Die Movo-Tapes. Eine Karriere als anderer. Roman

A. F. Th. van der Heijden


Sophokles im Pornoladen

Das – im Übrigen ziemlich hübsche – Cover ist ein guter Witz: Über dem seltsamen Titel, "Die Movo-Tapes", steht nicht mehr als: A.F.Th. Es sind die Initialen der Vornamen eines Autors, der nicht nur über einen der längsten Namen der Gegenwartsliteratur verfügt, sondern auch an einem Werk schreibt, das an Ambition und Umfang seinesgleichen sucht: Vor einem guten Jahrzehnt hat Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden sein insgesamt 3500 Seiten umfassendes Prosalabyrinth "Die zahnlose Zeit" beendet, das seit vier Jahren auch vollständig in deutscher Übersetzung auf dem Markt ist. Nun legt er den 762 Seiten starken "Band 0" des auf insgesamt acht Teile angelegten Zyklus "Homo Duplex" vor, der den Ödipusmythos in die Niederlande der Gegenwart transferiert.
Dass dieses gewaltige Unterfangen scheitern oder aus dem Ruder laufen könnte, scheint unwahrscheinlich: ",Die zahnlose Zeit' ist viel intuitiver entstanden, und die Struktur kam erst hinterher, wohingegen sie bei ,Homo Duplex' schon da war, noch bevor irgendetwas davon publiziert wurde", verriet der Autor dem Falter 2003 in einem Interview, in dem er auch Auskunft über seine Schreibmethode gab: "Ich hatte einen guten Einfall für Band drei, dann wusste ich plötzlich, wie alles enden sollte, habe also sofort an Band sieben geschrieben und bin dann wieder zu Band zwei zurückgegangen."
Wenn es stimmt, dass die niederländische Literatur nichts ist als "selbstgewählte Kargheit, die bis ins Liebesleben hineinreicht", wie es in den "Movo-Tapes" einmal heißt, dann ist der aus dem überwiegend katholischen Nordbrabant stammende van der Heijden der lebende Gegenbeweis: Barocker geht's nimmer! Die Lust am Reichtum des Materials manifestiert sich schon in den Namen: Ein gewisser Cankrien verfügt gleich über einen ganzen Schüppel an Spitznamen (King Kongsi, Orang Liplap, Quizz ...), und einer Nebenfigur hat der Autor sogar drei Buchstaben mehr zugestanden, als er selbst im Namen führt: An Walravinne Wendalijne Baronin de Balbian Verster demonstriert deren Gatte dem Protagonisten, Tibbolt Satink, die Feinheiten verblühender weiblicher Physis: "Ihre Brüste waren noch nicht zu Klingelbeuteln verkommen. Zwar afrikanisch langgereckt, aber sie lagen nach wie vor schwer in der Hand. Die Warzen richteten sich in all ihrer Gegerbtheit werbend auf, mit leicht kraftloser Koketterie."
Der Körper ist – wie bei einem genuin barocken Autor nicht anders zu erwarten – ein Exerzierfeld von Lust, Gewalt, Schmerz, Tod und Verfall. Van der Heijden inszeniert sein Splattermovie sämtlicher zur Verfügung stehender Körpersäfte in Cinemascope und ohne Rücksichtnahme auf den guten Geschmack: Über den Einfluss von Fettverdauungshemmern auf den Stuhlgang erfährt man mehr, als manchem Leser wohl lieb ist; das headfucking, das eine Separatistenorganisation der Hell's Angels am Königinnentag 1992 zu veranstalten gedenkt, scheitert an der Überhitzung des Gleitmittels, was drastische Auswirkungen auf die Visage des schönen Thierry hat; und Tibbolt, der seine Existenz allem Anschein nach einer ejaculatio praecox während der Dreharbeiten zu einem Lederhosenporno verdankt, kommt durch einen qua Unfall herbeigeführten Kaiserschnitt ausgerechnet am ersten autofreien Sonntag (dem 4. November 1973) zur Welt, nachdem seine Mutter den Wagen eines auf Zirkus- und Jahrmarktssegnungen spezialisierten Geistlichen frontal gerammt hat.
Bildgewaltig und bizarr tobt sich van der Heijden aber nicht nur in solchen detailreichen und beziehungsschwangeren Tableaus aus, er dreht auch ein Stück antiker Mythologie durch den Fleischwolf seiner Imagination, wobei vieles vorerst mehr angedeutet als ausgeführt wird. Allem Anschein nach ist Tibbolt der Sohn des am 13. Oktober 1955 geborenen (van der Heijden liebt das Spiel mit exakten Datierungen, die sowohl fiktive als auch reale Ereignisse miteinander in ein chronologisches Raster bringen) Tonnis Momberg, der durch seinen bereits erwähnten Auftritt als Pornodarsteller seine vielversprechende Karriere als "Rotterdamer Antwort auf Johann Cruijff" vergeigt. Die Rolle des Beleuchters bei dem illegalen Dreh – eins der Mädchen ist noch minderjährig – übernimmt niemand Geringerer als Gott Apollo, der seinen klingenden Namen allerdings an die Nasa verhökert hat und deswegen mit QX-Q-8 vorliebnehmen muss – der Serienbezeichnung jener Überwachungskamera, die in einem der folgenden Bände vermutlich noch eine bedeutende Rolle spielen wird.
Die Movo-Tapes" sind jene unzähligen Tonbandkassetten, die Tibbolt während stundenlanger Fahrten im schnittigen Sportwagen (2933 ccm, 250 PS) bespricht, immer mit dem Ziel, sich endlich in den von ihm selbst erfundenen Movo zu verwandeln, dem er dann den eigenen Tod umhängen will, um so der Endlichkeit allen Seins ein Schnippchen zu schlagen. "Eine Karriere als anderer" lautet denn auch der Untertitel des Romans, der – von van der Heijdens kongenialer Übersetzerin in ein hochartifiziell bodennahes Deutsch gebracht – Ausdruck einer einzigen metaphysischen Anmaßung ist: "Irgendwann, irgendwann werde ich ihn in Movos frecher Gestalt organisieren und ausrufen: einen weltweiten Streik gegen die Bedingungen auf der Erde, das erbärmliche Leben, den Menschen als ,ewig Betrogenen des Universums' ... gegen die Verarschung, dass wir überhaupt da sind ..."
Hier wird nicht nur mächtig gekleckert, hier wird auch geklotzt. Hier begibt sich einer nicht bloß in die Unterwelten sozialer Subsysteme, um deren Feinmechanik zu studieren, hier geht einer noch einmal aufs Ganze und will als Atlas der Gegenwartsliteratur den ganzen Globus stemmen. Das funktioniert hier naturgemäß nur mit Sprache, aber die ist in jeder Hinsicht dermaßen dick aufgetragen, dass es aussichtslos erscheint, je auf etwas zu stoßen, was dahinterläge: "Die Rätsel, die die Welt uns aufgibt, sind Metaphern, genauso wie die Antworten, die wir zurückpfeffern. (...) Um den eigentlichen Sinn des Daseins freizulegen, müssten wir diese Metaphern aufbrechen. Vergebliche Liebesmüh. Sie sind dick und vielschichtig wie die Erdkruste selbst."

Klaus Nüchtern in FALTER 49/2007



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