Als ob ein Engel. Erzählungen nach dem Leben

Erich Hackl


Ein unerbitterlicher Engel

Erzählungen nach dem Leben", wie sie Erich Hackl, Martin Pollack oder Alex Capus immer wieder vorlegen, entlang Ereignissen also, die sich "wirklich" zugetragen haben, sorgen innerhalb des Literaturbetriebs immer wieder für Erleichterung und werden deswegen zumeist sowohl von der Kritik als auch vom Publikum mit Wohlwollen aufgenommen: Endlich einmal nicht den Gehirnwindungen eines narzisstischen Autors folgen, sondern sich an einer Geschichte erfreuen, wie sie das Leben selbst schrieb – denn das Leben schreibt bekanntlich die spannendsten und grausamsten Geschichten. Die Redaktionsleistung des Autors gerät dabei leider nur allzu oft entweder aus dem Blickfeld oder wird als "hehre Tat" auf das außerliterarische Feld der Moral transferiert.
Der langen Rede kurzer Sinn: Erich Hackl hat es wieder getan – und dabei das feine Gespür bewiesen, für das er bereits bekannt ist. Nicht nur im Auffinden des Schicksals, über das da berichtet wird – jenes der verschleppten argentinischen Revolutionärin Gisela Tenenbaum –, sondern auch in der Art und Weise, wie er als Autor zurücktritt und den Stimmen der Freunde, Mitstreiter und Familienangehörigen Raum bietet. Etwa jenen von Helga und Willi, den rührigen Eltern Giselas, die in Stadlau bzw. Ottakring aufwuchsen und die der Nazi-Terror nach Südamerika vertrieb, wo sie sich kennen lernten und eine Familie gründeten, nicht ahnend, dass die Geschichte von Flucht und Verfolgung damit noch nicht zu Ende sein sollte.
Gisela Tenenbaum, ein Ausnahmekind mit blonden Locken und makellosem Charakter, das sich der peronistischen Guerilla anschließt und am Karfreitag 1977 mit erst 22 Jahren verschwindet, wird in der Erinnerung ihrer Angehörigen und Weggefährten, aber auch vom Autor zum Engel stilisiert; wobei Engel, wie wir seit Rilke wissen, zum Schrecklichen tendieren. "Als ob ein Engel" lautet der Titel des Buches dann auch zweideutig – und spielt damit gleichzeitig auf den besonderen "Status" von Gisela zwischen den Lebenden und den Toten an.
Ernsthaft, fair und bescheiden, kameradschaftlich, hilfsbereit und willenstark, ehrgeizig, diszipliniert und fleißig soll "Gisi" gewesen sein. Wie diesem Engel der Tugend, der zudem in einer zutiefst pazifistischen Familie aufwuchs, der Sprung zum Racheengel gelang, gehört zu den unbeantworteten Fragen dieses Buches. Denn als Guerillerakämpferin nahm sich Gisi ganz bewusst das Recht heraus, zu töten und die Welt nach ihrer Fasson zu retten – eine Haltung, die damals allenthalben in der Luft lag, von heute aus gesehen aber beinahe schon "historisch" anmutet.

Als ihr Lebensgefährte Alfredo schon tot war, machte Gisela weiter. Aus einem Gefühl der Fairness den Mitkämpfern gegenüber oder wegen der ihr eigenen unheimlichen Konsequenz? Oder um die Sinnlosigkeit dieses Kampfes nicht zugeben zu müssen? Gerade aus diesen Widersprüchen und Brüchen bezieht "Als ob ein Engel" seine Spannung. Und aus den gegensätzlichen Charakteren der beiden älteren Tenenbaum-Schwestern Gisi und Heidi – Letztere eine lebenslustige, ganz und gar unpolitische Persönlichkeit, deren Zorn auf die Unerbittlichkeit der Schwester – deren Verschwinden das Leben der Familie immer noch prägt – Hackl verständlicher erscheinen lässt als Giselas politische Mission. Daneben bleiben aber auch die Schilderungen des Alltags und der Stimmung in der argentinischen Provinzstadt Mendoza, der liberalen Atmosphäre im Elternhaus Tenenbaum oder der österreichischen Kindheit von Helga und Willi eindrücklich im Gedächtnis.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 47/2007



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