Generation Sexkoffer. Jugend in den 80er Jahren zwischen politischem Klimawandel,...

Sigrid E Rosenberger, Martin Wassermair


Morrissey muss warten

Der Name meines Kärntner Heimatdorfs könnte mit "Himmelberg" treffender nicht gewählt sein. Du sitzt da in einem Tal und siehst neben den Kühen auf der Wiese im Prinzip nur Berge und den Himmel. Bei passendem Wetter tauchen die Karawanken am Horizont auf und erinnern in ihrer schroffen Schönheit selbst beim Blick in die Ferne gleich an die Beengtheit Kärntens, die sich ja nicht nur in der Landschaft manifestiert. Himmelberg liegt keine zwanzig Kilometer vom errechneten Mittelpunkt des Bundeslandes entfernt; am Weg zwischen Klagenfurt und dem Weltcup-erprobten Skiort Bad Kleinkirchheim hat man bei der Himmelberger Ortsdurchfahrt etwas mehr als die Hälfte des Wegs zurückgelegt.
Einen Fußballplatz gibt es im Dorf und eine Kirche, eine Abordnung der Landjugend und ein Musikkapelle, einen Schießsportverein und mehrere Gasthäuser. Die Bezirkshauptstadt Feldkirchen ist rund sieben Kilometer entfernt; der gleichnamige Bezirk taucht in einschlägigen Statistiken immer wieder einmal ganz vorne auf: jener mit der höchsten Arbeitslosenrate Österreichs und jener mit dem höchsten Haider-Wähleranteil des Landes. Ich wurde im Juni 1974 in dieses Himmelberg hineingeboren und habe die ersten zwanzig Jahre meines Lebens dort verbracht – vier Jahre Volksschule in Himmelberg selbst, danach Sporthauptschule, Handelsakademie und Zivildienst in Feldkirchen.
Klingt schlimm, war es aber nicht. Schließlich lehrten meine Eltern mich von Geburt an, dass die Provinz kein Ort, sondern ein Zustand sei, und dass es vor allem eine Frage des Kopfes sei, diesem Zustand zu entkommen. Mama und Papa waren so etwas wie undogmatische Hippies. Von den Beatles, den Stones, Hendrix, Dylan & Co über die Doors, Love und Phil Ochs bis zu Soft Machine, Velvet Underground und Red Krayola enthielt ihre Plattensammlung praktisch alles, was die Sixties zu den Sixties gemacht hatte.
Frei von Wertkonservatismus mochten sie aber auch später nicht aufhören, sich für aktuelle Popmusik zu interessieren. Diverse Größen des Glamrock waren in unserem Wohnzimmer ebenso zuhause wie die frühen britischen und amerikanischen Punkbands sowie die ersten New Yorker HipHop-Künstler. Für Disco und Soul hatten meine Eltern ebenfalls ein Faible, und Jazz mochten sie am liebsten, wenn ihm ein "Free" vorangestellt war.
Die Musikbegeisterung hatte ich also mit der sprichwörtlichen Muttermilch aufgesogen, und was ich nicht von selbst checkte, hat mir mein älterer Bruder nahegebracht. Das Schlüsselerlebnis meiner Kindheit verdanke ich aber nicht ihm, sondern Tante Jennifer, die im britischen Manchester lebte und dort für eine Plattenfirma arbeitete. Bei einem Besuch nahm sie mich im Sommer 1984 mit zur Signierstunde einer jungen lokalen Band, die in England bereits für Begeisterung sorgte. Tante Jenny meinte gar, sie könnten so etwas wie die Beatles der Achtzigerjahre werden.
Die Band hieß The Smiths, und an diesem Julitag bekam auch ich ihr Debütalbum von allen vier Mitgliedern signiert. Ich hatte noch keinen Ton von ihnen gehört, war aber hin und weg von diesem eigenwilligen Sänger namens Steven Patrick Morrissey, der mich da kurz angelächelt hatte. Ab diesem Moment waren The Smiths die Größten für mich, und als sie sich nur wenige Jahre später wieder auflösten, gründeten mein Bruder und ich sogar eine Smiths-Tribute-Band, mit der wir ihre Songs in eigenwilligen Übersetzungen coverten: "Panik in den Straßen Kärntens, Panik in den Straßen Steiermarks. Ich frage dich und mich: Wann macht das Leben endlich mal Sinn?", hieß es da, oder: "Ich bin dein Licht, das niemals bricht, ich bin dein Licht, das niemals bricht ..."

Ich und die Wirklichkeit

So oder so ähnlich hätte eine Kindheit und Jugend in den Achtzigerjahren unter völlig anderen Bedingungen als meinen wohl tatsächlich verlaufen können. Aber hätte wirklich ich dieses scheinbar so große Los gezogen, wäre vermutlich nicht der Musikschreiber und Plattensammler aus mir geworden, der ich heute bin. In Wirklichkeit genügte meinen Eltern die Musik, die im Regionalradio lief; der Kauf von Schallplatten bedeutet für meinen Vater in erster Linie hinausgeschmissenes Geld, und mein großer Bruder ist tatsächlich eine kleine Schwester, deren einziges Fantum einst dem Musicaldarsteller Uwe Kröger galt; heute fährt sie alle paar Jahre zum Robbie-Williams-Konzert.
Das Umfeld meiner Kindheit und Jugend schließlich war ziemlich genau das Gegenteil von weltoffen und fortschrittlich. Meinen ersten Kuss bekam ich etwa von einer Schulkollegin, deren Vater viele Jahre später als jener Landesrat österreichweit bekannt werden sollte, der bei Haiders Ortstafelverrückungsfarce kräftig zupackte und dem Aussprüche der Güteklasse "Der Rechtsstaat ist das eine, das gesunde Volksempfinden das andere" folgen ließ.
Für ihre Verwandtschaft kann sie natürlich nichts, für die Gegend, aus der ich komme, ist diese Episode aber bezeichnend. So gilt mein Banknachbar aus der Sporthauptschule heute als Nachwuchshoffnung der Kärntner ÖVP, und meine Schuldirektorin in der Handelsakademie wurde anno 2000 als Kurzzeitsozialministerin der ersten blau-schwarzen Koalition auffällig. Musiknärrisch war ich aber tatsächlich schon sehr zeitig. Seit ich den Begriff "Hobby" kenne, kam "Musik hören" stets an erster Stelle, und mit dem Hören alleine war es nie getan: Ich wollte alles über die Menschen hinter der Musik sowie die Geschichte einzelner Platten wissen und hatte das kleine Schallplattengeschäft in Feldkirchen bereits im Volksschulalter als Ort des großen Glücks entdeckt.
Im Frühherbst 1982 hatte ich im Himmelberger Lebensmittelgeschäft eine Zeitschrift namens Bravo entdeckt, die am Cover mit einem Beitrag zum zwanzigjährigen Jubiläum des ersten Beatles-Hits "Love Me Do" lockte. Mein Vater ließ sich zum Kauf des bunten Blattes überreden, das mir eine völlig neue Welt eröffnete – und auch gleich klarmachte, dass einer der vier Beatles keine zwei Jahre zuvor erschossen worden war. In Bravo stand alles, was ich über die Band wissen musste, und noch viel mehr als das. Abgesehen von John, Paul, George und Ringo kannte ich praktisch nichts und niemanden, fand aber alles unglaublich aufregend.
Meine Musik musste ich anfangs übers Küchenradio oder die elterliche Anlage im Wohnzimmer hören. Zu Ostern 1983 bekam ich dann einen eigenen Radiokassettenrecorder. Die Kassette – die bei sechzigminütiger Spielzeit ungleich mehr als ein heutiger CD-Rohling kostete – wurde auf Jahre hinaus zum wichtigsten Medium, bespielt mit Liedern aus Ö3-Sendungen wie dem vormittäglichen "Hitpanorama", dem abendlichen "Treffpunkt" oder, allen voran, Udo Hubers wöchentlicher "Hitparade". Gegen Ende der Achtziger wurden "Hitparade" und "Hitpanorama" zusehends gegen das sonntägliche "Popmuseum", fallweise den "Nachtexpress" und vor allem die anfangs noch nachmittags ausgestrahlte "Musicbox" ausgetauscht; Letztere sollte in meiner mittleren und späteren Teenagerzeit zum wichtigsten Fenster zur Welt da draußen werden.

Fight for Your Right (To Party)

HipHop erlebte in den frühen Achtzigern einen ersten großen Boom, wobei die ursprünglich aus vier Säulen (Rap, Plattendreherei, Breakdance, Graffitikunst) bestehende Kultur in ihrer kommerziellen Verwertung damals nicht wie heute auf den Rap, sondern aufs Breakdancing reduziert wurde. Als eigenständiger Musikstil – und vor allem: als eine eigene, vom weithin gitarrenorientierten Rock- und Popgeschehen ein Stück weit abgekoppelte Kultur – hatte sich HipHop in der öffentlichen Wahrnehmung aber noch lange nicht etabliert.
Mein Hauptschulfreund (der heutige ÖVP-Mann) hatte zwar sehr zeitig eine LL-Cool-J-Platte, aber das wurde einige Jahre nach "The Message" und "Hey You" ebenso als ein Novelty-Ding wahrgenommen wie die Beastie Boys mit ihrem "Fight for Your Right (To Party)", Run DMC mit "Walk This Way" oder Cameo mit "Word Up". Dass unter den eben erwähnten Acts mit den Beastie Boys auch bis heute erfolgreiche Langzeitsuperstars vertreten sind, ist kein Zufall. Vermutlich waren die Achtziger die letzte Dekade, in denen sich abseits kurzfristiger Gewinn-und-Verlust-Rechnungen der großen Plattenfirmen nachhaltige Popkarrieren echter Künstlerpersönlichkeiten aufbauen ließen; nach wie vor ist die Liga der absoluten Popsuperstars durchwegs von Achtzigerjahrefiguren geprägt.
Mainstream-Ikonen wie Madonna, Kylie Minogue oder George Michael gehören da ebenso dazu wie die Heavy-Metal-Schwerstverdiener Metallica oder alternative Popstars à la Björk und Nick Cave. Im deutschsprachigen Raum sieht es ähnlich aus: Herbert Grönemeyer ist in den Achtzigern groß geworden, genau wie die ursprünglich aus dem Punkunderground stammenden Bands Die Ärzte und Die Toten Hosen.
Zwischen 1987 und 1989 hatte ich zu beiden ein sehr inniges Verhältnis; die Gretchenfrage "Hosen oder Ärzte?" hat sich für mich so nie gestellt, obwohl die Düsseldorfer erst im Windschatten der Berliner bei mir angekommen waren. Die Ärzte hatten schon 1984 eine große Faszination ausgeübt. Bravo begann in diesem Jahr, ausführlich über sie zu berichten, und ich wurde zum Fan, ohne einen Ton ihrer Musik gehört zu haben. Mir gefiel, wie sie aussahen, mir gefiel das Chaos, das sie inszenierten, mir gefiel der Bandname, mir gefiel das gesamte Image. Die Musik brauchte ich fürs Erste gar nicht zu hören, um zu wissen, dass Die Ärzte interessant und vor allem auch irgendwie anders waren.
Letztlich waren es wohl Die Ärzte und Die Toten Hosen, die mein Interesse für jene alternativen Welten weckten, die in den Achtzigern noch ganz einheitlich unter dem Begriff "Undergroundmusik" laufen konnten. Meine ersten "Undergroundplatten" kamen von Cure, den Sex Pistols, Drahdiwaberl, Sisters Of Mercy, den Goldenen Zitronen, New Model Army, Phillip Boa & The Voodoo Club, Sugarcubes, The Clash, Einstürzende Neubauten, New Order, Pixies, Fugazi, der Wiener Band Bomb Circle und The Smiths. Für Letztere war ich eindeutig noch zu früh dran; anstatt von Morrissey an der Hand durch meine Kärntner Jugend geführt zu werden, blieb die Band wie so vieles ein Fall für die spätere Entdeckung.
Erstmals gehört hatte ich The Smiths schon mit 13 oder 14 bei Angelika Lang im Treffpunkt Ö3. Sie spielte da ein Lied, von dem ich erst geraume Zeit später erfahren sollte, dass es "Panic" heißt und die am Ende ständig wiederholte Schlüsselzeile "hang the DJ" lautet. Vor dem Radiogerät sitzend verstand ich stattdessen "hang the teacher" und besuchte tags darauf den Plattenladen in Feldkirchen, um im dort aufliegenden heiligen Buch – einem großformatigen Wälzer aller lieferbaren Schallplatten – nach der Smiths-Platte mit dem Stück "Hang the Teacher" zu suchen. Am nächsten kam dem in meiner Logik "The Headmaster Ritual", enthalten auf der zweiten Smiths-LP "Meat Is Murder", die dann auch bestellt wurde. Eine Woche darauf ärgerte ich mich nach zweimaligem Hören über 179 schlecht angelegte Schilling, wurde darauf doch nachweislich kein Lehrer gehängt und auch kein vergleichbarer Hit geboten.

Smells Like Teen Spirit

Blickt man ohne schenkelklopferische Absicht ("Diese Frisuren! Diese Klamotten!") auf die Popmusik der Achtziger zurück, wirkt diese Dekade deutlich besser als ihr Ruf. Die frühen Jahre waren noch stark von den Ausläufern des Punk geprägt, in den mittleren Achtzigern folgte diesem Verklingen der letzten wirklichen Rock-'n'-Roll-Revolte die große Orientierungslosigkeit bzw. der Rückzug in den Underground, während an der Oberfläche die völlige Bedeutungslosigkeit (prototypisch verkörpert durch Modern Talking) mit bedeutungsschwerem Rockmusikantentum der alten Schule (U2, Bruce Springsteen & Co) konkurrierte und Pop mittendrin auch noch zur globalen Wohltätigkeitsveranstaltung wurde (Band Aid und die Folgen).
Die in den späten Achtzigern bereits in voller Blüte stehenden Independent-Netzwerke, eine vitale US-amerikanische HipHop-Szene sowie das vermehrte Einsickern elektronischer Produktionsmittel und Clubkulturversatzstücke nahmen bereits die Entwicklung der Neunziger vorweg: Grunge, der Aufstieg von HipHop zur – US-amerikanischen – Mainstreampopsprache und die Omnipräsenz elektronischer Musik im – europäischen – Pop. Noch etwas ist interessant: Obwohl der klassische Rock'n'Roll mit Punk an einem Endpunkt angekommen war, tauchten die für die spätere Entwicklung der Popkultur so zentralen Begriffe "retro" und "Revival" in den Achtzigern praktisch noch nicht auf.
Kapiert habe ich all das erst einige Zeit nach dem Ende des Jahrzehnts. Und obwohl ich den Pop der Achtziger – zumindest in seiner kommerziell erfolgreichen Ausformung – zwar beinahe von Beginn an bewusst erlebt habe, ist es in Sachen Sozialisation für mich erst mit 16, 17 wirklich interessant geworden. Im Sommer 1990 habe ich innerhalb von zwei Wochen David Bowie (in Linz) und die Pixies (in Wien) live gesehen und erstmals einen echten Undergroundplattenladen betreten, das längst verblichene Why Not in der Wiener Otto-Bauer-Gasse. Spätestens mit Nirvanas "Nevermind" (Herbst 1991) und Blumfelds "Ich-Maschine" (Anfang 1992) war dann endgültig nichts mehr, wie es vorher war. Der Weg dorthin gestaltete sich – der Provinz sei Dank – lang und verworren. Aber wie heißt es in "Smells Like Teen Spirit": "I found it hard, it was hard to find / Oh well, whatever, nevermind.

Gerhard Stöger in FALTER 47/2007



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