Norman Mailer. Das Schloss im Wald

Norman Mailer


Meet the Hitlers

Was haben Jesus, Marilyn Monroe, Lee Harvey Oswald, Muhammad Ali und Adolf Hitler gemeinsam? Genau, Norman Mailer hat jedem von ihnen ein dickes Buch gewidmet. Der am 10. November im Alter von 84 Jahren verstorbene Autor hat in seinen sechzig aktiven Jahren als Enfant terrible der US-Literatur eine Menge Holz gehackt, und in der Regel waren gerade die größten Bäume gut genug, um seine hemdsärmelige Imagination in Gang zu bringen. Mit Mailer ist einer der letzten Autoren alter Schule abgetreten, der in seinem Werk die ganze Welt umspannen wollte. Das galt von seinem furiosen Weltkriegsroman "Die Nackten und die Toten" (1948) an bis zu dem kurz vor seinem Tod veröffentlichten letzten Werk "Das Schloss im Wald".
Dieser "Roman mit historischer Grundlage", wie Mailer das Buch in seiner Vorbemerkung nennt, erweist den Autor als ungebrochenen Kraftlackel. Schon hoch in seinen Siebzigern begann er ein großangelegtes Projekt über Hitlers Vorfahren und dessen Kindheit. "Das Schloss im Wald" reicht von den Großeltern bis zu Adolfs 15. Lebensjahr, von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1904, und ergründet das Umfeld, in dem der Führer aufwuchs. Mailer kündigt im Epilog sogar noch einen zweiten Roman über Hitler an, der die1920er-Jahre und Hitlers unklare Beziehung zu Geli Raubal, der Tochter seiner Halbschwester Angela, zum Inhalt haben sollte. Möglich, dass Fragmente davon bald auftauchen werden. Fürs Erste aber hat der Leser mit der Geschichte vom kleinen Adi und dessen Ahnen genug zu tun.
Mailer geht es erklärtermaßen darum, die Wurzeln des Bösen zu ergründen. Er will nicht verurteilen, sondern verstehen. Um sich dabei nicht auf zu dünnes Eis zu begeben, fungiert er in dem Buch nicht selbst als Erzähler, sondern wählte als Perspektive die Augen des Teufels; so nach dem Motto: Nur der Teufel kann Hitler erklären. "Nennen Sie mich einfach D.T.", hebt der Erzähler also an. Und behauptet er anfangs noch, Dieter zu heißen und im Zweiten Weltkrieg als SS-Mann für Heinrich Himmler heimlich über inzestuöse Beziehungen unter Hitlers Vorfahren und über des Führers Einhodrigkeit geforscht zu haben, so gibt er sich doch recht bald als der Leibhaftige bzw. als einer aus dessen Heerschar zu erkennen.
Mailers erzählerischer Zugriff ist ebenso gewagt wie geschickt. Überall dort, wo die Dokumentenlage über Hitlers Großmutter oder über dessen reihenweise Zimmerwirtinnen und Köchinnen flachlegenden Vater Alois, dem Mailer sehr viel Platz einräumt, dünn wird, schiebt der Autor den Teufel vor, der Adolf stets beobachtet habe: "Deshalb bin ich in der Lage, mit einer Selbstsicherheit über sein frühes Leben zu schreiben, die kein Biograf auch nur ansatzweise besitzt."
Wir sehen Klein Adolf als unsicheres Kind, das in der Schule zunächst Außenseiter ist, aber beim Kriegspielen im Wald bald einiges strategisches Geschick zeigt. Wir bekommen die fehlende Vaterliebe vor Augen geführt und dass sich der Sohn ein wenig mitschuldig fühlte am Tod seines Erzeugers. Wir hören Adolf die Bäume im Wald anschreien und folgen dem Knaben nach Linz in die Oper (dass dort 1900 bereits Linienbusse herumgekurvt sein sollen, glauben wir aber weder Onkel Norm noch Luzi).
Wo die Wurzeln des Bösen nun wirklich liegen, bleibt auch am Ende ungeklärt. In seiner über weite Strecken faszinierenden Erzählung gelingt es Mailer aber immerhin ziemlich überzeugend, ein ganz normales Baby in ein ziemliches Scheusal von einem Knaben zu verwandeln.

Sebastian Fasthuber in FALTER 47/2007



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