Zeit und Wien

Ronnie Niedermayer


Die Unterseite der Stadt

Lange Zeit wusste Ronnie Niedermeyer im Grunde nicht, was genau er machte, wenn er tat, was er tat. Er ging vormittags Gelegenheitsjobs nach, nachmittags marschierte er im Zickzackkurs durch die Stadt, von den Rändern ins Zentrum, vom Zentrum an die Peripherie. In seinem Kopf archivierte und ordnete er die Eindrücke. Er sammelte Orte, Menschen, Details von Gebäuden und Landschaften, er häufte Augenblicke an. Gelegentlich hatte er eine Kamera dabei, eine ausgeborgte Hasselblad. Niedermeyer zog ein imaginäres Netz über die Stadt, er schuf ein Koordinatensystem schöner, schön-schauriger, unheimlicher Örtlichkeiten. Eine Sammlung ungewöhnlicher, unbekannter Wien-Ansichten: die Unterseite der Stadt.
Von Juni 2006 bis Juni 2007 besuchte er all jene Plätze, die er auf seinen ausufernden Erforschungsgängen kennen gelernt hatte, nochmals, diesmal mit Stativ, Hasselblad und eigener Kamera.
"Zeit und Wien" nennt sich nun das in jeder Hinsicht erfreuliche Ergebnis dieser Expedition. Christian Brandstätter, Gründer und Leiter des gleichnamigen Verlags, in dem "Zeit und Wien" dieser Tage erscheint, widmete Niedermeyer kürzlich mit den Worten "für den Autorenfotografen R. N." ein Buchgeschenk. "Jetzt weiß ich, was ich eigentlich bin", sagt Niedermeyer ohne Koketterie, ohne Hintersinn.
Ronnie Niedermeyer, 1980 in Wien geboren, von 1993 bis 1998 in Israel wohnhaft, Spross der gleichnamigen Elektronikkette, ist ein freundlicher, ernster Mann. Mit bestimmten Dingen treibt er keine Scherze. Seit drei Jahren ist die Fotografie für ihn mehr als nur Feiertagsknipserei. Er hat sich eingehend mit dem Medium beschäftigt. Er hat viele Zitate berühmter Menschen parat. "Die Fotografie hilft dem Menschen zu sehen", zitiert er etwa die US-Lichtbildkünstlerin Berenice Abbott. Ein Motto, das auch für seine Arbeit gelten könnte.
"Ich habe den mir zuvor unbekannten Begriff ‚Autorenfotograf' gegoogelt. Ein solcher kann sich demnach für seine Projekte nach Lust und Laune Zeit nehmen." Seinem ersten Buch hat er ein Wort Ludwig Wittgensteins vorangestellt: "Lass dir Zeit."
Rund hundert Orte sind in "Zeit und Wien" versammelt, aufgebaut ist das Buch chronologisch, nach der Zeitabfolge eines (fiktiven) Tages. Eröffnet wird die Erkundung mit einem Stillleben mit Bierflaschen, Tisch und Heizkörper, einer Momentaufnahme aus einem aufgelassenen Betriebsbrausebad in Simmering. Auf einer Uhr, die trotz des gezeigten Stillstands weiterzuticken scheint, ist es 7.06 Uhr. Im Mariahilfer Café Kafka, während einer nächtlichen Lesung englischsprachiger Dichter, endet die Fotostadtforschung, 23.55 Uhr. Dazwischen liegt eine Wien-Reise, die sich gleichsam in einer zweiten, zumeist unbeachteten Wien-Welt abspielt: Im Besprechungszimmer des Simmeringer Tierkrematoriums hängt der ausgestopfte Kopf eines Elefanten an der Wand; auf dem Müllplatz Rautenweg, Wien 23, äsen Pinzgauer Bergziegen; in der Confiserie Zum Süßen Eck in der Währinger Straße lagern 82 verschiedene Sorten Lakritze in den Regalen.
Niedermeyer bildet all jene Orte ab, denen er etwas abgewinnen kann. Es zieht den Fotografen dabei keineswegs in die Zentren der Tristesse, an die allbekannten Elendsränder der Stadt. "Zeit und Wien" will kein Gegenbuch zu all jenen Gegenbüchern sein, die das traditionelle, klischeehafte Wien-Bild brechen wollen, indem sie just die urbanen Schattenseiten abbilden. Es ist eine planvolle Irrfahrt, die hier präsentiert wird, eine radikal subjektive Sicht auf die Stadt: ein Reiseführer, ein bibliophiler Lustmacher auf Wien-Weitwanderungen.
Mitunter stößt aber selbst Niedermeyers Entdeckerfreude an ihre Grenzen. Der fanatische Fußgänger, der aufgrund akuter Kilometerfresserei für sein Schuhwerk alle zehn Tage neue Schnürsenkel benötigt, pflegt bisweilen das Faible der Aufspürung absurder, aus dem Stadtplan zuvor ausgewählter Plätze. Der Telephonweg etwa lohnt keine Reise. Weniger als nichts, nicht einmal malerische Einöde ist in dieser Straße im 21. Bezirk zu finden.

Wolfgang Paterno in FALTER 46/2007



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