Die Wissenden

Mircea Cartarescu, Gerhardt Csejka


Der Osten hat uns zerstört

Mircea Cartarescu ist kein Kind von Bescheidenheit. Der 1956 in Bukarest geborene Prosaautor, Lyriker und Essayist hat bis jetzt nicht weniger als 25 Bücher veröffentlicht. In dem soeben erschienenen Essayband "Europa hat die Form meines Gehirns" (2007) steckt er die Koordinaten seines Europa folgendermaßen ab: "Was war Europa für Rimbaud? Ein feuchter Tümpel, wo sein trunkenes Schiff im reaktionären, chauvinistischen Schlick stranden musste. Mallarmé wünschte sich, weit weg zu rennen, nachdem er zunächst alle Bücher zu lesen versucht hatte, um die Traurigkeit seines Fleisches zu lindern."
Die Liste der Referenzen reicht von Homer bis Dante, von Rabelais bis Kafka, von Bulgakow bis Virginia Woolf. Cartarescus von apokalyptischen Metaphern durchsetztes Schreiben ist dennoch alles andere als papieren: Die übliche Einteilung, in der Westeuropa für Wohlstand, Zivilisation und Kultur und Osteuropa für ein dreifaches Chaos steht, wirbelt er gehörig durcheinander.
Während sein deutschsprachiges literarisches Debüt mit dem Prosaband "Nostalgia" (1997) noch fast unbeachtet blieb, wurde den Gedichten "Selbstporträt in einer Streichholzflamme" (2001) immerhin attestiert, "zwischen Kurt-Cobain-mäßigem Grunge und barocker Üppigkeit" situiert zu sein. Mittlerweile überschlagen sich nicht nur die Rezensenten: Ab kommendem Frühjahr erscheinen bei Suhrkamp Cartarescus frühe Romane, die Rechte auf sein Hauptwerk, die 1500 Seiten lange "Orbitor"-Trilogie hat sich der Wiener Zsolnay Verlag gesichert. Deren erster Band, "Die Wissenden", wurde kürzlich in der Alten Schmiede präsentiert und begeisterte das zahlreich erschienene Publikum mit Sätzen wie diesem: "Ein Maikäfer knallte ihm schwer wie ein kupfernes Geschoss gegen die Lippen."

Falter: Was ist eigentlich Ihr Lieblingsplatz in Rumänien?
Mircea Cartarescu: Ich komme aus Bukarest, also aus dem Süden, und ich habe den Norden des Landes nie besonders beachtet. Der war vom Rest Rumäniens jahrhundertelang abgeschnitten, unter österreichisch-ungarischer Herrschaft. Vor fünf Jahren habe ich eine Transsylvanierin geheiratet – und mit ihr einen der schönsten und zivilisiertesten Teile des Landes entdeckt, der sich außerdem schneller als der Rest entwickelt. Wegen der Deutschen, die in den Siebzigerjahren von dort weggingen und jetzt zurückkommen, sind die Investitionen dreimal höher als sonstwo. Ich war kürzlich in der Kulturhauptstadt Sibiu – für rumänische Standards ein erstaunlicher Ort. Die Stadt ist renoviert und sauber, der Bürgermeister, ein Deutscher, hat ein Wunder vollbracht. Der Rest Rumäniens ist mehr oder weniger ruiniert.
Sie meinten in einem Essay,
EU-Skepsis sei ein Luxus, den sich Rumänien nicht leisten könne.
Was bringt eine Kulturhauptstadt wie Sibiu?
Es ist eine große Chance für Rumänien. Ich weiß nicht, wie es für Österreich ist, EU-Mitglied zu sein, aber für uns, die wir zwischen verschiedenen Imperien zerrieben wurden, ist es die einzig vernünftige Wahl. Wir können ja auch nicht allein bleiben, und uns dem Osten zuzuwenden geht nicht. Der Osten hat uns zerstört, und wir sind noch immer davon traumatisiert. Die EU ist ein unerwartetes Geschenk, das uns der Westen gemacht hat, das wir aber eigentlich nicht verdient haben.
Wie sieht die Zukunft von Bukarest aus, das einmal das "Paris des Balkans" genannt wurde? Es gibt einen Ring neuer internationaler Niederlassungen rund um die Stadt, während das Zentrum immer mehr verfällt – wobei ich nicht diesen
idiotischen Palast meine.
Der ist wirklich nicht das Problem. Die Wohnhäuser sind das Problem: 30.000 Apartmentblocks aus kommunistischer Zeit sind komplett baufällig. Man kann sie nicht einfach abreißen, sie werden vermutlich die nächsten hundert Jahre dastehen und diese Stadt auch in Zukunft zu einer der hässlichsten in ganz Europa machen. Der totale Verkehrskollaps rückt immer näher. Wir haben eine enorme Luftverschmutzung, und es gibt die Angst vor Erdbeben. Das größte Problem aber ist die Qualität der Menschen.
Was meinen Sie damit?
Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Süden Rumäniens und dem Rest des Landes. Die Menschen aus der Walachei sind etwas, hm, Besonderes. Die meisten von ihnen sind sehr schlecht ausgebildet, und sie haben eine unangenehme Art, mit anderen Menschen umzugehen. Sie brüllen ständig herum, fluchen und sind fürchterlich grob. Das ist die Realität, die ich jeden Tag erlebe.
Das klingt aber nicht nach jener
Liebeserklärung an Bukarest, die ihr Roman doch eigentlich auch ist.
Ich habe die Nase voll von Bukarest. Die nächsten Jahrzehnte möchte ich an zivilisierteren Plätzen verbringen.
Ihre Romantrilogie ist aber auch eine Geschichte Rumäniens vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Milan
Kundera hat einmal am Beispiel des französischen Lyrikers Paul Éluard das Problem Dichter und Diktatur abgehandelt. Eluard reiste in den 1950er-Jahren ins kommunistische Bukarest und begeisterte sich an den Volkstänzen. Der Dichter ist gleichsam mit dem Volksganzen verschmolzen. Die Liste vergleichbarer Fälle reicht von Lorca über Benn bis zu Majakowski.
Louis Aragon und André Breton gehören auch dazu. Dichter sind emotionale Leute, die durch extreme Dinge im Leben leicht zu verführen sind. In der Zwischenkriegszeit waren deshalb einige sehr links, andere extrem rechts. Der Großteil der rumänischen Avantgarde waren Kommunisten, auch unsere Surrealisten. Sie träumten von einer surrealistischen Revolution und hielten die Kommunisten für ihre natürlichen Verbündeten – eine tragische Konfusion. Ich glaube, sie waren Idealisten, die sich von Wörtern wie "Brüderlichkeit" und "Gleichheit" verführen ließen. Erst später haben sie verstanden, dass sich dahinter die imperialistischen Gelüste der Sowjetunion verbargen.
Und die Gegenseite?
Wir haben auch den entgegengesetzten Typ – sowohl unter Prosaautoren wie unter Lyrikern. Mircea Eliade, Emile Cioran und zahlreiche andere, die klügsten Köpfe Rumäniens, waren damals Faschisten oder Verbündete der "Eisernen Garden"! Ich lese gerade das Tagebuch von Mihail Sebastian über die 1930er-, 1940er-Jahre: Cioran, Eliade, Nae Ionesco, Ion Barbu – allesamt Antisemiten! Unser Nationaldichter Eminescu war auch einer. Es gab praktisch niemanden in der Mitte.
Es fehlt sozusagen ein Thomas Mann?
Richtig. Es gab in Europa praktisch niemanden, der bei klarem Verstand blieb – mit Ausnahme von Leuten wie George Orwell, der vorher Kommunist war, dann aber seine Gesinnung änderte. Im Fall Rumäniens ist das Panait Istrati. Er hat ein großartiges Buch über die UdSSR als riesiges Gefängnis geschrieben.
Wie sah das zu Ihrer Zeit, in den Siebzigerjahren, aus?
Wenn Sie die Politik meinen – Ceausžescu war selbst Antisemit. Aber das ist für Ausländer schwierig zu verstehen, denn die rumänische Kultur war eine der freiesten im Ostblock. Nur in einer kurzen Periode, in den Fünfzigerjahren, gab es keine ausländischen Bücher, und eigentlich wurde auch nichts geschrieben. In den Siebzigern, als ich studierte, wurde praktisch alles, was es im Westen gab, auch bei uns veröffentlicht: nicht nur Literatur, auch Kritik, Philosophie. Ceausžescu wollte Moskau zeigen, wie liberal er ist, und wurde vom Westen heftig akklamiert. Erst in den Achtzigern wurde es schlimm – das begann mit der Wirtschaft, die Waren wurden knapp, es gab kein Gas und keine Bücher. Und die Zensur wurde sehr stark.
Wie steht es mit der Aufklärung über das Blutbad, das zur Zeit der Revolution angerichtet wurde?
Die rumänische Revolution ist bis heute unsere Obsession. Der dritte Teil meines Buches handelt von dieser vorgespielten Revolution, die nichts als ein Staatsstreich war, in dem die zweite Reihe der Kommunisten ihre erste Garde aus dem Weg räumte. Es war eine TV-Show für den Westen, die in Wirklichkeit die Ermordung von tausend Menschen camouflierte. 15 Generäle, die Schießbefehl gegeben hatten, wurden verurteilt und sitzen noch immer im Gefängnis, aber die wirklich Verantwortlichen sitzen als Senatoren oder Abgeordnete im Parlament. Die Mitglieder der früheren Nomenklatura sind jetzt unsere Millionäre, sie besitzen Zeitungen und Fernsehstationen.
Gab es in Rumänien eigentlich auch eine Diskussion über Geheimdienstmitarbeit wie in Deutschland? Hat Ihnen die Securitate keine Angebote gemacht?
Jeder hat diese Erfahrung gemacht. In der DDR war jeder Fünfte ein Informant. Bei uns war es genauso: Ich wurde von Polizeioffizieren kontaktiert und gefragt, ob ich ihnen Informationen gebe. Es war schwierig, einfach Nein zu sagen. Man musste freundlich sein: "Wissen Sie, ich weiß überhaupt nichts, ich bin ein einfacher Dichter und sitze die ganze Zeit zuhause." Sie haben mich in Ruhe gelassen. Kollaboriert wurde aus unterschiedlichen Gründen: Einige wurden erpresst, weil sie zum Beispiel schwul waren, oder es wurde damit gedroht, eine notwendige medizinische Behandlung abzubrechen. Die meisten aber, die kollaborierten, taten es aus finanziellen Gründen. Das wurde mittlerweile einer ganzen Reihe von demokratischen Intellektuellen, aber auch Priestern, nachgewiesen.
Wer war der "böse Geist" der Securitate, der Mastermind?
Den gab es nicht. Der Geheimdienst war der Partei und Ceausžescu persönlich unterstellt. Der war der böse Geist hinter allem, und natürlich seine Frau.
Ceausžescu wurde öfter als "Dracula" und Vampir dämonisiert – was soll
eigentlich dieser ganze Dracula-
Tourismus im heutigen Rumänien?
Es gibt in der rumänischen Tradition keinen Dracula. Er wurde von Bram Stoker erfunden. Dracula war für uns immer nur Kitsch, der – wie der Dracula-Wodka – nur für die Ausländer da ist.
Ich wollte mit der Frage zu Ihrem Roman zurückkehren: Sie haben da eine Menge an slawischer und rumänischer Folklore synthetisiert: Da kämpfen Engel und Dämonen in einer Sturmflut von Metaphern, was aber auf Kosten eines eindeutigen Plots geht.
Wenn ich schreibe, habe ich ein Insektenauge, ich sehe das Ganze nicht. Es gibt nur die Wörter, die ich im Moment verwende, und deren Chemie ist das Wichtigste für mich: ob die Intonation, die Musik eines Satzes stimmt, wie sich ein archaischer Ausdruck mit einem modernen Wort spannungsvoll verbinden lässt. Das Rumänische ist eine äußerst vielschichtige Sprache!
Sie haben eine Reihe von Essays über die literarischen Säulenheiligen des 20. Jahrhunderts geschrieben – Joyce und Proust müssten Ihnen schon allein vom Umfang her naheliegen. Wer steht Ihnen näher?
Das ist einfach zu beantworten: Musil.
Den Sie als eine Art Prinz Hamlet der europäischen Kultur bezeichneten. Im "Mann ohne Eigenschaften" gibt es aber trotz aller "tagheller Mystik" einen ganz klaren Plot: die Satire der "Parallelaktion".
Es gibt zahlreiche Plots. Der berühmteste, an den die Kritiker meist nicht denken, ist die Geschichte dieses Massenmörders.
Moosbrugger.

Erich Klein in FALTER 49/2007



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