Hot Topic. Popfeminismus heute

Sonja Eismann


Ganz schön heiß

Sonja Eismann dreht ihr Handy auf lautlos. Ausschalten wäre momentan schwierig, schließlich beginnt am nächsten Tag die zweiwöchige Lesereise, auf der Eismann ihre eben erschienene Textsammlung "Hot Topic – Popfeminismus heute" vorstellt, und sie muss noch ein paar Dinge telefonisch abklären. "Blöderweise hab ich heute den ganzen Tag herumgetrödelt, dauernd E-Mails angeklickt und YouTube-Videos angeschaut", begründet die Wahlwienerin ihre momentane Stresssituation und grinst. Kokett. In Anbetracht ihres umtriebigen Lebens als Comiczeichnerin, Journalistin, Unidozentin und neuerdings eben auch Herausgeberin eines popfeministischen Readers wird schnell klar, dass sie sonst nicht allzu viel ihrer Zeit verplempert.
Geboren in Heidelberg am 8. März 1973, dem internationalen Frauentag, wurde Eismann das Interesse für Feminismus quasi in die Wiege gelegt. Doch vor allem die frühe Konfrontation mit den Werken von Olympe de Gouges und Simone de Beauvoir, die sie dank ihrer Mutter schon in der Schultasche bei sich trug, legte den Grundstein für eine brennende Leidenschaft, die sie bis heute nicht loslässt. "Ein Bewusstsein dafür, dass es Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern gibt, hatte ich damals schon, nur konnte ich es noch nicht labeln", sagt Eismann. "Das kam erst in Wien." Zum Literaturstudium verschlug es sie Mitte der Neunzigerjahre in die Hauptstadt. Ausgestattet mit flammendem Interesse für politische Popkultur und durch "Do It Yourself"-Kultur zum eigenen Handeln angespornt, dauerte es auch nicht lange, bis sie hier auf Gleichgesinnte stieß. Mit Südtiroler Freunden gründete sie das halbjährlich erscheinende Comicheft Murmel, das sich mit amüsanten Bildgeschichten in liebevoller Detailarbeit jeweils Themen wie "In der Küche" oder "Pleite" annimmt. 1998 begann sie mit ihrer Freundin, der FM4-Mitarbeiterin Ute Hölzl, in Sachen feministischer Popkultur selbst aktiv zu werden. Ihre Sendung "Orangina" auf Radio Orange 94.0 und das Fanzine Annikafish stellten dabei auch den Startschuss zur journalistischen Karriere dar.
Schon damals galt ihr Ansatz dem Zusammendenken von Feminismus und Popkultur. "Hauptsächlich ging es im Heft um Schönheitsterror und Feminismusphobie, aber auch humoristische Texte über die Unmöglichkeit von Männersandalen oder ‚Beverly Hills 90210'-Tratsch hatten wir drinnen", sagt Eismann und erzählt von der damals aufkeimenden neuen feministischen Szene in Wien, die sich mit einer Alice Schwarzer als Role-Model nicht mehr so ganz hätte identifizieren können. "Im Gegensatz zu anderen Städten im deutschsprachigen Raum gab und gibt es in Wien eine sehr starke feministische Community. Anders als in Berlin, wo die Szene viel abgeschlossener ist, beschäftigen sich hier viele Leute ohne Berührungsängste auf positive Weise damit."
Nichtsdestotrotz bewog Eismann 2002 ein Jobangebot als Redakteurin beim deutschen Popmusikmagazin Intro zum Umzug nach Köln, wo sie sich die nächsten vier Jahre leidenschaftlich vorwiegend "ihrem" Thema, nämlich Frauen im Musik-, Film- und Literaturbereich widmen konnte. So ganz wollte Wien sie aber nicht loslassen. Es komme ihr vor wie eine pathetische Liebesgeschichte mit der Stadt, sagt sie: "Auch wenn wir getrennt sind, können wir nicht voneinander lassen."
Obwohl neuerdings in Berlin stationiert, ist es also kein Wunder, dass Frau Eismann in letzter Zeit wieder häufig in Wien anzutreffen ist. Einerseits leitet sie nämlich an der Angewandten ein Seminar zum Thema "Radical Crafting", in dem es darum geht, "Handarbeit der antifeministischen Aura zu entreißen und sie durch politische Aufladung neu zu codieren". Andererseits hat sie hier auch den eingangs erwähnten Reader "Hot Topic" mit 28 Texten über Frauen zwischen Feminismus und Pop, Prekariat und Boheme fertiggestellt. Darin erzählen Kolleginnen aus Eismanns erweitertem Netzwerk über ihre persönlichen Lebenswelten – vom bewegenden Essay über anorektische Selbstaufgabe bis zur köstlichen Liebeserklärung an Altrocker Lemmy Kilmister – und zeigen, dass Feminismus kein abstraktes Konzept ist.
"Es gibt diese Community, die sich nicht den Kopf darüber zerbricht, ob Feminismus bedeutet, dass man sich leider nicht die Beine rasieren ‚dürfe', sondern lieber darüber, feministische Veränderung zu bewirken und dabei viel Spaß zu haben", sagt Eismann, noch bevor das Vibrieren ihres Mobiltelefons das Gespräch unterbricht. Es täte ihr leid, sie müsse jetzt los, Tourvorbereitungen und so. Schließlich hat die Frau brennende Themen, die unters Volk müssen.

Florian Obkircher in FALTER 48/2007



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