Tod des Professors. Erzählungen

William Trevor


Iren ist menschlich

Wer Erzählungen normalerweise nicht allzu viel abgewinnen kann, weil sie schon wieder zu Ende sind, wenn man gerade richtig begonnen hat, sich für die Sache zu interessieren, dem sei "Tod des Professors" ans Herz gelegt. Diese Erzählungen von William Trevor sind kleine Romane mit dem Vorteil, nicht so viel Lese- und damit auch Lebenszeit zu verschlingen. Sie eröffnen auf kaum zwanzig Seiten ganze Kosmen; wobei mit Kosmen hier die irischen Landsleute gemeint sind, denen Trevor aus der "Außen"-Perspektive seiner englischen Wahlheimat und mit einem ganzen Menschenleben an Erfahrung im Gepäck (nächstes Jahr feiert er seinen achtzigsten Geburtstag!) kleine Denkmäler setzt.
Vom protestantischen Pastor, der plötzlich Besuch von seinem katholischen Kollegen bekommt, über die Heiratsschwindlerin, die sich wahrscheinlich doch noch in den schweigsamen Putenzüchter verliebt hat, über den titelgebenden Professor, der gar nicht tot ist, sondern aufgrund eines makaberen Schabernacks seinen eigenen Nachruf in immerhin vier Zeitungen lesen muss, bis zum neunjährigen Mädchen, das von seiner Mutter zu einer zweifelhaften Filmkarriere getrieben wird, und zum 23-jährigen Burschen, der im Londoner Arbeitsexil, ohne sich recht dagegen wehren zu können, als Bombenleger angeworben wird, sich im letzten Moment aber ermannt und abspringt – und der am Schluss der Erzählung "Trauer" weiß, dass er sein ganzes Leben lang niemandem von dieser Erfahrung wird erzählen können. "Wer weiß schon, was einen Menschen zu dem macht, was er ist", heißt es an einer Stelle. Und ein anderes Mal: "Nichts war je ganz so, wie es schien." Es geht um die kleinen Geheimnisse, über die man nicht reden kann – aber über die Trevor so trefflich zu schreiben vermag wie kaum ein anderer, vergleichbar mit dem großen Melancholiker Tschechow, jedoch mit einem weitaus versöhnlicheren Grundton. Trotz der durchaus sehr irischen Themen – vom Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten bis zu den Problemen der Landflucht – spiegeln sich, was kann man Besseres über ein Stück Literatur sagen, in diesen Erzählungen die Themen der Menschheit wider.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 47/2007



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