Allergien auf dem Vormarsch. Die Entstehung einer Volkskrankheit

Mark Jackson


Im Jahr 1819 schrieb der britische Arzt John Bostock einen detaillierten Bericht über die "periodische Anfälligkeit von Augen und Brust", an der er selbst seit Jahren litt. Das war die erste exakte klinische Beschreibung des Heuschnupfens. Nur: Wie kam es zu dieser Allergie? Viele Ärzte tippten von Anfang an auf die Grasblüte, manche auf den Kontakt mit Tieren. Besonders die "Ausdünstung der Hasen" war verdächtig.
Über eines waren sich die Experten aber einig: Bei den Armen kam das nicht vor. Je gebildeter und vornehmer, desto anfälliger der Mensch, erklärte etwa der Medizinprofessor Sir Andrew Clark. Das erkenne man daran, "dass der Heuschnupfen den Mann vor der Frau befällt, den Vornehmen vor dem Primitiven", und überall wo er hinkomme, wähle er als Erstes die englischsprachige Rasse als Opfer aus.
"Allergien wurden zur schicken Krankheit einer gesellschaftlichen Elite", schreibt der britische Medizinhistoriker Mark Jackson in seiner exzellent recherchierten Kultur- und Wissenschaftsgeschichte der Allergie. Anekdotenreich schildert er die Begleitumstände dieser modernen Volkskrankheit, die längst nicht mehr als Statussymbol taugt. Bis heute hält jedoch das Rätselraten über ihre Ursachen an. Und während die Ärzte einst zur Vorbeugung Kokain, Chinin, Arsen oder Tabakrauch empfahlen, rät man heute eher zur Hygienevermeidung: Sorgen Sie sich nicht, wenn Ihr Jüngstes einen Regenwurm isst. Es könnte gesund sein.

Bert Ehgartner in FALTER 47/2007



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