Leben als Konflikt. Zur Biographie Alexander Mitscherlichs

Martin Dehli


Alexander Mitscherlich zählte zu den Lichtgestalten der alten Bundesrepublik. In den Sechzigerjahren lieferten seine Bücher den Deutschen jene Begriffe, die sie brauchten, um in eine vernünftige Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu treten: die Unfähigkeit zu trauern, die vaterlose Gesellschaft. Aber schon kurz nach seinem Tod 1982 wurde es vollkommen still um ihn. Bezeichnend, dass ihn nun die Historiker wieder ins Gespräch bringen. Mitscherlichs Werk selbst hat den Anschluss an die Gegenwart verloren.
Martin Dehli legt den Schwerpunkt seiner biografischen Studie auf die frühen Jahre. Anders als er es später selbst darstellte, war Mitscherlich ein Anhänger der konservativen Revolution und wurde von den Nationalsozialisten nicht als Republikaner, sondern als Nationalbolschewik inhaftiert. Atemberaubend, wie gerade er, eine nationale moralische Instanz, in diesem und vielen anderen Punkten seine Biografie später zurechtgebogen hat. Dehli aber geht es nicht um spektakuläre Entlarvung, sondern um die viel interessantere Frage, ob nicht gerade so ambivalente Figuren wie Mitscherlich besonders qualifiziert waren, die Auseinandersetzung mit der antidemokratischen Vergangenheit voranzutreiben. Und er rückt Mitscherlichs Zivilisationskritik in die Kontinuität konservativer Kulturkritik, die später von der Linken adaptiert wurde, ohne dass sie sich dieser Wurzeln bewusst gewesen wäre.

Tobias Heyl in FALTER 49/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×