Töchter des Krieges. Überleben in Tschetschenien

Susanne Scholl


Trümmerfrauen

Tschetschenen machen in Österreich in den letzten Jahren den höchsten Anteil an anerkannten Asylwerbern aus. In ihrer kaukasischen Heimat leiden sie nach wie vor unter sogenannten antiterroristischen Operationen. Das sind "Säuberungen" durch russische Militärs, die das Russland Putins nicht unter Kontrolle hat, oder aber durch Kriegsgewinnler im Umfeld der moskautreuen Führung von Tschetscheniens Präsident Ramsan Achmatowitsch Kadyrow. Viele Tschetschenen sehen die Flucht nach Europa als einzigen Ausweg: Ihre Häuser sind vielfach zerbombt, die Männer und Söhne sind entweder tot oder leben im Untergrund, nachdem sie gegen Lösegeld freigekauft wurden, und die Frauen und Töchter wurden vergewaltigt.
Die Medien berichten spärlich über den Alltag in der Krisenregion, denn die freie Recherche ist in einem Land der kontrollierten Medien sowohl schwierig als auch höchst riskant. Entsprechend wenig ist über die Menschen, die in Österreich eine neue Heimat suchen, und über das Selbstverständnis ihrer Kultur bekannt.
Susanne Scholl, Moskau-Korrespondentin des ORF, zeichnet mit "Töchter des Krieges" ein tiefenscharfes Bild der tschetschenischen Gesellschaft. Sie greift anhand von Lebens- und Familiengeschichten einzelner Frauen seit den stalinistischen Gräueln weit über die aktuelle Situation hinaus, ohne dass diese zu kurz kommt.
Die Geschichte der Tschetschenen ist die eines Volkes, das Jahrhunderte lang staatlich fremdbestimmt immer auf Selbstorganisation angewiesen war, was die starren archaischen Regeln einer Stammesgesellschaft zwar nicht sympathischer, aber verständlich macht: eine Welt, in der Gesetze der Clanzugehörigkeit, Blutrache und Frauenraub Bestandteil der Kultur sind und wo Sitte und Brauch zuweilen starrsinnig exekutiert und von den Opfern meist kritiklos hingenommen werden.
Scholls Blick ist nicht unkritisch, aber verständnis- und liebevoll, sie respektiert die Stärken dieses Gesellschaftssystems und vor allem die Frauen, die ihre Familien in Ruinen durchbringen und ihre toten Männer suchen und begraben, sie zeigt sie als das, was sie sind: anders.

Gudrun Braunsperger in FALTER 48/2007



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