Geschenkbücher / Der schönste erste Satz. Buch

Initiative Deutsche Sprache und Stiftung Lesen


Wäre abgestimmt worden, Franz Kafka hätte gewonnen – und zwar nicht mit dem "Prozess", sondern mit der "Verwandlung" (deren Einstiegssatz mit dem von "Gibs auf!" in Wirklichkeit nicht mithalten kann). Pfiffiger ist da schon der Vorschlag, auch Kafkas nichtliterarisches Werk zu würdigen: "Endlich schreitet die Einführung der runden Sicherheitswellen für Holzhobelmaschinen in günstiger Weise fort."
Erste Sätze werden notorisch überschätzt, und große Romane beginnen, wie Rolf Vollmann einmal anmerkte, sehr oft ganz banal. Aber es gibt natürlich auch Erste-Satz-Schriftsteller, Autoren wie Christoph Ransmayr, der in der Auswahl der Beiträge zum internationalen Wettbewerb "Der schönste erste Satz" hier ebenso genannt wird wie Ingeborg Bachmann, Wolf Haas, Erich Hackl, Marlen Haushofer, Robert Musil, Hans Lebert, Robert Schneider und Adalbert Stifter (um einmal nur die Ösis aufzuzählen). Die Auswahl, die von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auch argumentiert wird, ist mitunter bizarr und lässt den Schluss zu, dass viele einfach den ersten Satz ihres Lieblingsbuches ausgewählt haben. Und der Beginn von Brochs "Tod des Vergil" ist kein Satz, sondern eine syntaktische Hydra.
Aber genau dafür ist dieses etwas gar aufwendig gestaltete Buch wohl gut: um es besser zu wissen, um zu vergleichen und zu urteilen. Günter Grass zum Beispiel hat dazugelernt. Der Beginn der "Blechtrommel", na ja, ganz okay, aber "Der Butt" – tadellos: "Ilsebill salzte nach."

Klaus Nüchtern in FALTER 47/2007



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