Gletscher im Klimawandel. Vom Eis der Poalrgebiete zum Goldbergkees in den Hohen...

Wolfgang Schöne, Ingeborg Auer


Wer geht hier unter?

Die Klimatologie wurde in den Achtzigerjahren aus dem Zustand einer normalen Wissenschaft, die relativ wenig beachtet ihr ruhiges Dasein fristete, jäh ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt. Es war jene Zeit, in der der Einschätzung unserer Wissenschaft nach der menschliche Einfluss auf das globale Klima endgültig mit all den natürlichen Gründen für Klimaschwankungen vergleichbar wurde – und zwar über den schon oft beschriebenen Effekt der Treibhausgase, die wir in die Atmosphäre lassen. Dieser Einfluss des Menschen auf das globale Klima ist unbestritten und wird wohl auch noch längere Zeit weitergehen. Die normale, angemessene Reaktion einer hochkomplizierten Zivilisation wie der unsrigen auf eine ernste Herausforderung wäre, rational zu reagieren. Das heißt, möglichst genau zu analysieren, wo die Probleme liegen, und dann Strategien zu entwickeln, wie die Nachteile der neuen Rahmenbedingung für unsere Existenz möglichst gering gehalten und die Vorteile der Veränderung möglichst gut genutzt werden können. Allerdings steht ein Wissenschaftler, der sein Metier ernst nimmt, mit einer gewissen Fassungslosigkeit einer Wissenschaft vom Klima gegenüber, die sich zurzeit "heftig postnormal" präsentiert. Den sehr treffenden Ausdruck "postnormal" hörte ich zum ersten Mal von meinem Kollegen aus Hamburg, Hans von Storch. Er unterschied in einem Vortrag zwischen einer "normalen" Naturwissenschaft, die sich darum bemüht, die Natur zu verstehen und zu beschreiben, und einer "postnormalen", die von ihren Proponenten zu verschiedensten Zwecken benutzt wird. Die Skala reicht dabei von "politischer Waffe" über "Gewinnstreben" bis hin zu auch hehren Zielen wie "Rettung der Welt".
Meine Waffe zur Verteidigung meines Fachgebietes gegen postnormale Entgleisungen besteht im ständigen Bemühen um Exaktheit sowie um höchstmögliche Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Ich muss mich hier auf einen kleinen Mosaikstein im großen und noch nicht voll und ganz verstandenen Puzzle des vernetzten Klimasystems beschränken. Lassen Sie es mich mit dem Thema "Gletscher und Meeresspiegel" versuchen – einem ernsten und realen Problem im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Gerade deshalb ist hier eine besondere Qualität der Aussagen gefordert, und zwar nicht nur in qualitativer, sondern auch und vor allem in quantitativer Hinsicht. Es ist richtig, aber banal und für die Praxis nutzlos, einfach in den Raum zu stellen, dass "die Klimaerwärmung (...) einen Anstieg des Meeresspiegels verursachen (wird)", wenn keine Angaben von der Art "cm pro Jahrzehnt" oder, wie bei Al Gore, "several meters this century" folgen – nur in letzterem Fall würden die Niederlande sowie große Teile Manhattans und Bangladeschs in den Fluten verlorengehen. Doch wie seriös sind derartige Horroszenarien, in denen New York überschwemmt wird und das gesamte Grönlandeis schmilzt?
Ich verwende hier die Zahlen des neuen IPCC-Reports, des alle fünf bis sechs Jahre erscheinenden wahren Monsterwerks des UN-Klimarats, das versucht, den aktuellen Stand der Wissenschaft des Klimas und seiner Veränderlichkeit zusammenzufassen. Ein kühnes Unterfangen, das aber, ähnlich wie nach Churchills Bonmot über die Demokratie als "schlechte Regierungsform, aber ich kenne keine bessere", ohne Konkurrenz dasteht und nur wärmstens empfohlen werden kann. Meine Empfehlung gilt aber nur für die Vollfassung, die seit kurzem in Buchform vorliegt, aber auch gratis unter www.ipcc.ch heruntergeladen werden kann. Es sind das insgesamt rund 3000 Seiten, die die physikalischen Grundlagen (Band 1), die Auswirkungen und Anpassungsmöglichkeiten (Band 2) und die Vermeidungsstrategien (Band 3) detailliert beschreiben. Das klingt abschreckend, und kaum jemand wird den vollen Report wie ein Buch zur Gänze lesen. Er kann aber wie ein Lexikon verwendet werden.
Viel weniger schätze ich die verschiedenen politisch verhandelten Kurzfassungen des Reports. Eine davon, der vierte Teil des UN-Klimaberichts, ist letzte Woche in Valencia politisch approbiert und der Öffentlichkeit präsentiert worden. Im Unterschied zum vollen Report wird bei diesen "Summaries for Policymakers" nicht nur wissenschaftlich normal, sondern kräftig politisch postnormal um Formulierungen gerungen und auch notgedrungen sträflich vereinfacht. So versucht der vierte Teil des UN-Klimaberichts auch den letzten Zweiflern klarzumachen, dass eine Erderwärmung stattfindet. In dem Kurzbericht ist unter anderem zu lesen, dass bei einem weiteren Anstieg der Temperatur auf lange Sicht das gesamte Eisschild Grönlands schmilzt – und so der Meeresspiegel um sieben Meter steigt. Doch in dieser verkürzten Form ist das eine gewagte Behauptung.
Das lässt sich anhand einiger Fakten über das Eis und den Meeresspiegel erklären: Vor geologisch kurzer Zeit, vor 25.000 Jahren, auf dem Höhepunkt der letzten großen Vereisungsphase der Erdgeschichte, war beinahe dreimal so viel Eis auf den Kontinenten vorhanden wie heute. Das meiste davon bedeckte weite Teile Nordeuropas und Nordamerikas. Der Meeresspiegel lag um 120 Meter tiefer als heute, wodurch Randmeere wie die Nordsee oder die Adria trocken lagen und Nordamerika mit Asien verbunden war. Es liegt nun nahe, zu befürchten, dass infolge der globalen Erwärmung durch Treibhausgase ein drastischer Anstieg des Meeresspiegels zum Hauptproblem der Menschheit werden könnte. Genauere Überlegungen zeigen jedoch, dass dieser anscheinend so einfache Schluss in Wahrheit so einfach nicht ist. Denn wenn die Temperatur zunimmt, werden die polaren Eisschilde mehr Niederschlag empfangen, da eine wärmere Atmosphäre mehr Wasserdampf aufnehmen und transportieren kann. So kalt, wie es in der Antarktis ist, wird dieser Niederschlag nicht nur als Regen, sondern größtenteils in Form von Schnee fallen. Das heißt: Die Erderwärmung führt in der Antarktis zunächst zu einem Anstieg der Inlandseismasse. Laut den aktuellsten Modellrechnungen für das 21. Jahrhundert wird die Erderwärmung aber nicht überall zu einer Zunahme des Eises führen: Während in der größeren Ostantarktis die Eismasse insgesamt zunimmt, wird sie in der kleineren Westantarktis abnehmen.
Auch in Grönland wird die Eisschicht ein wenig schmelzen. In Summe führt das dazu, dass der Meeresspiegel steigt – jedoch nur in einem eher geringen Ausmaß. Den Annahmen nach wird der Anstieg bis Ende dieses Jahrhunderts insgesamt zwanzig bis fünfzig Zentimeter betragen. Das teilweise Schmelzen des grönländischen Eises würde laut den Modellrechnungen des UN-Klimarates zu einem Anstieg des Meeresspiegels von einem bis acht Zentimetern führen – und keinesfalls sieben Metern. Die Wirtschaftswissenschaften wären nun dazu aufgerufen, die ökonomischen Unterschiede zwischen zwanzig und fünfzig Zentimetern Meeresspiegelanstieg zu berechnen. Diese zweifellos enormen Summen wären ein guter Vergleichsmaßstab für Mittel, die in die Grundlagenforschung investiert werden sollten, um derartige noch existierende Unsicherheiten möglichst schnell zu vermindern.
In Oscar-prämierten Hollywood-"Docutainments" sieht man jedoch halb Florida, den Hafen von New York und ganz Holland in den Fluten verschwinden. Solche in der Öffentlichkeit kursierenden Horrorszenarien eines Abschmelzens des grönländischen Eisschildes sind unwissenschaftlich. Wer abschätzen möchte, wie sich der Meeresspiegel weiterentwickeln wird, muss auch die Entwicklung über die nächsten hundert Jahre hinaus im Auge behalten. Die thermische Ausdehnung des Ozeanwassers wird weitergehen, wenig beeinflusst davon, wie erfolgreich die Treibhausgase eingedämmt werden. Es wurden bereits Modellläufe durchgeführt, die die Temperaturerhöhungen in den nächsten tausend Jahren errechnen. Es handelt sich dabei um sehr einfache Modelle. Sie errechneten in den nächsten Jahren durchschnittlich einen Meeresspiegelanstieg um einen Meter – mit einer Unsicherheit der Modelle zwischen fünfzig Zentimetern und zwei Metern.
Für Grönland wurden auch längerfristige "Abschmelzmodelle" errechnet. Wenn sich die Temperatur über Grönland weiterhin um mindestens 2,7 Grad Celsius erhöht, würde das Inlandeis Grönlands demnach langfristig komplett verschwinden – allerdings erst nach etwa 3000 Jahren. Doch diese Szenarien sind mit Vorbehalt zu genießen: Ob unser "Treibhauszeitalter" aber länger als einige wenige Jahrhunderte andauern wird, ist zu bezweifeln – die Begrenztheit der Lagerstätten fossiler Energieträger spricht dagegen. Damit sind tausend- und mehrjährige Zukunftsszenarien unter Treibhausgaseinfluss eigentlich müßig. Und deswegen disqualifizieren sich auch die Horrorszenarien aus Hollywood.

All diese Abschmelzmodelle werden derzeit mit großem Aufwand im Rahmen des "Internationalen Polarjahres 2007/08" überprüft. Die Größe und Unwirtlichkeit der Antarktis, Grönlands und des polaren Packeises machen es allerdings nicht leicht, diesen letzten Stücken wirklicher Wildnis auf unserem Planeten ihre Geheimnisse zu entreißen. Wir wären gut beraten, derlei Grundlagenforschung nicht zu vernachlässigen, wie es leider zurzeit passiert. Ich höre zwar andauernd die Wortspenden der Politiker, wie sehr sie sich dessen bewusst sind, aber zumindest in meiner Wissenschaft und in meinem Land sehe ich nur ein überaus geringes Äquivalent in Form von tatsächlicher Förderung der Grundlagenforschung. Das ist langfristig gesehen überhaupt nicht nachhaltig – um dieses selten wirklich ernst genommene Modewort zu gebrauchen. Man wird das spätestens dann erkennen, wenn der schleichende Trend in Richtung Erwärmung nach echten Lösungen verlangt. Wenn dann keine greifbaren Resultate der Grundlagenforschung da sind, werden die schmetterlingsgleich von Blüte zu Blüte lässiger Statements schwebenden Traumtänzer aus dem Fundus des Klimawandelmarketings schnell mit leeren Händen dastehen. Aber dazu bedarf es echter Arbeit, die die Mehrheit der Wissenschaftler ohnehin leistet – hoffentlich werden sie weiterhin und in Zukunft verstärkt mentale und auch reale Unterstützung finden. Es schwimmt sich schwer gegen den Mainstream der öffentlichen Meinung – wie es für "Streams" typisch ist, tendieren diese dazu, den Weg des geringsten Widerstandes zu fließen, der aber schnell zu falschen Erkenntnissen und damit zu falschen Lösungen führen kann.

Reinhard Böhm in FALTER 47/2007



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