Morgen war schon

Guy Helminger


Tragikomisch

Feltzer ist in erster Linie ein Choleriker mit komischem Vornamen. Seine Frau Louise ist in erster Linie langsam. Sehr langsam. Sie sitzt auf dem Sofa, zwischen Reiseführern und Fotobänden von fernen Ländern, während ihr Mann auf der Pferderennbahn ihre gesamten Ersparnisse verwettet, Fahrgäste aus seinem Taxi wirft und manchmal nur für seine Handvoll Stoffgiraffen auf der Rückbank durch die Kölner Innenstadt kurvt. Die Figuren und Situationen, die Guy Helminger in seinem ersten Roman vorführt, sind seltsam, komisch und grotesk. Man kann sich auf hohem Niveau amüsieren. Beispielsweise über Claudia, die für Feltzer Taxi fährt und den Rest der Zeit manisch durch die Supermärkte zieht, um Lebensmittel zu finden, die genau an ihrem Geburtstag ablaufen. Oder über ihren Freund, Klischeekünstler, der die Ermordung seiner eigenen Eltern erfindet, um sich interessant zu machen. Aber dann gibt es echte Tote. Und der skurrile Kosmos kippt nach und nach ins Tieftraurige.
Schon in seinem Erzählband "Etwas fehlt immer" hat Helminger gezeigt, dass er bei aller Originalität auch den melancholischen Ton drauf hat. Hier nun treibt er die Spannung zwischen Tragik und Komik auf die Spitze. Seinen Sprachstil entwickelt er konsequent weiter: Auch "Morgen war schon" lebt von allgegenwärtigen Lichtmetaphern, in ihrer inszenierten Grobheit fein gearbeiteten Dialogen und Alltagsbeschreibungen. Der Roman will viel: Im Mittelpunkt steht die letztlich bittere Geschichte der Geburt von Feltzers und Louises erstem Kind. Gleichzeitig entwirft das Buch ein detailliertes Köln-Panorama der jüngsten Gegenwart: Über allem schwebt der Papstbesuch.
Wie nebenbei erzählt Helminger in zahlreichen Handlungssträngen auch noch mehrere Generationen Familiengeschichte. Und das kann er: Immer so ausführlich wie nötig, so fragmentarisch wie möglich. Und verdammt relevant. Weil er dem realistischen Erzählen einen neuen Sound, eine neue Form gibt. Wie es möglich ist, dass die Frankfurter-Buchpreis-Jury einen derart guten und wichtigen Roman mit völliger Ignoranz straft, ist unbegreiflich. Die können froh sein, dass der cholerische Feltzer nur im Roman existiert: Er hätte den Juroren sicher eins auf die Schnauze gegeben.

Martin Becker in FALTER 49/2007



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