarlberger Gemeinde Altach, in dem das Stadion des dortigen Bundesligavereins steht. Franz Horr war Präsident des Wiener Fußballverbands (WFV); nach seinem Tod 1974 wurde der seit den Sechzigerjahren vom WFV betriebene "Verbandsplatz" in Franz-Horr-Stadion umbenannt. Der Rudolfshügel schließlich ist eine kleine Erhebung im Süden Favoritens; der gleichnamige Verein wurde 1902 gegründet und eröffnete an der Ecke Laxenburger Straße/Troststraße 1909 den Rudolfshügel-Platz, der 1928 Gemeindebauten weichen musste. Im "Großen Buch der österreichischen Fußballstadien" hat auch dieser untergegangene Platz seine letzte Ruhestätte gefunden.

Wolfgang Kralicek in FALTER 49/2007



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